Buchempfehlungen

Franz Fühmann

Das Judenauto

Im Januar 2022 wäre der Schriftsteller Franz Fühmann 100 Jahre alt geworden. Mit dem Erzählzyklus „Das Judenauto“ hatte er 1962 eine Abrechnung mit der eigenen NS-Vergangenheit vorgelegt, die in der deutschen Literatur ihresgleichen sucht – so das Urteil Isabel Fargo Coles. Weiter schreibt sie: „Scharfsichtig und sprachlich virtuos schildert er den Weg von faschistischer Verblendung über Desillusionierung bis hin zur Erlösung durch sozialistische Ideale. Einzige Schwäche des Werkes ist das plumpe Happy-End, von dem sich Fühmann bald wieder distanzierte – der Wandlungsprozess, den er im ‚Judenauto‘ voreilig für abgeschlossen erklärt hatte, war noch längst nicht zu Ende.“

Hinstorff, 185 Seiten, 18 Euro
Laura M. Fabrycky

Schlüssel zu Bonhoeffers Haus

Als die US-Amerikanerin Laura Fabrycky mit ihrer Familie 2016 berufsbedingt für drei Jahre nach Berlin zieht, entdeckt sie Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers, des 1945 hingerichteten Exponenten der „Bekennenden Kirche“. Fabrycky beschäftigt sich fortan intensiv mit Bonhoeffer, begibt sich auf Spurensuche, engagiert sich schon bald ehrenamtlich im Bonhoeffer-Haus als Fremdenführerin und veröffentlicht nach ihrer Rückkehr in die USA ein informatives und einfühlsames Buch, in dem sie zeigt, wie das Leben ihres Protagonisten und seine Erkenntnisse uns heute Vorbild sein und bereichern können.

Gütersloher Verlagshaus, 320 Seiten, 22 Euro
Norbert Häring

Endspiel des Kapitalismus

Handelsblatt-Journalist Norbert Häring erklärt das Wesen des modernen Kapitalismus als System, Eigentümern leistungslose Gelder zufließen zu lassen, die der Gesellschaft entzogen werden – organisiert über privilegierte Gelddrucker (Banken), die „darüber bestimmen, wer zum Investieren auf die freien Ressourcen der Gesellschaft zugreifen darf“. Der Autor schildert außerdem, mit welchen Mitteln „die Macht von den Konzernen zurückgeholt“ werden kann – und präsentiert dazu neuartige Eigentumsformen an Unternehmen, die ein solches Aussaugen der Gesellschaft unterbinden oder stark vermindern können.

Quadriga, 382 Seiten, 22 Euro
Rainer Schneider

1989. Alles auf Anfang.

Ein großer Umbruch kommt schneller als man denkt. Der Roman des ostdeutschen Autors und Theatermachers Rainer Schneider folgt den schlingernden Lebenswegen von fünf Menschen aus DDR und BRD in der Wendezeit ab 1989. Vom Berliner Klempner über den bayrischen Treuhand-Ökonomen bis zur jungen Künstlerin sind ganz verschiedene Milieus und Typen vertreten, deren Wege sich auch noch kreuzen. Durch Mauerfall und Wiedervereinigung wurden sie alle in völlig neue Lebenslagen katapultiert, auf die niemand vorbereitet war. Der Roman ist Teil einer ganzen Reihe. Das Ende ist nicht happy, aber realistisch.

Lebenswege, 282 Seiten, 9,99 Euro
Norbert Elias, John L. Scotson

Etablierte und Außenseiter

Von 1958 bis 1961 untersuchten die Soziologen Elias und Scotson einen bemerkenswerten Gruppenkonflikt: In einem Vorort von Leicester wurde ein Teil der Einwohner vom anderen Teil massiv ausgegrenzt und abgewertet, obwohl es keine Unterschiede in Sprache, Ethnie oder Klasse gab. Einzig der Ortsteil war entscheidend. Die alteingesessene Gruppe monopolisierte alle lokale Macht und entwickelte eine Ideologie, warum dies richtig sei und dass ihre Mitglieder die besseren Menschen wären. Sie empfanden die Anderen als Ärgernis und Bedrohung. Eine Studie, die gesellschaftliche Mechanismen der Ausgrenzung beleuchtet.

