Buchempfehlungen

Chiara Valentini

Der eigenartige Genosse Enrico Berlinguer

Als Enrico Berlinguer 1984 bei einer öffentlichen Veranstaltung zusammenbrach und wenige Tage später verstarb, folgten zwei Millionen Italiener seinem Sarg. Berlinguer war seit 1972 Chef der Kommunistischen Partei Italiens, der größten in einem westlichen Land, ein Mann der leisen Töne, mit aristokratischen Zügen, und doch ein charismatischer Führer, von seinen Anhängern verehrt und geliebt. Als Vater des „Eurokommunismus“ und Anwalt des „historischen Kompromisses“ zwischen Christdemokratie und Kommunismus wurde Berlinguer zu einer Schlüsselfigur in der neueren italienischen Geschichte. Chiara Valentini porträtiert ihn zu seinem 100. Geburtstag in einer gut recherchierten, spannenden Biografie und fragt nach seiner Bedeutung für die heutige Zeit.

J.H.W. Dietz Nachf., 480 Seiten, 32 Euro
Benjamin Carter Hett

Der Reichstagsbrand

Adolf Hitler war noch keine vier Wochen an der Macht, als am Abend des 27. Februar 1933 der Reichstag in Flammen aufging. Unmittelbar darauf erließ die Regierung eine Notverordnung, die einen permanenten Ausnahmezustand schuf, die Grundrechte außer Kraft setzte und fortan die Grundlage zur Verfolgung politischer Gegner bildete. Noch am Tatort wurde ein fast völlig blinder Niederländer als vermeintlicher Brandstifter verhaftet. Der Historiker Benjamin Carter Hett zeigt im Buch detailliert, dass die Einzeltäterthese widerlegt ist; diese jedoch seit den 1950er Jahren von Akteuren in Geschichtswissenschaft, Verfassungsschutz und Leitmedien zur dominanten Erklärung aufgebaut wurde.

Rowohlt, 648 Seiten, 29,95 Euro
Thomas Bauer

Die Vereindeutigung der Welt

„Wer Eindeutigkeit erstrebt, wird darauf beharren, dass es stets nur eine einzige Wahrheit geben kann und dass diese Wahrheit auch eindeutig erkennbar ist“ – so der Islamwissenschaftler Thomas Bauer in diesem Buch aus dem Jahr 2018. Bauer spricht von einer „Wahrheitsobsession“ und ergänzt: „Wenn es nur eine einzige Wahrheit gibt, dann muss diese auch überzeitlich gültig sein. (…) Das zweite grundlegende Merkmal des Fundamentalismus besteht also in der Ablehnung der Geschiche.“ Als drittes komme ein „Reinheitsstreben“ dazu: alles Fremdartige und Deutungsbedürftige werde getilgt. Der Corona-Fundamentalismus ist damit schon zwei Jahre vor seinem Ausbruch klar umrissen worden.

Reclam, 104 Seiten, 6 Euro
Marc Elsberg

Blackout

Wie es in Europa aussehen würde, wenn nur zwei Wochen der Strom ausfällt, zeigt dieser gut recherchierte Roman. Eine Gruppe ideologisierter Hacker, die einen globalen Neustart (wörtlich „Reset“) für eine solidarische Welt wollen, legt die Stromversorgung zweier Länder lahm und setzt eine fatale Kettenreaktion im europäischen Energienetz in Gang. Alles fällt aus: Heizungen, Klospülungen, Ampeln, Geldautomaten, Tankstellen. Politik und kritische Infrastruktur sind schlecht vorbereitet. Es kommt zu vielen tödlichen Katastrophen. Die bisherigen Regeln des Zusammenlebens gelten nicht mehr. Lerneffekt: Solch ein Zustand sollte um jeden Preis vermieden werden.

Blanvalet, 832 Seiten, 12 Euro
Bernard E. Harcourt

Gegenrevolution

Je krisenanfälliger politische Systeme werden, je aktiver und auch militanter Protestbewegungen agieren – man denke an die französischen Gelbwesten oder die kanadischen Trucker –, desto rigoroser fällt die Antwort der Staatsmacht aus: Die Protestler werden mittels Propaganda stigmatisiert und von der passiven Mehrheit isoliert. Eine zunehmend militarisierte Polizei tritt auf den Plan. Immer ausgefeiltere Überwachungs- und Kontrolltechniken bringen System in eine „Aufstandsbekämpfung“, wie man sie bislang nur aus der Unterdrückung antikolonialer Bewegungen oder aus dem „Krieg gegen den Terror“ kannte. Es handelt sich um eine „Gegenrevolution“, um den Eintritt in ein autoritäres Zeitalter.

