Inzwischen ein historisches Ereignis: Der Maidan in Kiew | Foto: Roman Mikhailiuk / Shutterstock

Maidan: Historiker auf Linie | Teil 1

Historiker könnten die geradezu mythische Maidan-Darstellung von Medien und Politik entzaubern. Doch wollen Sie das überhaupt? Ein Blick in die Schriften und Stellungnahmen deutschsprachiger Osteuropawissenschaftler zeigt: Anstatt Meinungsmacher und Märchenerzähler zu korrigieren, orientiert sich die Mehrheit der Historiker an der vorherrschenden Medienerzählung vom guten Maidan.

STEFAN KORINTH, 22. Januar 2020, 4 Kommentare

Vorbemerkung:

Vor sechs Jahren, im Januar 2014, verfolgte ich bereits seit gut zwei Monaten hochinteressiert die Ereignisse auf dem Maidan in Kiew. Genauer gesagt: Ich verfolgte die Berichterstattung der deutschen Medien über das Ereignis. Das ist ein gravierender Unterschied.

Meine bis dahin eher positive Bewertung des Euromaidan änderte sich im Januar 2014 schnell, sobald ich über Online-Videos, Live-Streams, ukrainische Medien und über Telefonate mit Verwandten und Bekannten in Kiew direkte, nicht durch deutsche Medien gefilterte Informationen hatte. Ich stellte (damals noch überrascht) fest, dass unsere etablierten Medien extrem parteiisch, oberflächlich und manipulativ über den Maidan berichteten. Als Journalist mit familiären Verbindungen in die Ukraine, der Kiew und die räumlichen und sozialen Gegebenheiten vor Ort kennt, beschloss ich, einen medienkritischen Beitrag für die NachDenkSeiten zu schreiben – Titel: Ukraine: Der Qualitätsjournalismus versagt.

Das war das erste Mal, dass ich einen Text in einem alternativen Medium veröffentlichte. Seitdem bin ich dabei und das hat letztlich auch zu meiner heutigen Beteiligung an Multipolar geführt. Herzlich willkommen in unserem neuen Online-Magazin. Vielleicht hat Sie ja auch ein Weg der Medienkritik hierhergeführt.

Die Medienberichterstattung über den Maidan und den folgenden Ukraine-Konflikt wurde im Verlauf des Jahres 2014 immer schlechter. Viele wichtige Informationen erreichten deutsche Mediennutzer gar nicht, nahezu alle Berichte wurden, ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt, in eine Erzählung – ein Narrativ – von Gut und Böse, von Richtig und Falsch integriert.

Seit 2014 habe ich, wie auch andere Autoren, in zahlreichen Artikeln versucht, diese Erzählung zu dekonstruieren sowie die Fehler und Manipulationen der Leitmedien aufzudecken. Ich möchte das hier nicht wiederholen. Für interessierte Leser und Leserinnen zur Auffrischung gut geeignet ist dieser zusammenfassende Doppelartikel von mir, erschienen beim Rubikon: Teil 1 und Teil 2.

Historiker auf Linie: Teil 1

Heute ist der „Euromaidan“ bereits ein historisches Ereignis. Die jährlichen Medienrückblicke zeigen, dass sich das pro-westliche Maidan-Narrativ trotz aller Kritik verfestigt hat – weil Verantwortliche in den Medien das so wollen. Meine idealistische Hoffnung bestand einmal darin, dass eines Tages Historiker den Maidan begutachten und dabei den Medien ihre mythischen Darstellungen des Ereignisses zu Recht um die Ohren hauen. Der von interessierten Beteiligten aus Politik und Medien konstruierte Maidan-Mythos von der „friedlichen, spontanen Volkserhebung für Freiheit und Demokratie gegen einen brutalen, pro-russischen Diktator“ durfte und konnte doch nicht so einfach unhinterfragt in die Geschichtsschreibung eingehen.

Erste Zweifel an dieser Hoffnung entwickelten sich aber auch schnell, nachdem ich Fachleute wie Gerhard Simon hörte, der oft beim TV-Sender Phoenix als Experte auftrat und den Mythos vom guten Maidan eifrig bediente. Oder als ich 2015 das Buch von Karl Schlögel über den Maidan las, in dem er offen und unkritisch bekennt, dass er dieses Werk ohne die laufende Berichterstattung der Medien nicht hätte schreiben können. (1)

Andererseits lernte ich auch kritische Slawisten und Osteuropahistoriker kennen, führte Interviews mit Frank Golczewski oder Grzegorz Rossolinski-Liebe, die auf Revolutionspathos und Putin-Dämonisierung verzichteten, sondern die Motive aller Beteiligten in ihre Analysen einbezogen. Und schließlich müssten doch Ukraine-Wissenschaftler, auch wenn sie der Erzählung vom guten Maidan persönlich positiv gegenüberstehen, trotzdem so viel professionelle Selbstreflexion und kritische Distanz zum Objekt ihrer Betrachtung aufbringen können, dass sie zu einer halbwegs unvoreingenommenen Einschätzung gelangen.

Wie dem auch sei: Heute, sechs Jahre nach dem „Euromaidan“, hatten alle akademischen Ukraine-Experten genügend Zeit, sich mit dem inzwischen historischen Ereignis auseinanderzusetzen. Ich möchte hier nun einen näheren Blick auf die mal kürzeren, mal umfassenderen Äußerungen dieser Intellektuellen zum Maidan werfen.

