Bild: Shutterstock

Furcht vor der Freiheit - der autoritäre Charakter

Ende Juli ist im Frankfurter Westend Verlag Ulrich Teuschs neues Buch erschienen: „Politische Angst – Warum wir uns kritisches Denken nicht verbieten lassen dürfen“. Dass Angst ein äußerst effektives Herrschaftsmittel ist, weiß man spätestens seit Machiavelli und Hobbes. Doch warum lassen sich Menschen überhaupt (und so leicht) ängstigen? Warum geben die meisten von ihnen dem Druck immer wieder nach? Warum opfern sie ihre individuelle Freiheit allzu oft einer trügerischen Sicherheit? Teuschs Buch ist zweigeteilt: Der erste, größere Abschnitt ist zeitdiagnostisch ausgerichtet, im zweiten entwickelt er normative und strategische Überlegungen, die helfen könnten, sich in der gegenwärtigen Krise zu orientieren. Wir bringen im Folgenden einen Auszug aus dem ersten Teil: das Kapitel „Furcht vor der Freiheit – der autoritäre Charakter“.

ULRICH TEUSCH, 4. August 2021, 4 Kommentare

Hinweis: Dieser Beitrag ist auch als Podcast verfügbar.

Die schroffe Frontstellung zwischen Befürwortern und Kritikern der „Maßnahmen“ ist nicht irgendeine x-beliebige politische Streitfrage, keine bloße Meinungsverschiedenheit. Die Kontroversen um die Gefährlichkeit des Virus und die Angemessenheit der staatlichen Reaktionen haben die Gesellschaft in bislang nicht gekannter Weise polarisiert und gespalten. Man braucht keine seherischen Gaben, um zu prophezeien: Diese Spaltung wird nicht verschwinden, wenn die Corona-Krise irgendwann überstanden sein sollte. Sie wird auf lange Zeit ein Signum unserer Gesellschaft bleiben.

Die Krise hatte noch kaum richtig begonnen, da wurde ich schon von übereifrigen Vertretern des Bürgerselbstschutzes verbal attackiert, weil ich meine Kinder nicht rigoros wegsperrte, sondern weiterhin mit ihren Freunden und Freundinnen an der frischen Luft spielen ließ.

Wer (…) auf „sozialen Netzwerken“ unterwegs war und dort eigensinnige Lage-Einschätzungen postete, musste sich darauf gefasst machen, von Vertretern der Mehrheitslinie mit Vorwürfen überhäuft, beschimpft oder gleich ganz blockiert zu werden.

Besonders fatal: Menschen, mit denen man über viele Jahre kollegial und freundschaftlich zusammengearbeitet hatte, mit denen man auch weiterhin in tausend Fragen übereinstimmte, brachen wegen eines abweichenden Urteils über Corona unvermittelt den Stab – und zwar einseitig, unwiderruflich, ohne weitere Diskussion. Und sie verbanden diese Zäsur oft mit bösartigen Unterstellungen, etwa der, dass der andere sich nicht bloß in einem verzeihlichen Irrtum befinde, über den in aller Ruhe zu sprechen wäre, sondern dass er sich als eminente Gefahr für die Volksgesundheit entpuppe, jedenfalls nicht der sei, für den man ihn immer gehalten habe, sondern ein schlimmer Finger, der Übles im Schilde führe.

Affirmation, Anpassung, Konformismus

Bevor sich überhaupt Kritiker der von den Exekutiven betriebenen Corona-Politik zu Wort gemeldet haben, hatte sich die übergroße Mehrheit der Bevölkerung in diesem und in anderen Ländern bereits entschieden: Sie hatte sich der offiziellen Linie angeschlossen und unterstützte die diversen „Maßnahmen“. Das konnte man im Alltagsverhalten deutlich erkennen, es wurde aber auch durch Meinungsumfragen beglaubigt.

Die meisten Menschen hatten kein Problem damit, dass zahlreiche Grundrechte flächendeckend außer Kraft gesetzt wurden. Sie glaubten an den Ernst der Lage und an die ungeheure Gefährlichkeit des „neuartigen“ Virus. Sie glaubten auch den im Panikmodus berichtenden Altmedien. Sie taten es, obwohl ein wenig eigenständige Recherche abseits des Mainstreams sie hätte erkennen lassen müssen, dass man sie tagtäglich mit zweifelhaftem, unvollständigem, häufig kontext- und sinnfreiem Datenmaterial bearbeitete; dass man ihnen (absolute) Zahlen auftischte, deren einziger Sinn und Zweck es war, sie und andere in Angst und Schrecken zu versetzen; und dass man ihnen weitere, für eine realistische Einschätzung essenzielle Zahlen vorenthielt. So starrten die meisten Menschen wie hypnotisiert auf Trug- und Zerrbilder.

Wie ist dieses Verhalten der (meist schweigenden) Mehrheit zu erklären? Also ihre Affirmation, ihre Anpassung, ihr Konformismus? Könnte es sein, dass die Mehrheit sich der neuen Normalität auch deshalb so bereitwillig und zuverlässig fügte und fügt, weil sie Angst davor hat, zur Minderheit zu gehören und im Ernstfall allein zu stehen? Weil sie sich vor einer abweichenden Positionierung fürchtet? Weil ihr die Last der Freiheit zu schwer wäre? Geht sie konform, um diese Last abzuschütteln? Handelt es sich also möglicherweise um ein Fluchtverhalten?