Fischer, 479 Seiten, 26 Euro
Michail Bulgakow

Die weiße Garde

Mit der russischen Revolution begann gegen Ende des Ersten Weltkrieges in Kiew eine Zeit jahrelanger Wirren und ständiger Machtwechsel. In dieser Phase spielt der Roman des Schriftstellers Michail Bulgakow. Protagonist ist der Militärarzt Alexej Turbin, in dem unschwer Bulgakow selbst zu erkennen ist. Turbin und sein zarentreues Umfeld versuchen, mit den instabilen Verhältnissen zurechtzukommen und müssen schließlich um ihr Leben kämpfen. Ein äußerst ernsthaftes Werk des großen sowjetischen Satirikers, das den Leser mitnimmt in eine zerrissene Stadt – hart umkämpft von vielen internationalen und einheimischen Konfliktparteien.

dtv, 544 Seiten, 14,90 Euro
Anna Haag

Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode

Die Stuttgarter Autorin Anna Haag begann 1940 ein Tagebuch und beschrieb darin nicht nur den Alltag in der Nazizeit, sondern vor allem die Einstellungen ihrer Mitmenschen zu Krieg und Führerkult. Erschreckend wenige Leute hätten Probleme mit den Freiheitsbeschränkungen, beklagt sie darin. Selbst die widersprüchlichsten Propagandabehauptungen wurden von vielen Menschen, auch von den Gebildeten, geglaubt. Sogar als Haag und ihre Nachbarn zum Kriegsende ausgebombt in einem Stollen saßen, gab es noch siegessichere Blockwarte. „Manchmal – nein oft – verzweifele ich völlig am deutschen Volk.“

Reclam, 448 Seiten, 35 Euro
Sheldon S. Wolin

Umgekehrter Totalitarismus

Der Politiktheoretiker Sheldon Wolin (1922-2015) sah ein neuartiges politisches und soziales System, den „umgekehrten Totalitarismus“, heraufziehen. Anders als im klassischen Totalitarismus werden die demokratischen und rechtsstaatlichen Institutionen und Verfahren nicht abgeschafft, sondern ausgehöhlt. Nur die Fassaden bleiben stehen. Die Macht liegt bei den großen Industrie- und Dienstleistungskonzernen, bei der Finanzindustrie, beim Militär-, Sicherheits- und Geheimdienstapparat, bei den wuchernden bürokratischen Komplexen. Die Bevölkerung wird in Resignation und Apathie, in Passivität und Entpolitisierung getrieben.

Westend, 462 Seiten, 36 Euro
Andreas Elter

Die Kriegsverkäufer

Es macht einen erheblichen Unterschied in der öffentlichen Meinung, ob die USA einen Krieg wegen ökonomischer und geostrategischer Interessen führen oder um die Welt zu retten. Der Historiker und Journalist Andreas Elter analysiert die Geschichte der US-Propaganda vom Ersten Weltkrieg bis zum zweiten Irakkrieg. Dabei blickt er auch immer wieder auf die Einbindung und die oft bereitwillige Mitwirkung heimischer Journalisten bei der Kriegstrommelei. Das bis heute hochaktuelle Buch von 2005 (dritte Auflage: 2015) ist nur noch gebraucht zu bekommen und sogar von der Seite des eigenen Verlags verschwunden – ein Indiz für die politische Relevanz.