Andreas Kappeler

Der Schweizer Historiker Andreas Kappeler gilt als einer der wichtigsten wissenschaftlichen Ukraine-Experten im deutschsprachigen Raum. Sein Kollege Karl Schlögel sagt über Kappeler: er sei „einer der besten der ohnehin nicht zahlreichen Kenner sowohl Russlands als auch der Ukraine, also jemand, der mit beiden Seiten wissenschaftlich und durch lebenslange eigene Erfahrung vertraut ist.“

Kappeler, der jahrzehntelang an den Universitäten in Köln und Wien lehrte und Generationen jüngerer Osteuropahistoriker prägte, ist Autor des Standardwerks „Kleine Geschichte der Ukraine“, das seit 1994 alle paar Jahre in aktualisierter Auflage erscheint. Die zweite Auflage war kurz nach der Jahrtausendwende eines der ersten Bücher, das mich persönlich an die Ukraine heranführte. In der vierten Auflage (2014) hatte Kappeler den Maidan bereits eingearbeitet. Seitdem zeigt übrigens auch das Buchcover eine Maidan-Demo.

In der fünften Auflage (2019) hat Kappeler das Kapitel zwar nicht aktualisiert, aber noch ein neues Nachwort angehängt – insgesamt also fast 60 Seiten zum Maidan und den Folgeereignissen des Ukraine-Konflikts. Es ist eine der umfassendsten Auseinandersetzungen eines Wissenschaftlers mit dem Maidan und der Nach-Maidan-Ukraine im deutschsprachigen Raum. Umso genauer sollte sie analysiert werden.

Kappelers Zusammenfassung ist natürlich besser, also detaillierter und ausgewogener, als die Maidandarstellungen etablierter Medien, aber an den Wissenschaftler muss auch ein sehr viel höherer Maßstab angelegt werden. Vor diesem Hintergrund ist seine Maidanbeschreibung enttäuschend. Denn Kappelers Darstellung folgt der Erzählung vom guten Maidan in fast allen Punkten. Dies äußert sich in verschiedenen Aspekten: Wortwahl, Auslassungen, parteiische Anteilnahme und Framing des Konflikts. Gehen wir diese Punkte durch, auch wenn sie nicht immer eindeutig voneinander zu trennen sind.

I. Wortwahl

Teil der mythischen Rahmenerzählung vom Maidan ist es, russische Einflussversuche auf die Situation in der Ukraine prinzipiell zu delegitimieren und gleichzeitig westliche Einflussversuche zu verharmlosen, zu verschweigen oder zu leugnen. Der 76-jährige Historiker tut genau das ebenfalls. Dazu nutzt er unterschiedliche Formulierungen: Laut Kappeler übte Russland bei den Verhandlungen zum EU-Assoziierungsabkommen im Vorfeld des Maidan „Druck“ auf die Ukraine aus, Russland „mischte sich ein“ oder nutzte „Zuckerbrot und Peitsche“.

In Kappelers Darstellung mischten sich westliche Politiker hingegen nicht ein, sondern „besuchten“ den Maidan. EU und IWF verlangten „Reformen“ oder sie „unterstützten“ die Ukraine finanziell. Das ist zweierlei Maß. Mit derartigen sprachlichen Einordnungen, schafft Kappeler einen erzählerischen Interpretationsrahmen von guten und bösen Akteuren.

Bei Kappeler macht Russland ausschließlich „Propaganda“

Geradezu exzessiv verwendet er die Formulierung „russische Propaganda“ und zwar für alle Äußerungen aus Russland. Nichts, was russische Politik oder Medien an Informationen, Einschätzungen oder Kritik hervorbringen, entkommt diesem vernichtendem Urteil Kappelers. Selbst die Olympischen Winterspiele in Sotschi – parallel zum Maidan im Februar 2014 – seien Russland vor allem wegen deren „propagandistischer Wirkung“ wichtig gewesen.

Es ist nicht die Aufgabe eines wissenschaftlichen Chronisten, politische Einschätzungen einer Konfliktpartei permanent und pauschal abzuwerten. An keiner Stelle differenziert oder belegt er sein Urteil.

Umgekehrt ist es im Sinne objektiver Beschreibung angebracht, die auf dem Maidan anwesenden bewaffneten Militanten auch einmal als solche zu bezeichnen. Dies tut Kappeler jedoch nicht, sondern nennt diese durchgehend „Aktivisten“ oder „Demonstranten“, so als wäre es das normalste der Welt, mit Stahlhelm, Sturmhaube und Molotow-Cocktail zur Demo zu gehen.

„Tragödie“ statt „Verbrechen“

Ähnlich verharmlosende Formulierungen nutzt er für die Ereignisse in Odessa, wo paramilitärisch organisierte Nationalisten am 2. Mai 2014 ukrainische Oppositionelle töteten, die sich in ein Gewerkschaftshaus zurückgezogen hatten. Der Historiker bezeichnet die Vorgänge nicht als Verbrechen oder Massenmord sondern als „Tragödie“ – also eine Art Unfall, für den niemand etwas kann.

Die Opfer von Odessa nennt Kappeler nicht ukrainische Oppositionelle, sondern „prorussische Demonstranten“. Und die Täter bezeichnet er nicht als bewaffnete Militante, sondern spricht nebulös von „proukrainischen Gruppen“, unter denen auch „gewaltbereite Fußballfans“ gewesen seien. So als wäre es normal, mit Stahlhelm, Pistole und vorbereiteten Molotow-Cocktail ins Stadion zu gehen.

Kappeler sollte seine Wortwahl dringend überdenken und im Interesse einer fairen und sachgerechten Darstellung überarbeiten.

II. Auslassungen

Ein zweiter schwerwiegender Negativaspekt in Kappelers Werk ist die unvollständige Darstellung zentraler Ereignisse. Dabei geht es nicht um fehlende Details, sondern es fehlen entscheidende Informationen, deren Vorhandensein eine völlig neue Bewertung der Vorgänge nötig machen würde. Kappelers Auslassungen sind nicht zufällig verteilt, sondern immer zugunsten der Legende vom guten Maidan.