Ich hatte auf Erich Fromm verwiesen und auf seine These, dass der Freiheit eine Dichotomie innewohnt: die Geburt der Individualität geht einher mit dem Schmerz des Alleinseins, gesellschaftliche Isolation und Einsamkeit können in Angstzustände münden. Menschen, die ihre Freiheit nicht aufzugeben bereit sind, kann das in eine schwierige, beinahe ausweglose Situation führen. Für diejenigen allerdings, denen die Freiheit nicht so viel bedeutet, stellt sich die Sache wesentlich einfacher dar: Sie fügen sich der Autorität, geben ihre Freiheit ganz oder teilweise preis und führen fortan ein zwar angepasstes, aber unbehelligtes Leben.

Um zu verstehen, was sich möglicherweise gerade vor unseren Augen abspielt, empfiehlt es sich, die Frage nach der Freiheit historisch – und dialektisch – anzugehen. Erich Fromm:

„Auf der einen Seite handelt es sich um einen Prozeß der zunehmenden Stärke und Integration, der Meisterung der Natur und der zunehmenden Beherrschung der menschlichen Vernunft, der wachsenden Solidarität mit anderen Menschen. Zum anderen aber bedeutet diese wachsende Individuation auch zunehmende Isolierung, Unsicherheit und, hierdurch bedingt, zunehmenden Zweifel an der eigenen Rolle im Universum, am Sinn des eigenen Lebens und, durch das alles bedingt, ein wachsendes Gefühl der eigenen Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit als Individuum.“ (1)

Begonnen hat dieser zwiespältige Prozess mit einem ersten kräftigen Schub im Zeitalter der Reformation, also der protestantischen Erlangung religiöser Freiheiten. Im Zug der kapitalistischen Entwicklung konnte er dann seine volle Dynamik entfalten. Und so hat der Mensch im Lauf der letzten gut 500 Jahre viel erreicht. Er hat sich nicht nur von Fesseln befreit. Er hat auch seine positive Freiheit vergrößert: seine Individualität und Unabhängigkeit ausgebildet, sich politische, wirtschaftliche und religiöse Freiheiten erschlossen, sich Aufklärung und Rationalität verschrieben, ein tätiges, kritisches und verantwortungsbewusstes Selbst entwickelt. (2)

Doch es bildete sich eine Kluft: Der „Freiheit von“ stand mit der Zeit ein immer spürbarer werdender Mangel an Möglichkeiten zu einer positiven Verwirklichung von Freiheit und Individualität gegenüber. Auch bei dieser gegenläufigen, negativen Entwicklung erwies sich der Kapitalismus als mitentscheidend. Denn er trug zur wachsenden Vereinsamung und Isolierung des Einzelnen bei. Er erfüllte ihn mit dem Gefühl seiner Bedeutungslosigkeit und Ohnmacht.

Ganz ähnlich wie Fromm hat Hans Freyer diesen Prozess skizziert:

„Im Bastillesturm (nach anderen: in der Reformation) scheint nicht die Freiheit, um die man kämpfte, sondern die Einsamkeit des Menschen erkämpft worden zu sein. (…) Die Einsamkeit kann sich abwandeln zu Weltschmerz, zu Trotz, zu Angst, zu Langeweile, zu Verzweiflung, dann auch zu Sartres activisme de désespoir. Sie ist wie eine überall verteilte Substanz, die sich zu all diesen Grundbefindlichkeiten und Psychopathien des Zeitalters verdichtet.“ (3)

All dies hat – wie Erich Fromm 1941 feststellen musste – in Europa zu einer panikartigen Flucht vor der Freiheit geführt, die zwei Richtungen nahm: entweder war es eine Flucht in neue „sekundäre Bindungen“ (4) oder eine Flucht in die völlige Gleichgültigkeit.

Die Schattenseiten der „Freiheit von“ – als da sind: Entwurzelung und Unsicherheit, Zweifel, Ohnmacht und Angst – ließen ein Dilemma entstehen, das sich im Lauf des 20. Jahrhunderts dramatisch verschärft hat.

„Mit der zunehmenden Entwicklung des Monopolkapitalismus in den letzten Jahrzehnten scheint sich die Gewichtsverteilung der beiden Tendenzen zur menschlichen Freiheit verändert zu haben. Jene Faktoren, die dazu tendieren, das individuelle Selbst zu schwächen, haben größeres Gewicht gewonnen, während die das Individuum stärkenden Elemente entsprechend an Gewicht verloren haben. Das Gefühl der Ohnmacht und Vereinsamung hat beim einzelnen zugenommen, während seine Freiheit von allen traditionellen Fesseln deutlicher in den Vordergrund trat und die Möglichkeiten zu einem individuellen wirtschaftlichen Aufstieg gleichzeitig zurückgingen. Der einzelne fühlt sich von gigantischen Mächten bedroht …“ (5)

Aus dieser Konstellation sind nur wenige Auswege vorstellbar: Entweder hält der Mensch die mit der neuen Freiheit verbundene Unsicherheit und Angst aus, lernt vielleicht mit ihr zu leben oder sie – dann als stabile, selbstbewusste Persönlichkeit – zu überwinden. Oder er gibt sein individuelles Selbst auf und flüchtet aus der Freiheit in die Arme einer Autorität, der er sich unterwirft. Oder er passt sich konformistisch den allgemein akzeptierten Verhaltensmustern zwanghaft an. (6)

Freiheit versus Sicherheit

Wer bereit ist, auf seine Freiheit zu verzichten, wird durch eine neue Sicherheit entschädigt, durch die stolze Teilhabe an einer Macht, in der er aufgeht. Die einst quälenden Zweifel verlieren an Bedeutung. Der Mensch ist nicht länger für das Schicksal seines Selbst verantwortlich. Alle wichtigen Entscheidungen werden ihm abgenommen. Alle etwaigen Fragen beantwortet die Beziehung zu der Macht, der er sich unterworfen hat: „Der Sinn seines Lebens und sein Identitätserleben werden von dem größeren Ganzen bestimmt, in dem sein Selbst untergetaucht ist.“ (7)