Suhrkamp, 369 Seiten, 16 Euro
Franz Fühmann

Das Judenauto

Im Januar 2022 wäre der Schriftsteller Franz Fühmann 100 Jahre alt geworden. Mit dem Erzählzyklus „Das Judenauto“ hatte er 1962 eine Abrechnung mit der eigenen NS-Vergangenheit vorgelegt, die in der deutschen Literatur ihresgleichen sucht – so das Urteil Isabel Fargo Coles. Weiter schreibt sie: „Scharfsichtig und sprachlich virtuos schildert er den Weg von faschistischer Verblendung über Desillusionierung bis hin zur Erlösung durch sozialistische Ideale. Einzige Schwäche des Werkes ist das plumpe Happy-End, von dem sich Fühmann bald wieder distanzierte – der Wandlungsprozess, den er im ‚Judenauto‘ voreilig für abgeschlossen erklärt hatte, war noch längst nicht zu Ende.“

Hinstorff, 185 Seiten, 18 Euro
Laura M. Fabrycky

Schlüssel zu Bonhoeffers Haus

Als die US-Amerikanerin Laura Fabrycky mit ihrer Familie 2016 berufsbedingt für drei Jahre nach Berlin zieht, entdeckt sie Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers, des 1945 hingerichteten Exponenten der „Bekennenden Kirche“. Fabrycky beschäftigt sich fortan intensiv mit Bonhoeffer, begibt sich auf Spurensuche, engagiert sich schon bald ehrenamtlich im Bonhoeffer-Haus als Fremdenführerin und veröffentlicht nach ihrer Rückkehr in die USA ein informatives und einfühlsames Buch, in dem sie zeigt, wie das Leben ihres Protagonisten und seine Erkenntnisse uns heute Vorbild sein und bereichern können.

Gütersloher Verlagshaus, 320 Seiten, 22 Euro
Norbert Häring

Endspiel des Kapitalismus

Handelsblatt-Journalist Norbert Häring erklärt das Wesen des modernen Kapitalismus als System, Eigentümern leistungslose Gelder zufließen zu lassen, die der Gesellschaft entzogen werden – organisiert über privilegierte Gelddrucker (Banken), die „darüber bestimmen, wer zum Investieren auf die freien Ressourcen der Gesellschaft zugreifen darf“. Der Autor schildert außerdem, mit welchen Mitteln „die Macht von den Konzernen zurückgeholt“ werden kann – und präsentiert dazu neuartige Eigentumsformen an Unternehmen, die ein solches Aussaugen der Gesellschaft unterbinden oder stark vermindern können.

Quadriga, 382 Seiten, 22 Euro
Rainer Schneider

1989. Alles auf Anfang.

Ein großer Umbruch kommt schneller als man denkt. Der Roman des ostdeutschen Autors und Theatermachers Rainer Schneider folgt den schlingernden Lebenswegen von fünf Menschen aus DDR und BRD in der Wendezeit ab 1989. Vom Berliner Klempner über den bayrischen Treuhand-Ökonomen bis zur jungen Künstlerin sind ganz verschiedene Milieus und Typen vertreten, deren Wege sich auch noch kreuzen. Durch Mauerfall und Wiedervereinigung wurden sie alle in völlig neue Lebenslagen katapultiert, auf die niemand vorbereitet war. Der Roman ist Teil einer ganzen Reihe. Das Ende ist nicht happy, aber realistisch.

Lebenswege, 282 Seiten, 9,99 Euro
Norbert Elias, John L. Scotson

Etablierte und Außenseiter

Von 1958 bis 1961 untersuchten die Soziologen Elias und Scotson einen bemerkenswerten Gruppenkonflikt: In einem Vorort von Leicester wurde ein Teil der Einwohner vom anderen Teil massiv ausgegrenzt und abgewertet, obwohl es keine Unterschiede in Sprache, Ethnie oder Klasse gab. Einzig der Ortsteil war entscheidend. Die alteingesessene Gruppe monopolisierte alle lokale Macht und entwickelte eine Ideologie, warum dies richtig sei und dass ihre Mitglieder die besseren Menschen wären. Sie empfanden die Anderen als Ärgernis und Bedrohung. Eine Studie, die gesellschaftliche Mechanismen der Ausgrenzung beleuchtet.

Suhrkamp, 315 Seiten, 12 Euro
Victor Klemperer

LTI – Notizbuch eines Philologen

„Die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen“, schreibt Victor Klemperer in seinem bekanntesten Buch. Dem Dresdener Sprachwissenschaftler blieb – weil er von immer mehr gesellschaftlichen Betätigungen ausgeschlossen wurde – gar nichts übrig, als die Sprache des Dritten Reichs (Abkürzung: LTI) zu analysieren. Das Buch ist keine akademische Abhandlung, sondern vielmehr die Essenz seiner äußerst lesenswerten Tagebücher 1933-1945. An zahlreichen Alltagsbeispielen zeigt er, dass fanatisches und armseliges Reden verbrecherischem Handeln vorangeht.