Um den Rahmen nicht zu sprengen, verweise ich hier nochmal auf den in der Vorbemerkung erwähnten Doppelartikel. Ein Großteil der darin zusammengetragen Informationen findet sich bei Kappeler nicht. Im Folgenden konzentriere ich mich hier darum nur auf die Kritik an Kappelers unvollständiger Darstellung des Scharfschützenmassakers vom 20. Februar 2014 – weil es das wichtigste Ereignis des Maidan war.

Voreilige Gewissheit

Zum Blutbad vom 20. Februar in Kiew schreibt Kappeler unumwunden:

„Auf Dächern und auf der Anhöhe über dem Unabhängigkeitsplatz postierte Scharfschützen des Berkut töteten zahlreiche Aktivisten und andere Demonstranten.“

Zu dieser voreiligen Schuldfestlegung hatte er sich bereits in der vierten Auflage des Buches hinreißen lassen. In seinem Nachwort zur neuen Auflage hat er sich nicht erneut zum Massaker geäußert. Kappeler hat seiner ersten Ausführung also nichts hinzuzufügen – was dem tatsächlichen Kenntnisstand zum Verbrechen ziemlich unangemessen ist.

Dazu muss man wissen, dass das gerichtliche Untersuchungsverfahren zum Massaker in Kiew bis heute läuft. Es ist anmaßend und unseriös, ein abschließendes Urteil über ein Verbrechen zu fällen, bevor das Gericht geurteilt hat. Zumal es ja in keinster Weise irgendwelche Schuldeingeständnisse der angeklagten Berkut-Polizisten oder entscheidende Beweise für deren Schuld gibt, die das Urteil nur noch zur Formsache machen würden. Es ist ein reines Medienurteil, das Kappeler hier ungeprüft übernimmt.

Einseitige Spekulation statt vorhandener Information

Doch nicht nur das. Kappeler erwähnt zwar, dass auch Polizisten erschossen wurden und er schreibt löblicherweise sogar, dass es die Vermutung gibt, Aktivisten des Maidan hätten auf ihre eigenen Leute geschossen, um eine Eskalation herbeizuführen. Doch bekräftigt er anschließend:

„Diese schwerwiegende Anschuldigung konnte in der Folge nicht nachgewiesen werden (…). Ich halte es für wahrscheinlicher, dass es sich bei den Scharfschützen um agents provocateurs oder um eine gezielte Desinformation vonseiten der Regierung oder Russlands handelte.“

Nun ist es schwierig, etwas nachzuweisen, was Polizei und Justiz in der Ukraine nicht ermitteln wollen oder aus politischen Gründen nicht ermitteln dürfen. Trotzdem lassen sich mithilfe einer vorliegenden Studie und in ukrainischen und westlichen Medien genügend Informationen finden, um das von Kappeler gezeichnete eindeutige Bild zu widerlegen.

Morde an Polizisten vom Konservatorium

Mehrfach feierten militante ukrainische Nationalisten sich oder Freunde namentlich und öffentlich als Schützen, die am Morgen des 20. Februar vom Musik-Konservatorium aus drei Berkut-Polizisten erschossen und mehr als 40 verwundeten. Der Soldat Ivan Bubentschik etwa sagte mehrmals vor Kameras, er habe zwei Polizeikommandeuren ins Genick und vielen einfachen Polizisten in die Beine geschossen.

Die Fakten und Indizien sind bekannt. Die Maidanarmee „Samooborona“ bildete spätestens vom 18. auf den 19. Februar eine spezialisierte Einheit mit Schusswaffen unter dem Kommando des nationalistischen Paramilitärs Wolodymyr Parasyuk. Die Einheit bezog im Konservatorium Stellung. Der ukrainische Fotojournalist Jewgeni Maloletka, der unter anderem für westliche Nachrichtenagenturen wie AP und dpa arbeitet, hatte die Schützen zur Tatzeit am Tatort fotografiert und wurde von ihnen verjagt. Das berichtete er der BBC – im selben Bericht interviewt die BBC übrigens auch anonym einen der Schützen.

Da die Sieger nach dem bald folgenden Umsturz eine Amnestie für Verbrechen an Polizisten während des Maidan einführten, können die Täter öffentlich prahlen. Ihnen droht keine juristische Verfolgung. Nichts davon steht bei Kappeler.

Morde an Maidankämpfern und Demonstranten

Das zweite noch viel blutigere Kapitel des Massakers folgte, nachdem die Polizei sich vor den Schüssen zurückzogen hatte. Maidankämpfer rückten die Institutska-Straße in Richtung Regierungsviertel nach und wurden in einem Bereich zwischen Hotel Ukraina und einer Polizeibarrikade im Verlauf des Vormittags reihenweise erschossen. Bis in den Nachmittag hinein wurden auch immer wieder unbewaffnete Menschen weiter hinten auf dem Maidan erschossen, die mit dem Vorrücken gar nichts zu tun hatten. Zudem wurde von Maidanseite auf Zimmer des Hotel Ukraina gefeuert, in denen damals vor allem westliche Journalisten einquartiert waren.

Der ukrainisch-kanadische Politikwissenschaftler Ivan Katchanovski von der Universität Ottawa sammelt und analysiert seitdem alle öffentlich zugänglichen Materialien wie Fotos, Filmaufnahmen, Zeugenaussagen, Funkaufzeichnungen, forensische Protokolle und ballistische Analysen etc. – hilfreich dabei ist die öffentliche Livestream-Übertragung der Kiewer Gerichtsverhandlungen. In seiner daraus entstandenen Studie , die Katchanovski beständig aktualisiert und bereits auf mehreren wissenschaftlichen Tagungen präsentiert hat, kommt er zu Ergebnissen, die das genaue Gegenteil von Kappelers Fazit darstellen.