Die Autoritäten, denen sich der Mensch fügt, haben sich freilich im Lauf der Zeit gewandelt. Generell lässt sich feststellen, dass an die Stelle der offenen die anonyme Autorität getreten ist. In einer Passage von verblüffender Aktualität schreibt Fromm, die anonyme Autorität

„[tarne] sich als gesunder Menschenverstand, als Wissenschaft, als psychische Gesundheit, als Normalität oder als öffentliche Meinung. Sie verlangt nichts als das, was ‚selbstverständlich‘ ist. Sie scheint keinerlei Druck auszuüben, sondern nur sanft überreden zu wollen. (…) Die anonyme Autorität ist deshalb noch wirksamer als die offene Autorität, weil einem gar nicht erst der Verdacht kommt, daß da ein Befehl gegeben wird, den man zu befolgen hat. (…) bei der anonymen Autorität [sind] sowohl der Befehl als auch die Instanz, die ihn erteilt, unsichtbar geworden. Es ist, als ob ein unsichtbarer Feind auf uns schießen würde. Da ist niemand und nichts, wogegen man sich wehren könnte.“ (8)

Welcher Menschentypus ist es nun, der die Freiheit fürchtet beziehungsweise aus der Freiheit flüchtet? Es ist jener Charakter, den Fromm als „autoritär“ bezeichnet. Menschen dieses Typs bewundern die Autorität und sind bereit, sich ihr zu unterwerfen, möchten aber gleichzeitig selbst eine Autorität sein, der sich die anderen zu unterwerfen haben. Sie kennen nur Macht und Ohnmacht, nur Herrschen und Beherrscht werden – aber niemals Solidarität. Der autoritäre Charakter, so Fromm weiter, habe sogar eine regelrechte Affinität zu Lebensbedingungen, welche die menschliche Freiheit einschränken. Er liebe es, sich dem Schicksal zu ergeben. (9) Dies mache seinen „Heroismus“ aus. (10)

Der autoritäre Charakter

Statt weiterer theoretischer Erörterungen hier nun eine Illustration des autoritären Charakters in Gestalt einer Episode aus der jüngeren Corona-Zeit. Ein unter dem Pseudonym Paul Pretoria schreibender Lehrer (vermutlich ein Gymnasiallehrer) hat in einem Artikel für Die Achse des Guten über einschlägige und bedrückende Erfahrungen aus seinem Berufsalltag berichtet. Pretorias Misere fing damit an, dass er wegen seiner vergleichsweise gelassenen Einschätzung der Virusgefahr und seiner Kritik an den „Maßnahmen“ unter seinen ganz anders gestimmten Lehrerkollegen in eine Außenseiterrolle geriet, in die Isolation.

„Zu einem Gefühl der absoluten Einsamkeit im Pulk meiner sorgfältig maskierten, sich ständig die Hände desinfizierenden und scheinbar gerade deshalb sehr gut gelaunten, alles mittragenden und jeder politischen Diskussion aus dem Weg gehenden Kollegen kam eine Fassungslosigkeit, die mich zwischendurch an meinem eigenen Verstand zweifeln ließ.“ (11)

Inzwischen habe er zwar gelernt, „dem Sog der Verzweiflung zu widerstehen“, versichert Pretoria. Doch was er dann über eine Lehrerkonferenz anlässlich der Einführung der Maskenpflicht in der Schule berichtet, macht seine Fassungslosigkeit greifbar. Während die Konferenz noch läuft, schreibt er Folgendes an einen Freund:

„Ich sitze in der Konferenz. Es geht um die Maskenpflicht. Große Aufregung, aber alle Fragen haben nur ein Ziel: Wie können wir die Schüler besser kontrollieren, maßregeln, bestrafen, wenn sie sich gegen die Maskenpflicht wehren? Kann man sie aus der Schule schmeißen? Ja? Geht das?? Niemand, nicht ein einziger, fragt nach, wie es den Kindern eigentlich damit gehen wird, was wir hier eigentlich tun. Nichts als hysterischer Gehorsam, Kontrollwahn, Unterwerfung. Die nächste Diktatur wird kommen, und Deutschland wird vorne mit dabei sein. Ich bin verzweifelt.“ (12)

Besser kann man den autoritären Charakter kaum beschreiben: Die Lehrer treten nach unten, überbieten sich wechselseitig in Ideen, wie sie die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen an die Kandare nehmen könnten. Doch auf der anderen Seite zeigen sie sich unterwürfig und beflissen gegenüber der Macht, sei es die Schulleitung, das Schulamt, das Kultusministerium, jedenfalls die Vorgesetzten beziehungsweise – Stichwort „anonyme Autorität“ – die weisungsbefugten Instanzen. Interessanterweise handelt es sich in diesem Beispiel um Menschen, deren Aufgabe nicht nur die Vermittlung von Wissen an die junge Generation ist, sondern auch deren Erziehung zu selbstbewussten, couragieren Bürgern eines demokratischen Rechtsstaats.

Ulrich Teusch: Politische Angst – Warum wir uns kritisches Denken nicht verbieten lassen dürfen. Frankfurt a.M.: Westend Verlag, 147 Seiten, 16 Euro

Anmerkungen

(1) Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit. Aus dem Englischen von Liselotte und Ernst Mickel, München 2021 (25. Aufl., erstmals 1941), S. 32

(2) Vgl. ebd., S. 83

(3) Hans Freyer, Theorie des gegenwärtigen Zeitalters. Stuttgart 1955, S. 135f.