Suhrkamp, 315 Seiten, 12 Euro
Victor Klemperer

LTI – Notizbuch eines Philologen

„Die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein – im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen“, schreibt Victor Klemperer in seinem bekanntesten Buch. Dem Dresdener Sprachwissenschaftler blieb – weil er von immer mehr gesellschaftlichen Betätigungen ausgeschlossen wurde – gar nichts übrig, als die Sprache des Dritten Reichs (Abkürzung: LTI) zu analysieren. Das Buch ist keine akademische Abhandlung, sondern vielmehr die Essenz seiner äußerst lesenswerten Tagebücher 1933-1945. An zahlreichen Alltagsbeispielen zeigt er, dass fanatisches und armseliges Reden verbrecherischem Handeln vorangeht.

Reclam, 416 Seiten, 13 Euro
Marlen Haushofer

Himmel, der nirgendwo endet

Was macht Kindheit aus? Die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer (1920-1970) schildert in diesem Roman die ersten Lebensjahre eines kleinen Mädchens aus der Innenperspektive – unverstellt, feinfühlig und ohne jeden Kitsch. Was macht es mit einem Kind, wenn Erwachsene Druck ausüben, unehrlich sind oder einfach nur überlastet? Wie kommt es, dass ein Kind den ursprünglichen Kontakt zur Welt verliert? Gerade heute, in einer Zeit, in der der Mangel an Empathie für Kinder alle Rekorde zu brechen scheint, vermittelt dieses ebenso poetische wie lebenskluge Buch eine Fülle von Denkanstößen.

Ullstein, 224 Seiten, 10 Euro
Walter Scheidel

Nach dem Krieg sind alle gleich

Wir leben in einer Welt mit enormen und vielfach wachsenden Einkommensdisparitäten. Wie kann man diese Ungleichheit reduzieren? Welche Mittel haben sich – historisch betrachtet – als wirksam erwiesen? Behutsame Reformen? Kluge Umverteilungsspolitik? Nein, sagt der an der Stanford University lehrende Historiker Walter Scheidel. Als große Nivellierer fungierten die "vier apokalytischen Reiter": Kriege, Revolutionen, Staatsversagen und Pandemien – sozialer Ausgleich war das Ergebnis von Gewalt. Ein bedeutendes Geschichtswerk, das beunruhigende Zukunftsperspektiven entwickelt.

wbg Theiss, 687 Seiten, 40 Euro
Julius Fučík

Eine Reise nach München

Im Juli 1934 wandert der tschechische Journalist Julius Fučík ohne Papiere über die grüne Grenze nach Deutschland und fährt mit dem Zug nach München. In dem Büchlein, das ursprünglich als dreiteilige Reportage erschien, berichtet Fučík vom Alltag im Faschismus. Kurz nach der Ermordung der SA-Führung durch die Nazi-Spitzen begegnet der Reporter einer nervösen Stadt voller Uniformträger, die jede Menschenansammlung schnell auflösen. Aufschlussreich ist Fučiks Versuch ein Gästezimmer zu bekommen. Die Wirtin: „Aber nein, mein Herr, ohne Pass dürfen sie jetzt nirgendwo sein. Ich muss das melden.“

Verlag Wiljo Heinen, 64 Seiten, 6 Euro
Dietrich Geyer

Das russische Imperium: Von den Romanows bis zum Ende der Sowjetunion

Dietrich Geyer (geb. 1928) war Professor für Osteuropäische Geschichte in Tübingen und zählt zu den führenden Vertretern seines Fachs. Das Buch dokumentiert seine letzte, sich über vier Semester erstreckende Vorlesung. Mit der ihm eigenen kraftvollen und präzisen Sprache erzählt und analysiert Geyer vier Jahrhunderte russischer Geschichte: von Iwan IV., der herausragenden Herrscherfigur des 16. Jahrhunderts, bis zum Untergang des sowjetischen Imperiums 1991. Eine stets spannende, erhellende, belehrende Lektüre, zugleich ein zuverlässiges Nachschlagewerk.

De Gruyter Oldenbourg, 468 Seiten, 39,95 Euro
Jochen Schilk

Die Wiederbegrünung der Welt

In seinen „50 ansteckenden Geschichten vom Bäumepflanzen“ nimmt Jochen Schilk, Redakteur der Zeitschrift Oya, den Leser mit auf eine Reise von den USA bis Brasilien und von der Inneren Mongolei bis nach Hessen. Vorgestellt werden „Guerilla-Gärtner“ oder „Laien-Aufforster“ – Menschen die sich der Aufgabe verschrieben haben, Bäume zu pflanzen, ohne dass eine große NGO oder eine Behörde dahinter steht. Die Denkanstöße, die der Autor vermittelt und die Menschen, die er porträtiert, weisen dabei weit über das Thema Naturschutz hinaus – es geht um das Potenzial von Eigenverantwortung und Selbstermächtigung.

Drachen Verlag, 272 Seiten, 22,80 Euro