Katchanovskis Schlussfolgerung lautet, dass die Toten nach Lage ihre Schusswunden und nach Art der Munition nicht von vorn und nicht von Gewehren der Polizei, sondern aus erhöhten Positionen von hinten und von der Seite erschossen wurden. Das bedeutet aus Gebäuden, die in Hand des Maidan waren. Foto- und Filmaufnahmen – darunter des ZDF und der BBC – beweisen beispielsweise, dass aus dem Hotel Ukraina geschossen wurde. Aus den ZDF-Bildern und weiteren Filmaufnahmen aus dem Hotelinneren geht hervor, dass die Bewaffneten eindeutig Maidankämpfer sind, auf mehreren Bildern ist Kommandeur Parasyuk zu erkennen.

Kappeler macht es sich sehr einfach

Ich muss hier nicht näher ins Detail gehen. Bei Interesse kann man sich das verlinkte Material anschauen und Ivan Katchanovskis Studie lesen. Es geht nicht darum, hier etwas zu beweisen. Klar sollte geworden sein: Kappeler macht es sich zu einfach, wenn er schreibt, es wurde nichts nachgewiesen. Tatsächlich wurde schon einiges nachgewiesen, aber ohne ergebnisoffene und unabhängige kriminalistische Ermittlungen in Kiew geht es eben nicht.

Umgekehrt konnte den angeklagten Polizisten der Berkut-Einheit, die laut Kappeler die Täter waren, noch kein einziger Mordfall nachgewiesen werden. Im Übrigen sind die Polizisten zwar für alle zivilen Toten, aber nur für rund die Hälfte aller zivilen Verwundeten des 20. Februars angeklagt worden. Wer hat dann eigentlich die andere Hälfte – das sind fast 80 Menschen – angeschossen?

Manche Kollegen können es besser

Kappelers Darstellung des Ereignisses ist nicht nur unterkomplex und unvollständig. Er erweckt zudem einen völlig falschen Eindruck vom tatsächlichen Wissensstand über das Massaker. Nichts ist aufgeklärt. Viele entscheidende Beweismittel, wie die durchschossenen Schilde und Helme der Kämpfer, sind verschwunden. All diese Informationen hätten ihm 2019 bekannt sein müssen. Die Schlussfolgerung daraus hätte in sein Nachwort zur neuen Auflage gehört.

Kappelers Kollege Balazs Jarabik vom Carnegie Endowment for International Peace schrieb zum selben Zeitpunkt in den Ukraine-Analysen der Uni Bremen (Nr. 209, Seite 6):

"Auch fünf Jahre nach der Revolution gibt es keine glaubwürdigen unabhängigen Ermittlungen der Todesschüsse auf dem Maidan im Februar 2014 oder des tödlichen Brandes im Gewerkschaftshaus in Odessa knapp zweieinhalb Monate später."

Warum ist Kappeler zu dieser sachlichen Information nicht in der Lage? Auch wenn ihm persönlich die Schlussfolgerungen missfallen, darf Kappeler als wissenschaftlicher Chronist der ukrainischen Zeitgeschichte seinen Lesern keine politisch gefärbten Vermutungen als Gewissheiten vorspiegeln.

Daneben muss kritisch festgehalten werden: Kappelers sehr kurze, ja geradezu minimalistische Darstellung des Massakers unterschlägt völlig die entscheidende Bedeutung dieses Ereignisses. Tatsächlich war das Blutbad der entscheidende Wendepunkt des Maidan. Der folgende verfassungswidrige Umsturz war nur mithilfe dieser monströsen Verbrechens möglich. „Damit verloren Janukovyč und sein Regime ihre Legitimation“, schreibt Kappeler selbst. Doch dann hätte sich der Historiker auch mehr als nur ein paar Zeilen lang mit dem Thema befassen müssen. Phrasenhafter, redundanter Kritik an Russland räumt Kappeler hingegen immer wieder großzügig Platz ein.

Die soziale Lage in der Ukraine interessiert nicht

Abgesehen von unvollständig dargestellten Einzelereignissen hat das Buch noch mindestens zwei weitere bemerkenswerte Leerstellen: die soziale Lage der Bevölkerung und die von Kappeler ignorierten Quellen.

Der Maidan war eine Protestbewegung, an der sich in den ersten zwei Monaten viele Menschen beteiligten, weil sie zurecht bessere sozioökonomische Perspektiven für sich und ihre Kinder wollten – berufliche Chancen, höhere Löhne, niedrigere Lebenshaltungskosten, bessere Wohnungen, weniger Korruption. Mit solchen Hoffnungen verbanden die einfachen Ukrainer die EU-Perspektive des Assoziierungsabkommens. Darum wäre es in einer historischen Überblicksdarstellung notwendig, sich die soziale und wirtschaftliche Entwicklung seit dem Maidan und dem Inkrafttreten des Assoziierungsabkommens anzuschauen.

Doch der wirtschaftliche Abstieg des Landes und die extreme Verteuerung des Lebens für die große Masse der Ukrainer seit dem Maidan interessiert Kappeler so gut wie gar nicht.

Die Bevölkerung leidet unter Lohnsenkungen, Rentenkürzungen, steigender Arbeitslosigkeit, Inflation und massiv gestiegenen Heizkosten – alles bedingt durch neoliberale IWF-Kreditbedingungen und den Abbruch vieler Wirtschaftsbeziehungen zu Russland – während sich die pro-westliche Oligarchie um Petro Poroschenko weiter bereichert. Das alles ist kein Ruhmesblatt für die Freunde des Maidan.

Kappeler verschweigt das Thema nicht ganz, nennt im Kapitel und im Nachwort jeweils ein paar Zahlen und gesteht sogar: Der Lebensstandard 2018 habe den Lebensstandard von 2013 noch immer nicht erreicht. Doch abgesehen von seiner erneut nur minimalistischen Betrachtung sieht Kappeler auch hier die Schuld wieder bei Russland, das mit seinen militärischen Eingriffen die Ukraine in die Rezession getrieben habe.