(4) Der Begriff „sekundäre Bindungen“ legt zum einen nahe, dass es da auch primäre, sozusagen natürliche und gewachsene Bindungen gebe (oder einmal gegeben habe), zum anderen, dass die neuen Bindungen „gemacht“ sind, also künstlicher beziehungsweise technischer Art sind. Hans Freyers (…) Konzeption des „sekundären Systems“ liegen ähnliche Einsichten zugrunde.

(5) Erich Fromm, Die Furcht vor der Freiheit, S. 94 (Hervorhebung im Original)

(6) Vgl. ebd., S. 102

(7) Ebd., S. 117

(8) Ebd., S. 125

(9) Vgl. ebd., S. 127

(10) Vgl. ebd., S. 129. Fromm bezeichnet den autoritären Charakter auch als „sado-masochistisch“. Selbstverständlich will er diesen Begriff keinesfalls in einem perversen oder neurotischen Sinn verstanden wissen. Im Fokus steht vielmehr das Wechselspiel zwischen (oder auch das Zusammenwirken von) Beherrschen und Unterwerfen.

(11) Paul Pretoria, Die Schule und das Personal für die nächste Diktatur, in: Achgut, 7.4.2021

(12) Ebd.

RIPPLE, 4. August 2021, 17:10 UHR

Teusch: "Wie ist dieses Verhalten der (meist schweigenden) Mehrheit zu erklären? Also ihre Affirmation, ihre Anpassung, ihr Konformismus?"

Ich würde hierzu gerne eine Erklärung anbieten, die andere Erklärungen keineswegs ausschließt sondern sie eher ergänzen kann, da mir Teuschs Erklärungsansätze (Angst) noch etwas zu sehr nach Psychologie und bewusster Überlegung klingen. Ich sehe hier noch einen viel weiter zurück reichenden atavistischeren Mechanismus am Wirken.

(1) Atavistische Reflexe

Ich denke, es hat etwas mit dem evolutionsbedingt tierischen Kern unseres Menschseins zu tun, und der Frage, wie gut jemand seine atavistischen Impulse durch Vernunft und Reflexion beherrschen und steuern kann – oder eben nicht. In letzterem Fall ist er dann freilich diesen atavistischen Impulsen wehrlos ausgeliefert.

Unser tierischer Wesenskern macht sich öfter als man wahrhaben will in Situationen bemerkbar, in denen man nicht damit rechnen würde.

Hunde beschnüffeln sich unter dem Schwanz, um zu prüfen, ob der neu auf der Spielwiese Angekommene bereit ist, sich an die Spielregeln zu halten, oder ob er aggressiv oder verängstigt ist oder ob es sonst einen Grund gibt, lieber einen Bogen um ihn zu machen.

Die menschliche Gesellschaft ist geradezu durchsetzt mit Verhaltensweisen, die ein Äquivalent zum Beschnüffeln bei Hunden darstellen.

Ein Beispiel ist das "Mahlzeit!"-Sagen auf den Gängen in Büros und Fabriken. Der Sinn besteht darin, seine Bereitschaft zu signalisieren, nicht nur die offiziellen Regeln und Gesetze sondern auch ungeschriebene Gesetze der Gesellschaft einzuhalten.

Je sinnloser ein ungeschriebenes Gesetz ist (z.B. die "Mahlzeit!"-Ruferei), desto deutlicher ist das Signal der Bereitschaft, ein braves Mitglied der Gesellschaft zu sein – wenn man doch sogar ein derart sinnloses Gesetz der Gesellschaft ohne zu diskutieren einhält.

Wer zwischen 10 Uhr und 14 Uhr den Zuruf "Mahlzeit!" nicht entsprechend zurückgibt, sondern wortlos vorüber geht, lässt beim Konformen die Nackenhaare aufstehen.

Wer zum Arzt geht, ist in der Regel krank und hat also gerade eher keinen guten Tag. Trotzdem ist es gesellschaftliche Pflicht, beim Betreten eines Wartezimmers den anwesenden Patienten einen guten Tag zu wünschen. Das ist recht eigentlich sogar noch widersinniger als das "Mahlzeit!"-Sagen und wird nur deshalb nicht als Zynismus wahrgenommen, weil es eben eine gesellschaftliche Vorschrift ist.

Kommt ein Punker mit Sicherheitsnadeln in der Nase und entsprechendem Outfit ins Wartezimmer gestürmt und setzt sich grußlos auf einen freien Platz, gehen die Reaktionen (ja, auch bei mir) in Richtung "Rüpel!", "Also sowas!", "Unverschämt!", "Stoffel!" etc.

Der Punk hat sich also nicht an die ungeschriebenen Regeln gehalten. Er hat damit bewiesen, dass er mit einem "Mind Set" unterwegs ist, dem gesellschaftliche Regeln nichts gelten. Wenn er schon diese Wartezimmerregel nicht einhält, was ist dann sonst noch von ihm zu befürchten? Er ist also beim Beschnüffeln durchgefallen, wird ausgegrenzt, unterdrückt und weggebissen.

Diese atavistischen Reflexe sind in uns Menschen nicht nur noch immer massiv vorhanden, sondern sie werden gepflegt, kultiviert und weiterentwickelt. Und sie haben eine Macht über uns, die mit dem Reflex vergleichbar ist, die Arme vorzustrecken, um nach dem Stolpern einen Sturz abzufangen.

