Minangkabau in Indonesien in traditioneller Tracht | Bild: picture alliance / NurPhoto | Adriana Adie

Gesellschaft in Balance

Eine Gesellschaft, in der beide Geschlechter gleichwertig sind, ohne Gewalt und mit klarer Aufgabenverteilung: das Matriarchat. Entgegen der landläufigen Meinung handelt es sich bei diesen mutter-zentrierten Kulturen nicht um eine Umkehrung des Patriarchats. Weltweit existieren nur noch wenige dieser Gesellschaften, deren Werte sich jedoch zunehmend in zukunftsweisende Bewegungen einflechten.

SUSANNE WOLF, 8. März 2024, 3 Kommentare, PDF

Das Matriarchat gilt als älteste Gesellschaftsform der Welt: Spuren von matriarchalen Gesellschaftsstrukturen wurden bereits der Altsteinzeit zugeordnet. In der Jungsteinzeit begannen die großen Besiedlungsbewegungen, die von den ersten matriarchalen Ackerbauzentren ausgingen und zur weltweiten Verbreitung dieser weit entwickelten Gesellschafts- und Kulturform führten. Erst rund 2000 vor Christus begannen patriarchale Entwicklungen.

Heute gibt es noch rund 20 Matriarchate weltweit, darunter die Mosuo in Südwestchina, das Volk der Khasi im indischen Bundesstaat Meghalaya oder die Einwohner der Stadt Juchitán in Mexiko. Auch die Minangkabau auf der indonesischen Insel Sumatra sind matrilinear organisiert, was bedeutet, dass die Mutterlinie entscheidend ist.

Egalität der Geschlechter

Beim Matriarchat handelt es sich um eine Gesellschaftsordnung, die in allen Bereichen von Frauen geschaffen, geprägt und getragen wird. Entgegen der landläufigen Meinung handelt es sich jedoch nicht um eine Umkehrung des Patriarchats: „Das Faszinierende ist, dass es Gesellschaften sind, die völlig ohne Herrschaft auskommen“, sagt die Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth. Es gebe eine Egalität der Geschlechter, die gleichzeitig die natürlichen Unterschiede respektiert. „Das heißt, Unterschiede werden nicht zu Hierarchie und Abwertung oder Aufwertung genutzt, sondern zu einer gegenseitigen Balance im Bewusstsein des Reichtums der Menschheit, auch der Natur.“

In matriarchalen Gesellschaften sind beide Geschlechter gleichwertig; jedes Geschlecht hat seinen eigenen Aktionsbereich. Das bedeutet auch: In einer solchen Gesellschaft gibt es keine Frauenquoten oder Frauen, die die Rolle von Männern einnehmen. Die Menschen leben in großen Clans zusammen, die aus den Verwandten in der Mutterlinie bestehen. Deswegen sind die Mütter zentral. „Das heißt aber noch lange nicht, dass sie dort herrschen“, sagt Göttner-Abendroth. „Sie haben einfach die größte Achtung, weil alle, die in dem Clan-Haus wohnen, ihre direkten Nachkommen sind.“

Auf der ökonomischen Ebene betreiben Matriarchate Subsistenzwirtschaft mit lokaler oder regionaler Unabhängigkeit. Land und Häuser sind Eigentum des Clans im Sinne eines Nutzungsrechts. Privatbesitz und territoriale Ansprüche gibt es nicht. Die Frauen bestimmen über die wesentlichen Lebensgüter: Felder, Häuser, Nahrungsmittel. Die Clanmutter verwaltet die Güter und verteilt sie gleichmäßig an die Mitglieder. Bei den zahlreichen Festen laden wohlhabende Clans abwechselnd das ganze Dorf oder Stadtviertel ein. Durch diese Ökonomie des Schenkens bleiben die Güter in einem Kreislauf und werden nicht einseitig gehortet.

Gesellschaft ohne Gewalt

Der argentinische Arzt und Autor Ricardo Coler lebte zwei Monate lang mit den Mosuo in Südwestchina und traf auf eine Gesellschaft ohne Gewalt und mit klar verteilten Aufgaben zwischen Frauen und Männern. Auch wenn die Frauen hier das Sagen haben, treffen die Männer wichtige Entscheidungen, etwa über den Kauf eines Hauses. „Männer taugen in den Augen der Mosuo für diese Art von Entscheidungsfindung und für körperlich harte Arbeit“, so Coler.