Die vom Westen geforderten „Wirtschaftsreformen“, die vor allem aus Entlassungen, dem Abbau von Sozialleistungen (Renten, Kindergeld, Mindestlohn) und der Verteuerung öffentlicher Leistungen (Gas, Wasser, öffentlicher Nahverkehr) bestehen, werden von dem Historiker sogar als etwas dargestellt, das die Ukraine bald wieder auf die Beine bringt.

Den Pro-Maidan-Historikern, das gilt nicht nur für Kappeler, ist es offenbar viel wichtiger, dass „die Ukrainer“ ihr „Recht“ verwirklichen können, der Nato beizutreten. Verbilligtes Gas aus Russland ist hingegen Teufelszeug. Im westlichen Narrativ von „Freiheit, Demokratie und Menschenrechten“ kommt soziale Sicherheit nicht vor.

Ausgelassene Quellen

Zu den Auslassungen gehören auch die zahlreichen Aufsätze und Bücher zum Ukraine-Konflikt, die Kappeler in seinem Literaturverzeichnis nicht erwähnt, also offenbar nicht gelesen hat. Auch diese Leerstellen sind wieder absolut einseitig verteilt.

Dazu zählt etwa Ivan Katchanovskis Studie zu den Maidanmorden. Hat Kappeler die Untersuchung nicht gelesen, weil sie auf Englisch verfasst wurde? Nein, er zitiert viele englischsprachige Schriften. Hat er sie nicht erwähnt, weil es viele bessere Studien zu dem Massaker gibt? Nein, es ist die einzige. Hat er sie nicht erwähnt, weil er sie nicht kennt? Das wäre ein Armutszeugnis.

Was ist der Grund dafür, dass Kappeler die jüngsten Bücher der früheren ARD-Moskau-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz – „Russland verstehen“ (2015) und „Eiszeit“ (2017) – nicht in seine Literaturliste aufgenommen hat? In beiden geht es zentral um den Ukraine-Konflikt. Liegt der Grund darin, dass Kappeler die Bücher von Journalisten für qualitativ nicht ausreichend hält? Nein, Bücher vom FAZ-Korrespondenten Konrad Schuller oder Zeit-Reporterin Jutta Sommerbauer tauchen in Kappelers Liste auf. Hat Krone-Schmalz ihre Werke vielleicht in einem unseriösen Nischenverlag veröffentlicht? Nein, es ist der Verlag C.H.Beck – derselbe, in dem auch Kappelers Buch erschienen ist.

Im Maidanbuch von Karl Schlögel, das von Kappeler übrigens im Anhang aufgeführt wird, war mir diese Einseitigkeit in der Literaturauswahl bereits im Jahr 2015 aufgefallen. In meiner Rezension schrieb ich damals:

"Zwar finden sich so gut wie alle Bücher, die auf Pro-Maidan-Linie liegen, in seinem Anhang wieder, hingegen kommen Werke von Fachjournalisten wie Jörg Kronauer, Reinhard Lauterbach, Gabriele Krone-Schmalz, Roman Danyluk und viele weitere, die den Maidan kritisch sehen, im Schlögelschen Kosmos nicht vor. Zur Grundeinstellung eines Wissenschaftlers mag diese Selektivität so gar nicht passen."

Diese Sätze können auch für das Buch Andreas Kappelers gelten.

III. Parteiische Anteilnahme

Kappeler verlässt mehrfach seine Position als Beobachter und Chronist und ergreift für den Maidan Partei. Das hat er in den bereits erwähnten Fällen natürlich auch schon getan, dort aber eher durch die Hintertür. Offen parteiisch werden seine Ausführungen jedoch, wenn er etwa die Gewalt der Maidankämpfer explizit auf vorangegangene Polizeigewalt zurückführt und sie dadurch indirekt rechtfertigt.

Kappeler schreibt richtig, dass die Kiewer Proteste mit dem Angriff auf die Präsidialverwaltung am 1. Dezember 2013 schon früh gewalttätig wurden. Damit widerlegt er zwar ehrlicherweise einen hartnäckigen Teil des Maidan-Mythos‘ von den „monatelang friedlichen Protesten“. Doch macht er für diese Gewalt einen brutalen Polizeieinsatz vom 30. November verantwortlich.

Das ist nicht nur falsch – denn radikale Demonstranten griffen die Polizei bereits am 24. November vor dem Ministerkabinett an – nein, es hat auch einen verständnisvollen Beigeschmack. Polizei und Demonstranten sind keine gleichberechtigten Rivalen, die Auge um Auge vorgehen dürfen. Auch in der Ukraine gibt es ein staatliches Gewaltmonopol. Polizeibrutalität ist falsch und verachtenswert. Doch solche Vorfälle geben niemandem das Recht, am nächsten Tag mit einem Radlader in Rekruten des Innenministeriums zu fahren. Wer Kappelers Äußerungen gedanklich auf eine Demonstration in Deutschland überträgt, merkt schnell, wie absurd die Argumentation ist.

Der „notwendige“ Putsch

Ein weiterer Fall expliziter Parteinahme Kappelers findet sich in seinen Zeilen zur illegalen Amtsenthebung Viktor Janukowitschs am 22. Februar 2014. Wieder leitet Kappeler richtig ein, indem er auf die Verfassungswidrigkeit der Absetzung hinweist. Doch legitimiert er den Staatsstreich gleich im folgenden Satz:

"Dieser Bruch der politischen Spielregeln war zwar an sich bedenklich, doch in der gegebenen Situation notwendig, um ein Machtvakuum zu verhindern und die Situation zu stabilisieren."

Bedenklich ist, dass Kappeler sich hier verpflichtet fühlt, einen Putsch zu rechtfertigen.