Es braucht viel charakterliche Stärke, um sich willentlich gegen ein solches ungeschriebenes Gesetz zu stellen und all dem zu widerstehen, das durch die gesellschaftliche Forderung an Reflexen in uns ausgelöst wird.

Und derzeit ist das Nacherzählen des Coronanarrativs des Regimes ohne jeden Zweifel das ungeschriebene Gesetz, das man nicht nur einhalten muss, um von der Gesellschaft aus durch Medien Ferngesteuerter akzeptiert zu werden, sondern man muss versuchen, beim Einhalten des ungeschriebenen Gesetzes den jeweils anderen noch zu übertreffen, also quasi lauter "Mahlzeit!" zu sagen als der andere (siehe Lehrerkonferenz).

Wie bei allen anderen Signalen der Bereitschaft, gesellschaftliche Regeln einzuhalten, besteht der Sinn nicht im Inhalt des Signals ("Mahlzeit!", "Guten Tag!") sondern im formalen Sprechakt selbst. Je sinnloser, widersinniger oder sogar ganz klar den Fakten widersprechend der Inhalt eines Sprechaktes ist, desto wirkungsvoller das Signal der Bereitschaft, sogar diese gesellschaftliche Regel noch einzuhalten.[1]

Die Unsinnigkeit des verordneten Coronanarrativs und seiner vorgegebenen Verteidigungssprechblasen ist ebenso offensichtlich wie die Zahlen und Argumente, die den Widerspruch des Narrativs zur Realität belegen. Schon alleine daher ist das gesellschaftliche Gewicht, das dem rein formalen Sprechakt, der im Nachbeten des regierungsamtlichen Librettos besteht, um so größer.

In vielen sogenannten "Events" mit Beteiligung von Medienvertretern und Werbeagenturen wurde genau diese Installation eines Narrativs unter Instrumentalisierung genau dieser atavistischen Reflexe jahrelang geprobt und in realistischen Rollenspielen geübt.

Ein ganz wichtiges Element hierbei ist die gesellschaftliche Ausgrenzung, das Wegbeißen desjenigen, der die gesellschaftliche Vorgabe nicht erfüllt. Wir müssen ja nicht extra erörtern, wie mit Menschen umgegangen wird, die das Coronanarrativ nicht brav nachbeten. Noch schlimmer: mit Menschen, die sich ganz bewusst und lautstark gegen das Narrativ stellen. Am schlimmsten: mit Menschen, die das Coronanarrativ als das entlarven, was es auch unabhängig von der Entlarvung tatsächlich ist: Die ganz große, weltumspannende Brutkastenlüge (inkl. heulender Krankenschwestern und allem, was dazu gehört).

Der Reflex, bei einem Sturz die Arme nach vorne zu strecken, kann selbst dann nur sehr schwer durch rationale Reflexionen unterdrückt werden, wenn es rationale Gründe für eine Unterdrückung des Reflexes gibt.

Der sowieso schon ebenso starke Reflex, seine Bereitschaft zur Einhaltung gesellschaftlicher Regeln zu bekunden, wird im Coronafall noch durch eine extrem starke gesellschaftliche Todesdrohung unüberwindbar gemacht – unüberwindbar zumindest für schwache Menschen.

Dass diese Drohung mit dem gesellschaftlichen Tod keine leere Drohung ist, wird dadurch sichtbar gemacht, dass auch tatsächlich jeden Tag zigtausend Menschen gesellschaftlich exekutiert werden. Die Exekution wird dabei als Schauspiel auf dem Marktplatz der Medien inszeniert ("Covidioten", Merkels Weihnachts-Hit-Piece usw.), bei dem die jubelnde Teilnahme erneut eine gesellschaftliche Pflicht ist ("Hängt sie höher!").

Es ist keine Frage der Intelligenz sondern des Charakters und der Persönlichkeitsbildung ob jemand die Charakterfestigkeit aufbringt, sich gegen seinen derart von den Medien unterstützten und von Profis zielgerichtet ins Pathologische aufgeblasenen atavistischen Impuls und für die Wahrheit zu entscheiden.

Im Berliner Sportpalast im Februar 1943 konnte man ganz direkt sehen, in welchem prozentualen Verhältnis die Menschen, die auch in solchen Situationen versuchen Mensch zu bleiben, zu den Menschen stehen, die zur Propaganda des Regimes "Jaaaaaa!" brüllen.

Nicht nur gesamtmenschliche Ausfallerscheinungen in Onlineforen, sondern auch sich selbst als regimekritisch betrachtende Intellektuelle von Noam Chomsky und Naomi Klein, über nahezu sämtliche politische Kabarettisten und Karikaturisten bis hin zu Wolfgang Niedecken und Udo Lindenberg[2] brüllen "Jaaaaaa!" zur Coronaaktion des Kapitals und der hierzu notwendigen und ja nun eigentlich wirklich hinreichend fadenscheinigen Propaganda.

Und zwar immer um einige Dezibel lauter als alle anderen.

Ein Konflikt zwischen gesellschaftlicher Regel und Vernunft bzw. Wahrheit entsteht in solchen Menschen gar nicht erst. Für diese Menschen ist ihr Verhalten genauso wenig ein verwerflicher Opportunismus, wie wir es als verwerflichen Opportunismus empfinden, beim Betreten eines Wartezimmers einen guten Tag zu wünschen. Sie tun eben, was man tun muss, um dazu zu gehören und von den Großen akzeptiert und nicht weggebissen zu werden.