„Auch in matriarchalen Kulturen wird gestritten oder es vertragen sich zwei Clans im Dorf nicht. Aber die Lösungen für solche Konflikte sind anders als bei uns“, ergänzt Heide Göttner-Abendroth. „Wenn bei uns zwei Menschen in Streit geraten, kommt es zu seelischen Verletzungen, und die beiden Menschen sind meist allein, es hilft ihnen niemand. In matriarchalen Gesellschaften ist bei einem individuellen Streit der ganze Clan da.“ Bei Problemen zwischen den Clans helfe das gesamte Dorf, die Streitigkeit zu lösen. „Das bedeutet: Es ist niemand im Streit allein. Es ist immer eine Gemeinschaftsaufgabe, Konflikte zu lösen“, so Göttner-Abendroth. Dies geschehe durch Verhandlungen und Gespräche, ebenso wie bei der politischen Entscheidungsfindung.

„Matriarchale Gesellschaften regieren sich selbst durch Verhandlungen mit dem Ziel der Konsensfindung.“ Das geschieht über ein sehr ausgeklügeltes System von verschiedenen Räten: Zuerst kommt der Clan-Rat zusammen, dann der Dorf-Rat und schließlich der Regional-Rat. „Die Beratungen zeugen von einer enorm hohen kommunikativen Kompetenz“, so Göttner-Abendroth. Die Beratungen dauern so lange, bis über ein Problem einer bestimmten Region bei allen Beteiligten Einigkeit herrscht.

Die Anthropologin Peggy Reeves Sanday, die mehrere Jahre unter den Minangkabau auf Sumatra lebte, beschreibt in ihrem Buch „Frauen im Mittelpunkt: Leben in einem modernen Matriarchat“, wie Entscheidungen gemeinsam getroffen wurden: Statt Dominanz und Wettbewerb zähle Zusammenarbeit und Ausgleich.

Familie ohne Ehe

Über Familie und Partnerschaft gibt es im Matriarchat klare Vorstellungen: Die Mosuo leben mit ihren Blutsverwandten zusammen, auf dem Hof der Matriarchin. Ehe gibt es nur in Form der sogenannten Besuchsehe: „An den Türen der Frauen befinden sich Haken für die Hüte der Männer“, erzählt Ricardo Coler. Hängt ein Hut, wissen alle: Sie hat Besuch. „Die Frau sucht aus, mit wem sie in der Nacht zusammen sein will.“

Mosuo-Frauen | Bild: picture alliance / dpa | Liu Xianbiao

Wenn eine Frau schwanger wird, ist es unwichtig, wer das Kind gezeugt hat. Es bleibt im Hause der Mutter und wird von ihr und ihren Schwestern aufgezogen. Der Onkel übt eine wichtige soziale Rolle innerhalb der Familie aus und übernimmt die Vaterrolle. Die Kleinfamilie aus Vater, Mutter, Kind gibt es nicht. Die Kinder gehören grundsätzlich zur Mutter und bleiben in deren Clan.

Das Konzept der Ehe dient eher als Abschreckung. „Den Kindern wird sogar damit gedroht, 'Wenn du nicht brav bist, dann verheiraten wir dich'“, erzählt Coler. „Mich haben sie gefragt, wie wir das machen. Ich sagte: Mann trifft Frau, sie verlieben sich, haben Kinder und leben ihr ganzes Leben zusammen. Ah, sagten sie, das muss toll sein. Und du weißt, sie lachen sich darüber kaputt, dass wir ständig etwas wiederholen, von dem wir selbst wissen, dass es nicht funktioniert.“

Geld oder Macht spielen bei der Partnerwahl keine Rolle, ein wohlhabender Mann hat keine Vorteile. „Die Idee, Vermögen anzuhäufen oder viel Geld zu verdienen, kommt den Mosuo einfach nicht in den Sinn“, so Coler.