Davon abgesehen: Zum einen ist die Argumentation an sich schon falsch, denn die Amtsenthebung verhinderte weder Machtvakuum noch Destabilisierung, sondern löste diese in der Ost- und Südukraine überhaupt erst aus. Zum anderen fällt Kappeler seine larmoyante Abwertung der ukrainischen Verfassung nur wenige Seiten später auf die Füße, wenn er sich über die Unrechtmäßigkeit des russischen Eingreifens auf der Krim oder über die separatistischen Referenden im Donbass echauffiert. Rechtfertigende Sätze wie den oben zitierten liest man da bei Kappeler nicht. Das ist unglaubwürdig. Das ist Messen mit zweierlei Maß.

Im Nachwort zur fünften Auflage fällt Kappeler sogar hinter seinen eigenen Wissensstand von 2014 zurück und schreibt, die Demonstrationen auf dem Maidan „erzwangen“ Janukowitschs „Rücktritt“. Das ist nun völlig falsch. Zurückgetreten ist er nie.

IV. Framing des Konflikts

Kappeler schreibt in der Einleitung des Buches, die „Mythen der national-ukrainischen Geschichtsschreibung“ dürften nicht vorbehaltlos übernommen werden, sondern bedürften einer „kritischen Beleuchtung“. Unter den Beispielen für solche Mythen zählt er explizit den Euromaidan auf. Wie bereits zu sehen war, hält er diesen kritischen Anspruch leider nicht ein.

Seine Akzeptanz des Mythos‘ vom guten Maidan wird neben den bisher thematisierten Aspekten auch darin deutlich, wie er seine Geschichtsschreibung zum Maidan grundsätzlich anlegt. Kappeler orientiert sich in Erzählstruktur, in Ereignisauswahl und in den unhinterfragten Vorannahmen stark an der rechtfertigenden Erzählung einer Konfliktpartei. Warum tauchen bestimmte Ereignisse in der Zusammenfassung auf und andere nicht? Warum ordnet er Wladimir Putin eine Hauptrolle und westlichen Akteuren nur eine Statistenrolle zu? Warum stellt Kappeler manche wichtige Fragen gar nicht erst? Diese erzählerische Anlage meine ich mit „Framing des Konflikts“.

Ich will Kappeler nicht absprechen, dass er sich um eine möglichst realitätsnahe, sachgerechte und neutrale Darstellung bemüht. Er folgt dem Narrativ vom guten Maidan ja auch nicht in allen Punkten. Wie schon zu lesen war, erwähnt er die frühe Gewalttätigkeit der Maidanbewegung und er weist auf die Verfassungswidrigkeit des Machtwechsels hin. Zudem baut er keinen Gegensatz „Volk gegen Diktator“ auf, wie dies andere Erzähler des Maidan tun. Kappeler macht mehrfach deutlich, dass die Proteste keine Sache der Süd- und Ostukrainer, sondern vor allem „eine Veranstaltung der Kiever Oppositionspolitiker und der Westukrainer“ waren.

Aber zentrale Punkte der Erzählung vom guten Maidan tauchen bei Kappeler eben unhinterfragt auf. Dazu zählen Behauptungen wie: Der Maidan war eine spontane Volkserhebung. Der Westen hat weder Einfluss darauf genommen noch hat er politische, wirtschaftliche oder militärische Interessen in der Ukraine. Janukowitsch ging mit Gewalt gegen den Maidan vor. Putin habe den Maidan als Vorlage für einen Regime Change in Russland gefürchtet. Putin habe anschließend die Ukraine angegriffen, damit die demokratische Revolution keinen Erfolg hat.

Erzählung vom spontanen Volksaufstand

Schauen wir auch hier näher auf ein Beispiel, nämlich auf die Behauptung, der Maidan sei eine spontane Volkserhebung gewesen, in der weder politische Parteien noch westliche Akteure nennenswerten finanziellen oder organisatorischen Einfluss hatten.

Kappeler schreibt, ukrainische Oppositionspolitiker seien zwar präsent, aber nicht tonangebend gewesen, die Versorgung der Maidan-Zeltstadt sei durch die einfache Bevölkerung sichergestellt worden. Behauptungen, der Westen befeuere den Maidan, seien Propaganda.

Doch nach allem, was über das Thema bekannt ist, ist Kappelers Darstellung in diesem Punkt unwahrscheinlich und anmaßend. Nicht nur behauptet er hier apologetisch etwas, das er gar nicht wissen kann. Er unterschlägt auch wieder alle gegenteiligen Hinweise.

Die These von der Spontanität lässt sich schnell erschüttern, wenn man sich die Parlamentsrede des ukrainischen Abgeordneten Oleg Zarjow vom 20. November 2013 anhört. Darin beschreibt er, einen Tag vor (!) Beginn des Maidan wie Instruktoren aus den USA gerade in der Ukraine mittels sogenannter „Tech Camps“ Ukrainer im Aufstands-Management schulen, und warnt vor einem bevorstehenden westlich forcierten Umsturz und einem Bürgerkrieg im Lande. Da Zarjow wohl kein Wahrsager ist, kann man davon ausgehen, dass der Maidan ganz und gar nicht spontan begann.

Westliche Netzwerke hinter ukrainischer Opposition sind uninteressant

Maidanpolitiker wie Vitali Klitschko oder Arsenij Jazenjuk sind vom Westen aufgebaut worden und standen mit ihren Parteien und Stiftungen in engen logistischen, organisatorischen und finanziellen Verbindungen zu westlichen Machteliten. Zahlreiche weitere auf dem Maidan aktive Organisationen waren in den Jahren zuvor mit Finanzmitteln gefördert worden, die zu den berühmten, von Victoria Nuland erwähnten, fünf Milliarden US-Dollar „für die ukrainische Demokratie“ gehörten.