All das schließt natürlich bewusste Entscheidungen zum Opportunismus nicht aus. Aber wenn man sich die unüberschaubare Anzahl der Menschen vor Augen führt, die nur alleine in den Medien das Lied des faschistischen Regimes singen, fällt es mir schwer, in allen Fällen eine bewusste Entscheidung gegen Wahrheit, Menschlichkeit und Ethik zu vermuten. Die genannten atavistischen Reflexe hat dagegen jeder.

Wieviele aus der grölende Menge im Berliner Sportpalast im Februar 1943 haben denn aufgrund ihrer bewussten Entscheidung den totalen Krieg verlangt, totaler und radikaler als sie ihn sich vorstellen konnten? Einige bestimmt. Vor allem die Einpeitscher. Wieviele der heutigen Eltern verlangen aufgrund einer bewussten Entscheidung, dass man ihre Kinder den ganzen Tag über knebeln und ihnen die freie Atemluft entziehen soll?

Das Bewusstsein, und nicht nur das politische Bewusstsein, steht im monsunartigen Starkregen atavistischer Reflexe.

(2) Das Böse (in der Version eines Krawallatheisten!)

Teusch: "Ich hatte auf Erich Fromm verwiesen und auf seine These, dass der Freiheit eine Dichotomie innewohnt: die Geburt der Individualität geht einher mit dem Schmerz des Alleinseins"

Auch Fromms Ansatz ist mir zu psychologisch. Nicht dass das per se falsch ist, in Anbetracht des Einflusses unserer Psyche auf unsere Entscheidungen. Aber zum Beispiel der Reflex, einen Sturz durch das Ausstrecken der Arme abzufangen, ist keine psychische Reaktion! Und auch das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und der Sehnsucht nach Eingebundensein lässt sich auch tiefergehend auflösen als auf der psychologischen Ebene.

In der Aufklärung gilt, ausgehend von Kant, die Orientierung an der Vernunft als Befreiung von der humanistisch betrachtet menschenunwürdigen mechanischen Determination durch die sinnlichen Affekte und Begierden.

Das ist auch alles schön und gut und richtig, setzt aber bereits voraus, dass die so erreichte Zivilisation vom Handelnden als erstrebenswert gesehen wird, also dass das Menschsein im humanistischen Sinne (z.B. kategorischer Imperativ) als erstrebenswerte Verbesserung zum Menschsein im tierischen Sinne (reagieren aufgrund sinnlicher Affektion) erlebt wird.

Für Kant war – und ich mache ihm hier keinen Vorwurf – das eine Selbstverständlichkeit, die man gar nicht thematisieren muss, was Captain Jean-Luc Picard ein paar Wochen später dann mal als das Bestreben bezeichnete, an der eigenen Vervollkommnung zu arbeiten. Zugleich war Kant aber auch Menschenkenner genug, so dass er selbst seinem ethischen Vernunftgesetz nicht genug Kraft zugetraut hat, um gegen die sinnlichen Affekte als Triebfeder erfolgreich ankämpfen zu können.

Dass er deshalb meinte, den Glauben an etwas Transzendentes zur Unterstützung der guten Triebfedern brauchen zu müssen, nachdem er die ganzen 800 Seiten vorher (ok, in der "KrV") alles Transzendente als unmöglich nachgewiesen hatte, mag zum einen dem damals noch hochgefährlichen Atheismusvorwurf geschuldet sein, zum anderen ganz einfach ein Fehler des alten Senfrührers gewesen sein.

Das Problem, das böse Menschen (yep, ich als Kampf- und Krawallatheist verwende das Wort böse hier ohne Anführungsstriche!) haben, ist, dass es nur eine Vernunft gibt. Vernunft ist überindividuell. One reason fits all. Aber mein Hunger ist MEIN Hunger. Den hat kein anderer außer mir. Mein Hass ist auch ausschließlich MEIN Hass.

Vernunft, und in der Folge davon Ethik, ist denen nicht "Ich" sondern etwas, das das "Ich" in seiner Freiheit einschränkt. "Ich", also sie selbst, das sind kantisch gesprochen ihre sinnlichen Affekte und die Triebe, die ihnen daraus etstehen.

Und von ihrer vernunft- und ethikfeindlichen Position aus haben sie ja nicht Unrecht. Nur im Erleben dieser sinnlichen Triebe fühlen sie sich selbst, da sie die für alle gleich geltende Vernunft mit ihren Vorschriften nicht als Teil ihres "Ich" wahrnehmen (möglicherweise aus gutem Grund) sondern als Gängelung ihres stets nur triebhaften Individuums (hier ein Berührungspunkt mit Fromms anonymer Autorität, aber mit gänzlich anderer Funktion).

Was die Vernunft gebietet zu tun, ist denen nicht etwas, zu dem sie selbst gekommen sind, sondern ist ihnen ein Gebot von außen. Selbst wenn sie einsehen, dass es vernünftig ist, X nicht zu tun, erfahren sie sich selbst nicht im Befolgen dessen, was die überindividuelle Vernunft vorschreibt, sondern sie erfahren sich selbst im Akt des individuellen Aufbegehrens gegen das überindividuelle Vernunftgebot.

Und hier die wichtige Unterscheidung: Ihr Ich erleben diese Menschen nicht nur nicht in der Erfüllung des Vernunftgebots (an dem sie keinen eigenen Anteil spüren) sondern auch nicht in der Erfüllung ihrer sinnlichen Verlangens. Ihr Ich erleben diese Menschen im Verstoß gegen das Vernunftgebot. Nur in der Auflehnung gegen das überindividuell Richtige und Gebotene sind diese Menschen ein "Ich".