Die US-amerikanische Ökonomin Sara Lowes stellte in einer Untersuchung fest, dass in matrilinearen Gesellschaften Frauen seltener häusliche Gewalt erleben, dass sie über größere Entscheidungsfreiheit verfügen, etwa für die Inanspruchnahme gesundheitlicher Versorgung, und dass männliche und weibliche Nachkommen das gleiche Recht auf Bildung haben.

Geschichte des Patriarchats

Der Historiker Kai Michel und der Anthropologe Carel van Schaik gehen in ihrem Buch Die Wahrheit über Eva der Geschichte der Unterdrückung der Frau auf den Grund. Das Buch verweist darauf, dass die Schlechterstellung der Frauen erst mit der Neolithischen Revolution begann, als ein Wandel der frühen Jäger und Sammler hin zu Bauern und Viehzüchten stattfand. „Bei den Jäger-Sammlern bekommen Frauen noch alle vier bis sechs Jahre ein Kind, während die frühen Bäuerinnen fast jährlich schwanger werden“, sagt Kai Michel. Durch die zusätzliche schwere Feldarbeit sinkt die Lebenserwartung der Frauen.

Zugleich besitzen die Menschen in dieser Zeit erstmals Privateigentum an Land und Vorräten, das verteidigt werden muss – das wiederum stärkt die Rolle des Mannes. Diese Entwicklung schreitet unaufhaltsam voran, in den folgenden Jahrtausenden sucht man nach Erklärungen für das Ungleichgewicht der Geschlechter ausgerechnet innerhalb der Diskurse, die bereits von mächtigen Männern dominiert werden: In der Religion, der Philosophie und den Naturwissenschaften. Nicht zuletzt spielt das Christentum mit seinem Mythos des Sündenfalls in der Bibel für die patriarchalen Strukturen der westlichen Welt eine entscheidende Rolle.

Alternativen zum Patriarchat

Die Frauenforscherin und Politikwissenschaftlerin Claudia von Werlhof meint, dass man das Patriarchat als ein aus der Not geborenes, lebensfeindliches Konstrukt durchschauen müsse, bevor etwas verändert werden könne. „Meine These ist, dass das Patriarchat keine eigenständige, von den Gesellschaften des Matriarchats unabhängige Gesellschaftsordnung und Kultur darstellt, sondern sich aus der Negation des Matriarchats entwickelt hat“, betont von Werlhof. Sie tritt dafür ein, die herrschende Gesellschaftsordnung als prinzipiell weltweites Patriarchat zu verstehen, das nach mehr als 5.000 Jahren nun an seine Grenzen stößt.

„Damit steht historisch zum ersten Mal global die Frage auf der Tagesordnung, welche Alternativen zum Patriarchat gefunden werden können“, so von Werlhof. Die Matriarchatsforschung sei heute aufgerufen, sich dazu zu äußern, inwiefern neo-matriarchale Verhältnisse eine solche Alternative darstellen würden, denkbar sind und konkret gestaltet werden können. Lebende Matriarchate sowie alternative Bewegungen und Gemeinschaften weltweit könnten Hinweise darauf geben.

„Matriarchate sind Gesellschaften, die nicht dazu neigen, die Mitgeschöpfe auszubeuten oder abzuschlachten oder überhaupt die Biosphäre auszuplündern“, erklärt Heide Göttner-Abendroth. Vielmehr werde die Biosphäre als etwas Göttliches betrachtet, die Menschen inklusive. „Darum heiligen sie die Natur und nehmen nur das, was sie brauchen und dafür auch zurückgeben.“ Natur als ein Objekt zu betrachten, das man plündern kann, sei bei einer solchen Spiritualität und Mentalität nicht möglich.

Über die Autorin: Susanne Wolf, Jahrgang 1968, arbeitet seit über 10 Jahren als freie Journalistin und Autorin mit den Schwerpunkten Umwelt, Nachhaltigkeit und Transformation. Sie ist Autorin der Bücher „Nachhaltig Leben“ und „Zukunft wird mit Mut gemacht“.

HELENE BELLIS, 9. März 2024, 09:15 UHR

Vielen Dank. Das ist für mich ein wahres feministisches Thema und ein sehr guter Artikel zum – mittlerweile komplett seines Sinnes beraubten – internationalen Frauentag.