Reclam, 416 Seiten, 13 Euro
Marlen Haushofer

Himmel, der nirgendwo endet

Was macht Kindheit aus? Die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer (1920-1970) schildert in diesem Roman die ersten Lebensjahre eines kleinen Mädchens aus der Innenperspektive – unverstellt, feinfühlig und ohne jeden Kitsch. Was macht es mit einem Kind, wenn Erwachsene Druck ausüben, unehrlich sind oder einfach nur überlastet? Wie kommt es, dass ein Kind den ursprünglichen Kontakt zur Welt verliert? Gerade heute, in einer Zeit, in der der Mangel an Empathie für Kinder alle Rekorde zu brechen scheint, vermittelt dieses ebenso poetische wie lebenskluge Buch eine Fülle von Denkanstößen.

Ullstein, 224 Seiten, 10 Euro
Walter Scheidel

Nach dem Krieg sind alle gleich

Wir leben in einer Welt mit enormen und vielfach wachsenden Einkommensdisparitäten. Wie kann man diese Ungleichheit reduzieren? Welche Mittel haben sich – historisch betrachtet – als wirksam erwiesen? Behutsame Reformen? Kluge Umverteilungsspolitik? Nein, sagt der an der Stanford University lehrende Historiker Walter Scheidel. Als große Nivellierer fungierten die "vier apokalytischen Reiter": Kriege, Revolutionen, Staatsversagen und Pandemien – sozialer Ausgleich war das Ergebnis von Gewalt. Ein bedeutendes Geschichtswerk, das beunruhigende Zukunftsperspektiven entwickelt.

wbg Theiss, 687 Seiten, 40 Euro
Julius Fučík

Eine Reise nach München

Im Juli 1934 wandert der tschechische Journalist Julius Fučík ohne Papiere über die grüne Grenze nach Deutschland und fährt mit dem Zug nach München. In dem Büchlein, das ursprünglich als dreiteilige Reportage erschien, berichtet Fučík vom Alltag im Faschismus. Kurz nach der Ermordung der SA-Führung durch die Nazi-Spitzen begegnet der Reporter einer nervösen Stadt voller Uniformträger, die jede Menschenansammlung schnell auflösen. Aufschlussreich ist Fučiks Versuch ein Gästezimmer zu bekommen. Die Wirtin: „Aber nein, mein Herr, ohne Pass dürfen sie jetzt nirgendwo sein. Ich muss das melden.“

Verlag Wiljo Heinen, 64 Seiten, 6 Euro
Dietrich Geyer

Das russische Imperium: Von den Romanows bis zum Ende der Sowjetunion

Dietrich Geyer (geb. 1928) war Professor für Osteuropäische Geschichte in Tübingen und zählt zu den führenden Vertretern seines Fachs. Das Buch dokumentiert seine letzte, sich über vier Semester erstreckende Vorlesung. Mit der ihm eigenen kraftvollen und präzisen Sprache erzählt und analysiert Geyer vier Jahrhunderte russischer Geschichte: von Iwan IV., der herausragenden Herrscherfigur des 16. Jahrhunderts, bis zum Untergang des sowjetischen Imperiums 1991. Eine stets spannende, erhellende, belehrende Lektüre, zugleich ein zuverlässiges Nachschlagewerk.

De Gruyter Oldenbourg, 468 Seiten, 39,95 Euro
Jochen Schilk

Die Wiederbegrünung der Welt

In seinen „50 ansteckenden Geschichten vom Bäumepflanzen“ nimmt Jochen Schilk, Redakteur der Zeitschrift Oya, den Leser mit auf eine Reise von den USA bis Brasilien und von der Inneren Mongolei bis nach Hessen. Vorgestellt werden „Guerilla-Gärtner“ oder „Laien-Aufforster“ – Menschen die sich der Aufgabe verschrieben haben, Bäume zu pflanzen, ohne dass eine große NGO oder eine Behörde dahinter steht. Die Denkanstöße, die der Autor vermittelt und die Menschen, die er porträtiert, weisen dabei weit über das Thema Naturschutz hinaus – es geht um das Potenzial von Eigenverantwortung und Selbstermächtigung.

Drachen Verlag, 272 Seiten, 22,80 Euro