Es ist richtig und von der Vernunft geboten, Menschen nicht die freie Atemluft zu rauben. Es ist richtig und von der Vernunft geboten, Kinder nicht den ganzen Tag über zu knebeln. Es ist richtig und von der Vernunft geboten, kein unbekanntes Geheimserum in die gesunden und durch nichts bedrohten Körper aller Menschen dieser Erde zu spritzen. Es ist richtig und von der Vernunft geboten, das bisher bekannte Leben aller Menschen nicht durch ein Borg-System zu ersetzen usw.

Eine häufig verwendete Formel für dieses Aufbegehren gegen die Vernunft ist das bekannte "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen". Die Vernunft zeigt, dass es böse oder sachlich falsch oder ethisch schlecht ist, X zu behaupten, und gegen das, was die Vernunft so erkennbar macht, hat man auch keine Argumente, aber deshalb will man sich doch nicht von dieser Vernunft gängeln und den Mund verbieten lassen! Trotzdem oder gerade deshalb, weil es vernünftig wäre, X nicht zu tun oder nicht zu sagen, wird man "Das ja wohl noch sagen dürfen"!

Ich handle der überindividuellen Vernunft zuwider, also bin ich.

Und als sofortige Belohnung für das dann tatsächlich begangene Durchbrechen des Verbots kommt es zu einer Hormonausschüttung, die von einer sexuellen Erregung nur schwer zu unterscheiden ist.

Selbst dann, wenn, wie die Vernunft gegebenfalls voraussagen kann, dass die vernunftnegierende Handlung zum eigenen Nachteil sein wird, kann der Trieb, gegen das überindividuelle Vernunftgebot zu handeln, um darin sein "Ich" zu konstituieren, also gegen "Das Gute" zu handeln, stärker sein als die Einsicht in den eigenen materiellen Nachteil durch die Handlung. Und dieser Trieb ist es, was man als "Das Böse" bezeichnen kann, wenn man sich klar bewusst ist, dass man fern ab von allem Verdacht steht, hier irgendetwas religiös zu hypostasieren.

Den Neuen Menschen der Neuen Corona- bzw. Borg-Normalität ist das, was die Vernunft sagt, nicht weniger bekannt als uns Alten Menschen der Alten Normalität. Aber das Verstoßen gegen Vernunft und Ethik ist deren Betriebssystem. Unter dem Borgsystem, das einzuführen sie helfen, werden Paul Pretorias Lehrerkollegen genau so leiden wie wir. Sie werden keinen materiellen Vorteil aus ihren jetzigen Verletzungen von Vernunft und Ethik (sie jagen ihr Serum in die Körper von Kindern!) ziehen.

Warum geilen die sich dann gar so auf an ihrer größten Verletzung von Vernunft und Ethik der gesamten Menschheitsgeschichte (nein, ich vergesse weder den Holocaust, noch den 2.WK noch Pol Pot oder Stalins Gulags), mit der sie seit eineinhalb Jahren die ganze Welt zerstören?

Bestimmt nicht aus egoistischen Gründen in Form eines erhofften materiellen Vorteils. Und auch nicht weil sie gute Menschen sind.

Oben haben wir gesehen, dass die kaum zu überwindende atavistische Notwendigkeit, ein Signal der Bereitschaft zu geben, auch ungeschriebene gesellschaftliche Regel einzuhalten, um so wirkmächtiger ist, je unsinniger ("Mahlzeit") und vernunftwidriger ("Guten Tag, ihr Kranken!") die einzuhaltende Regel ist. Je sinnloser, widersinniger oder sogar ganz klar den Fakten widersprechend der Inhalt eines Sprechaktes ist, desto wirkungsvoller.

Potenzieren wir dies nun mit der von den Coronatätern perfekt verstandenen und instrumentalisierten Ablehnung überindividueller Vernunft und Aufklärung (Wodarg, Bhakdi und Schreyer sind "Aluhüte", "Querdenker"...) als ein das "Ich" gefährdendes Fremdes, hat man, denke ich jedenfalls, einen recht guten Untergrund, auf dem dann freilich notwendige und wichtige psychologische Analysen aufsetzen können.


[1] Ein sehr schönes aber ausnahmsweise mal liebenswertes Beispiel konnte ich früher, auf meinen ausgedehnten Tramptouren durch Irland, permanent beobachten: "It's a nice day, isn't it?" – "Lovely!", während beide Sprecher von schräg stehendem Schneeregen durchweicht und vom Sturm fast weggeblasen werden. "Nice day!"... Wer schon mal in Irland war, kennt die gesellschaftliche Pflicht, das Wetter zu loben. Jede Gesellschaft hat eben ihr "Mahlzeit!"

In Irland gibt es genauso nur "Nice days" wie es in der momentanen historischen Situation eben eine außergewöhnliche epidemische Situation gibt. Und dieser außergewöhnlichen epidemischen Situation müssen sich die Gläubigen der Staatsreligion "Corona" ebenso gegenseitig versichern, wie sich Menschen in Büros und Fabriken gegenseitig versichern müssen, dass die Zeit zwischen 10 Uhr und 14 Uhr "Mahlzeit" heißt.

Sinn? Liegt nicht im Inhalt sondern im Sprechakt "an sich" und in der befohlenen Entrüstung über Menschen, die sich nicht an die Vorgabe halten. Sowohl Sprechakt an sich als auch befohlene Entrüstung über Querdenker sind dafür dann aber umso wichtiger!

[2] Respekt und Dank an Eric Clapton und Van Morrison!