A.F., 10. März 2024, 08:40 UHR

Vielen Dank auch von mir. Das zeigt, dass das Ziel beispielsweise einer gleichen Anzahl von Frauen in einem durch und durch patriarchalen System absolut nichts an der Gesellschaftsform ändert. Und dass Frauen in den Führungsetagen in diesem System genauso skrupellos wie Männer auf diesen Positionen agieren, sieht man an Gestalten wie Thatcher, Golda Meir, von der Leyen, Lagarde, Clinton, Nuland, Strack-Zimmermann etc.

BERTRAM BURIAN, 15. März 2024, 14:55 UHR

Ein schöner Artikel. Und wichtig! Aber es ist Unsinn, mit dem Begriff Matriarchat zu operieren. Uwe Wesel hat schon 1980 in seinem Buch „Der Mythos vom Matriarchat“ darauf hingewiesen, dass es eben im Grunde nie eine Herrschaft der Frauen gegeben hat. Aber, dass man diesen einfach logischen Widerspruch, dass die Umkehrung von Patriachat nicht einfach Matriarchat sein kann, nicht erkennt, hat wohl mit der Sichtweise zu tun, dass manche die Herrschaftsfrage heute gerne auf die Geschlechterfrage reduzieren. Aber so wichtig es ist zu erkennen, dass uns die Herrschaftsstrukturen in den „zivilisierten“ Gesellschaften eine Herrschaft des Mannes über die Frau (und über die ganze Familie) gebracht hat, und auch zu erkennen, dass es eine freie Menschheit nicht geben wird, wenn diese Herrschaft nicht gründlich beendet wird, so wichtig ist es, das Augenmerk auf die Herrschaft im Allgemeinen zu richten. Und da geht es um Ökonomie, um Bereicherung, um Klassenunterschiede, Krieg und vielfältige Hierarchien, die dem Geldfetisch dienen, um darum, die Herrschaft einer Bereicherungsoligarchie über die Jahrtausende zuerst zu errichten und heute zu retten.

In der Geschlechterfrage ist klar: Auch der Mann kann nicht frei sein, wenn er die Frau unterdrückt. Am schönsten wird das in der Frage der Sexualität und der Liebe klar. Hier führt uns die allgemeine Menschlichkeit darauf hin, dass Freiheit (und Liebe) mit Herrschaft eben nicht zu vereinbaren sind. In der Gesellschaft wird das aber im Allgemeinen genauso tabuisiert, wie gegenwärtig gerade wieder einmal die Kriegsvorbereitungen dieser Bereicherungsoligarchie und ihrer Politikerbüttel, die lieber die Menschheit in den Abgrund reißen möchten, als ihre Vorrechte aufzugeben. Wer im Krieg für fremde Interessen verheizt wird, wer seinen Job verliert, weil ihn der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin an die Luft setzt, dem ist es zu recht egal, ob es ein Mann oder eine Frau war, die sein Elend verursacht hat. Und die Herrschaftsmacht, die sich in diesen Fragen zeigt, ist ungemein wichtiger als jene im Ringen der Geschlechter! Nicht umsonst waren Margret Thatcher oder Angela Merkel und viele andere mehr Frauen, die zeigten, wie Herrschaft funktioniert!

Wir werden auch nicht zu Zuständen zurückkehren können, wie sie die Mosuo hatten oder haben. Wir brauchen auf der Ebene der Geschlechter einen neuen, freien Umgang miteinander, der sich mit der heutigen Gesellschaft verbindet und diese voranbringt. Aber, diese Geschlechterfrage ist zwar nicht „zweitrangig“, aber doch unvergleichlich wichtiger ist, dass wir Herrschaft in ökonomischer und politischer Hinsicht abschaffen. Und zwar nicht im Sinne, dass es keine Macht geben darf, sondern im Sinne, dass alle Macht wirklich demokratisch gesteuert und kontrolliert werden muss. Das können wir vor allem von den Indigenen lernen. Das Wissen, das in matrilinearen Gesellschaften aufbewahrt wurde, kann uns auch in dieser Hinsicht helfen. Das ist die Hauptfrage. Es wird keine befreite Gesellschaft geben in geschlechtlicher Hinsicht, wenn Herrschaftsstrukturen in Ökonomie und Politik nicht grundsätzlich abgeschafft sind!

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