Der US-Milliardär George Soros sagte dem Fernsehsender CNN, die von ihm finanzierte Stiftung spielte eine wichtige Rolle auf dem Maidan:

„Well, I set up a foundation in Ukraine before Ukraine became independent of Russia. And the foundation has been functioning ever since and played an important part in events now.“

Der niederländische Politikwissenschaftler Kees van der Pijl schrieb in seinem Buch zum Ukraine-Konflikt, dass auch der Europäische Demokratiefonds (European Endowment for Democracy – EED), der im Sommer 2013 kurz vor Maidanbeginn seine Tätigkeit aufnahm, „herausragend an der Finanzierung der Maidan-Revolte“ beteiligt gewesen sei. (2)

Manfred Schünemann, der langjährig als DDR-Diplomat in Kiew und Moskau tätig war, schreibt in seinem Buch (3):

„Als Zentren der logistischen, finanziellen und medialen Unterstützung während der Protestaktionen fungierten die westlichen Botschaften und Vertretungen in Kiew. Dort waren zahlreiche Sondergesandte und Berater aktiv. Die USA-Botschaft und Botschafter Geoffrey Pyatt fungierten als Hauptkoordinatoren der Aktionen, sie führten den Euromaidan und das Vorgehen gegen Janukowitsch und die ukrainische Regierung.“

Selbst die New York Times berichtete, dass der Kommandeur des Maidan, Andrij Parubij, am Abend des 20. Februar in der deutschen Botschaft in Kiew mit Pyatt und mehreren europäischen Botschaftern in Gesprächen stand, um das weitere Vorgehen gegen Janukowitsch abzusprechen. Der deutsche Botschafter und Hausherr Christof Weil war übrigens lange für die Nato tätig.

Derartige westliche Aktivitäten kritisiert Kappeler jedoch nicht als Eingriff in die Souveränität der Ukraine. Derartige Aktivitäten tauchen in seinem Text gar nicht erst auf und derartige Kritik behält er sich einzig für Russland vor.

Oligarchen gegen Janukowitsch

Ebenfalls an der Maidan-Finanzierung beteiligt, waren interessierte ukrainische Superreiche. Der Oligarch und frühere Poroschenko-Vertraute Alexander Onischenko schrieb in seinem Buch, dass der ukrainische Milliardär Viktor Pintschuk einer der Maidan-Sponsoren gewesen sei. (4) Selbiges war auch in der Jüdischen Allgemeinen zu lesen. In einem Interview mit Sputnik ergänzte der Oligarch Onischenko im Juli 2018, dass auch er selbst und der Milliardär Igor Kolomoisky zu den Finanziers des Aufstands gehört hätten:

„Kein Putsch und auch keine Revolution funktionieren ohne Geld. Wir haben den Maidan unterstützt, weil wir gegen Janukowitsch waren.“

Kappelers Annahme, eine riesige Zeltstadt mit ihren tausenden Dauerbewohnern über drei Monate im eiskalten Kiewer Winter mit Klein- und Sachspenden zu betreiben, wirkt extrem merkwürdig bis naiv.

Es ist doch eher unwahrscheinlich, dass die Kiewer Bevölkerung zum Beispiel die große Konzertbühne samt Technik, die fast die ganze Zeit mitten auf dem Maidan stand, aus Einzelteilen, die jeder Demonstrant aus seinem heimischen Keller mitbrachte, zusammengebaut hat. Auch der Busbetrieb mit der Westukraine und die drei neuen pro-Maidan-TV-Sender mussten finanziert werden. Von welchem Geld lebten die Tausenden westukrainischen Maidanbesetzer?

Die ukrainische Bevölkerung ist arm. Wenn jemand in diesem Land Großprojekte finanziert, dann sind es Oligarchen oder es ist das Ausland. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass reiche ukrainische und interessierte westliche Janukowitsch-Gegner den Löwenanteil des Maidan bezahlten, als dass es die ukrainische Bevölkerung war.

Kappeler und der Westen: Aus den Augen, aus dem Sinn

Es ist nachvollziehbar, dass ein Wissenschaftler, dessen Arbeiten sich auf russische und ukrainische Geschichte konzentrieren, in seinen Betrachtungen den Fokus vor allem auf das russisch-ukrainische Verhältnis setzt. Trotzdem ist es unentschuldbar, dass Kappeler westliche Akteure in seinen Maidanbetrachtungen faktisch außen vor lässt.

Idealtypisch dafür sind die Seiten 350/351. Hier versucht er sich an einer Erklärung, warum die Ukraine mit der Orangen Revolution und dem Euromaidan als einziges postsowjetisches Land „zivilgesellschaftliche Massenbewegungen“ hervorbrachte und für Umstürze sorgte. Als Regionalhistoriker sucht er die Antworten unter anderem in kosakischen Idealen und in der historischen „Fernwirkung“ der österreichischen Herrschaft über die Westukraine (bis 1914).

Dass die Gründe dafür jedoch auch in der großen internationalen, geopolitischen Bedeutung der Ukraine liegen könnten, erscheint bei Kappeler nicht mal als Gedanke. Ebenso scheint er noch nie etwas von der Instrumentalisierung von Protesten in verschiedenen Ländern als pro-westliche Farbrevolutionen gehört zu haben. Könnte Russlands militärisches Eingreifen auf der Krim nicht viel eher in militärstrategischen Positionen gegenüber der Nato begründet sein als in Putins Angst vor einer erfolgreichen „demokratischen Revolution“ in Kiew?

Wenn man die Erzählung vom guten Maidan, vom dämonischen Putin und vom interessenlosen Westen derart verinnerlicht hat, dann stellt man sich solche Fragen wohl gar nicht erst. Während Kappeler in jeglichen Handlungen und Aussagen russischer Politiker nichts anderes erkennen kann als zynischste Machtpolitik, ist ihm westliches Hegemonialstreben so unbekannt, dass er es noch nicht mal thematisiert. Aber wenn die ukrainische Bevölkerung so rebellisch und kosakisch geprägt ist, warum wird dann eigentlich nie ein pro-westlicher Präsident gestürzt?