CARLO LF, 7. August 2021, 11:25 UHR

Mir ist sehr unwohl, wenn bei der Analyse des unerträglichen Konformismus und duckmäuserischen Verhaltens der großen Mehrheit in unseren westlichen Gesellschaften auf kultur- und geschichtsphilosophische Theoreme zugegriffen wird, die bis in die Zeiten der Reformation zurückreichen. Um dann halt, wie bekannt, über die Einsamkeit des Individuums als Resultat kapitalistischer Prozesse zu jammern. Mag ja alles "irgendwie" sein, wenn man unsere westliche Kulturgeschichte mit vorindustriellen Gesellschaften vergleicht. Aber taugt das zur Analyse dessen, was wir zur Zeit erleben?

Auch den Rückgriff auf Erich Fromm finde ich wenig erhellend für unsere Zustände. Fromm beschreibt einen Charakter, den man als Heßling kennenlernte, und dessen Disposition für den Nationalsozialismus wohlbekannt ist. Bei Fromm kommt aber mehr noch die Enttäuschung über die kultivierten bürgerlichen Intellektuellen oder auch der einfach nur gebildeten Bourgeois vor dem NS-Regime zum Ausdruck. Diese autoritären Charaktere hat das 12-jährige Regime natürlich kräftig gefördert, und wir Nachgeborenen aus den 50ern haben das noch live an unserer Elterngeneration erlebt.

Aber dann kam 1968. Obwohl nur von einer kleinen Minderheit in der Gesellschaft getragen, waren die kulturellen Auswirkungen in die Breite doch sehr groß. Der autoritäre Charakter verschwand zwar nicht, war aber recht verachtet, das Leitbild wurde ein anderes. Ich erinnere mich gut an die Eindrücke, die ich nach 89 von Menschen aus dem vormaligen Sowjetbereich, insondert aus der ehemaligen DDR, mitnahm. Ich dachte immer: die kannten kein 1968.

Nun, in den Zeiten dieser „Pandemie“, erlebt man wieder eine große Mehrheit in der Gesellschaft, die sich den staatlichen Maßnahmen scheinbar willig beugt und mitmacht. Unbestritten ist die Basis dafür die Angst, die die Bilder, Berichte und Propanda im März 2020 und danach erzeugten. Dazu der massive soziale und politische Druck, der erzeugt und ständig durch die Medien wiederholt wurde.

Für mich aber das Frappierendste: die Generation der Nach-68er, die Anhänger der Grünen und die Linken, die "Gesundheitsfraktion" und die "Solidaritätsfraktion", insbesondere aber die Kinder der Nach-68er Eltern, stellen sich als die verschärftesten Anhänger der staatlichen Repressionen dar. Also genau auch diejenigen, die vor ein paar Jahren noch massiv auf die Straße gingen wegen Monsanto oder TTIP und deren Komplizen in den Regierungen. Wie ist das möglich? Wie kann die Kritik am System und an Regierungen derart kippen, dass plötzlich eben diesem System in der "Gesundheitskrise" vertraut wird? Wie können die Gegner genveränderter Nahrungsmittel plötzlich zu denen werden, die am nachdrücklichsten die Gen-Spritze von allen einfordern?

Oder von der anderen Seite gesehen: Warum findet man Kritiker des gegenwärtigen Ausnahmestaates oft auf der rechten, der konservativen Seite des politischen Spektrums? Von Nazis und der opportunistischen AFD mal abgesehen. Warum fand ich oft die besten Artikel zur "Plandemie" auf achgut.com oder reitschuster.de, nachdem heise.de/tp offenbar weitgehend auf einen neuen Kurs gebracht wurde?

Ich finde, das ist eine der wichtigsten Fragen für uns heimatlos gewordene Linke. Und darüber hätte ich gerne etwas erfahren.

ULRICH TEUSCH, 7. August 2021, 16:30 UHR

Wir haben hier nur einen kleinen Auszug aus meinem Buch abgedruckt. In anderen Kapiteln gehe ich auch auf Ihre Fragen und Argumente ausführlich ein.

BERNHARD MÜNSTERMANN, 7. August 2021, 18:45 UHR

An anderer Stelle im Buch plädiert der Autor für eine Kreuz- und Querfront. In der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation verbindet auch mich z.B. mit dem hier genannten katholischen Bischof von Frascati Erzbischof Carlo Maria Viganò (Aufruf: veritas liberabit vos) mehr als mit einem Alt 68er wie Joschka Fischer, der einst die Turnschuhe auf dem Parlamentsparkett hoffähig machte und auf den Holger Börner noch mit der Dachlatte einschlagen wollte. Das erübrigt sich heute ganz und gar. Weil die Demokratiebewegung gewaltlos bleiben will.

Ja, auch im bürgerlichen Lager organisierte Konservative, einzelne Parteimitglieder jedweder Couleur bis hin zu den (oliv)-GRÜNEN erweisen sich als gesprächsbereit und damit bündnisfähig. Rita Süssmuth fand sich zum Gespräch on camera mit dem verfemten Ken Jebsen bereit, trotz aller medialen Hetze gegen KenFM. Jeder kennt solche Beispiele. Wolfgang Wodarg verließ die Partei, in der er lange für seine Positionen gestritten hatte. Nena traut sich öffentlich zum Themenbereich Corona, wo zahlreiche Musikerkollegen mit kritisch daherkommendem Protestsong-Image bezeichnenderweise kneifen. Man würde sie anderenfalls im Radio nicht mehr hören und die GEMA – Überweisungen fielen aus. In der Krise bewahrheitet sich der alte Merksatz: in re incerta amicus certus cernitur. In unsicherer Lage erkennt man den verlässlichen Freund.

Kommentieren

Zum Kommentieren bitte anmelden.