Geschichtsschreibung auf Linie

Meine eingangs geäußerte Hoffnung, wissenschaftliche Ukraine-Experten könnten ein Korrektiv zu den Maidan-Mythen in Politik und Medien sein, ist gleich an einem der wichtigsten Fachwissenschaftler zerschellt. Statt die Erzählung vom guten Maidan kritisch zu durchleuchten und transatlantischen Alpha-Journalisten intellektuell auf die Finger zu klopfen, macht sich der Historiker Andreas Kappeler in den meisten Punkten zu einem Komplizen dieser Erzählung.

Auch in seinem Buch „Ungleiche Brüder“ (2017), in dem es um die gemeinsame Geschichte von Russen und Ukrainern geht, unterwirft sich Kappeler dieser Erzählung. Doch für ein Gesamtfazit ist es zu früh. In Teil 2 möchte ich die Stellungnahmen weiterer Fachwissenschaftler zum Maidan und dem folgenden Ukraine-Konflikt thematisieren. Zu Andreas Kappeler bleibt vorerst festzuhalten, dass er mit Wortwahl, selektiven Auslassungen, Parteilichkeit und Erzählstruktur ein politisches Märchen weiterträgt. Ob er dabei eher Täter oder (Medien-)Opfer ist, möchte ich nicht beurteilen. Definitiv nicht gerecht wird er aber seiner gesellschaftlichen Aufgabe als Intellektueller: die Mythen der Herrschenden aufzudecken.

Anmerkungen:

(1) Karl Schlögel: Entscheidung in Kiew. Ukrainische Lektionen. München 2015, Seite 293

(2) Kees van der Pijl: Der Abschuss. Flug MH17, die Ukraine und der neue Kalte Krieg. Köln 2018, Seite 149. Auf der Website dieser EU-Einrichtung ist zu lesen, der EED liefere „schnelle und flexible technische und finanzielle Unterstützung für Demokratisierungs- und Menschenrechtsprojekte in der EU-Nachbarschaft“. Direkt darunter ist ein Bild des Euromaidan zu sehen.

(3) Manfred Schünemann: Zerbricht die Ukraine? Berlin 2017, Seite 103 f.

(4) Alexander Onischenko: Peter der Fünfte. Die wahre Geschichte des ukrainischen Diktators. Berlin 2018, Seite 41.

WERNER, 6. Februar 2020, 22:50 UHR

Westerwelle war bis 16.12.2013 Außenminister und als "Pro Westler" auf dem Maidan. Ab 17.12.2013 war (der derzeitige BuPrä) Steinmeier deutscher Außenminister und Steinmeier hat ja bekanntlich neben Anderen die "Die Vereinbarung über die Beilegung der Krise in der Ukraine" am 21. Februar 2014 in Kiew unterzeichnet. Wiki: "Neben Sikorski und Steinmeier waren auch der Außenminister Frankreichs Laurent Fabius sowie Wladimir Lukin als Vertreter der Russischen Föderation an den Vertragsverhandlungen beteiligt. Fabius unterzeichnete den Vertrag nicht, da er noch vor Vertragsunterzeichnung nach China weiterreiste. Lukin unterschrieb ebenfalls nicht, erklärte jedoch, dass dies nicht bedeute, dass Russland nicht an einem Kompromiss interessiert sei."

Was da alles vereinbart und nicht verwirklicht wurde, weil die Nationalisten und Ultranationalen am Tag darauf mit (Waffen)gewalt putschten, kann man sogar(!) auf Wiki nachlesen: https://de.wikipedia.org/wiki/Vereinbarung_%C3%BCber_die_Beilegung_der_Krise_in_der_Ukraine Am Vortag zu dieser Vereinbarung, dem 20.2.2014, kam es zu den Erschiessungen von Polizisten und Demonstranten. Der Putsch in Kiew erfolgte am 22.2.2014 durch militante Ultrarechte. Mir ist kein Statement / Beurteilung von Steinmeier zu diesem Putsch bzw. Staatsstreich bekannt.

Stellung genommen hat George Friedman: https://www.globalresearch.ca/washington-was-behind-ukraine-coup-detat-in-response-to-russias-stance-on-syria-stratfor/5421026 "Friedman told Kommersant newspaper. Indeed, it was the most overt coup in history, the political analyst stressed."

JAMES BARRANTE, 22. Januar 2020, 21:45 UHR

Ein rundum gelungener Auftakt für MULTIPOLAR. So sollte Journalismus sein. Herzlichen Dank und weiter so!

ROLF SKOWRONEK, 23. Januar 2020, 11:45 UHR

Unser damaliger Außenminister Westerwelle war ja auch auf dem Maidan, um die Demonstranten zu ermutigen. Ich habe noch das Bild in Erinnerung, auf dem Frau Nuland zu sehen war, wie sie Kekse an die Aktivisten verteilt hat. Eine Einmischung war das aber nicht ... Zu sehen war in Berichten vom Maidan auch, dass Polizisten von Demonstranten angegriffen wurden. Das ging mindestens 2 Tage so und ich habe mich gefragt, wann die Polizei endlich etwas dagegen unternehmen würde. Stattdessen sind die Polizisten jeder Konfrontation aus dem Weg gegangen und haben sich immer wieder zurückgezogen.

Allerdings weiß ich nicht mehr, ob ich das bei der ARD oder bei RT gesehen habe. RT hat damals auch aus Odessa berichtet und es war klar zu sehen, dass die Ausgänge des Gewerkschaftshauses verbarrikadiert waren, und dass Menschen, die durch Fenster entkommen wollten, durch 'Demonstranten' daran gehindert wurden. Unsere öffentlich-rechtlichen Nachrichten sind sehr lückenhaft.

MARKUS BÖDEN, 11. Februar 2020, 13:15 UHR

Top. Der Überschrift nach zu urteilen kommt auch irgendwann Teil 2?

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