Empfehlungen Dezember 2024

Welt: Ein Staatsstreich mit legalistischer Fassade – und das mitten in der Europäischen Union – Auszug: „Mit der Annullierung der demokratischen Wahlen in Rumänien haben Politik und Justiz alle roten Linien überschritten, die einen Rechtsstaat von einer Autokratie unterscheiden. (…) Wohlgemerkt: Niemand äußert den Verdacht, dass es zu massiven Wahlfälschungen gekommen ist. Keiner behauptet, hier hätten Tote gewählt oder die Wahlhelfer vor Ort die Stimmabgabe manipuliert. Die Wahlen verliefen nach allen rechtsstaatlichen Kriterien korrekt. Die Wahlannullierung beruht auf der Theorie, rumänische Wähler wären zu dumm, eine freie Entscheidung zu treffen. In der Berichterstattung wird das bei uns offenbar als ein völlig normaler Vorgang angesehen – dabei wäre es der selbstverständliche Reflex einer lebendigen ‚vierten Gewalt‘, die historische Ungeheuerlichkeit des Vorgangs zu benennen (…). Die meisten deutschen Medien (...) vermeldeten die Nachricht so achselzuckend und routiniert, als ‚müsse’ ein Fußballspiel in der dritten Liga wiederholt werden. Grundsätzliche Einwände gegen die abenteuerliche Theorie, eine Präsidentschaftswahl sei wegen TikTok-Videos ungültig, sind kaum zu vernehmen. (…) Proteste sind aus der Brüsseler Bürokratie nicht zu hören, die ansonsten keine Gelegenheit auslässt, Ungarn wegen mangelnder Rechtsstaatlichkeit zu kritisieren. Es gibt keine prominenten Politiker aus Brüssel, Berlin oder einer anderen europäischen Hauptstadt, die diesen beispiellosen Vorgang überhaupt thematisieren. (…) Gegen die legitime Einmischung Europas etwa in Georgien hat niemand etwas einzuwenden. Dort treten auf Protestveranstaltungen regelmäßig westliche Politiker auf, der Westen unterstützt aktiv die georgische Opposition. (…) Wenn eine kritische Aufarbeitung des Skandals in Rumänien ausbleibt, darf man befürchten, dass das Beispiel in Europa Schule macht – und auch andere Wahlergebnisse in Zukunft wegen ‚Beeinflussung‘ angefochten werden, sobald der falsche Kandidat gewinnt. “

Welt: Ethikrat in der Pandemie: „Wenn ein Gremium die Beachtung ethischer Leitlinien nur vorgaukelt, ist es überflüssig“ (27.11.) – Auszug: „Politisch brisant und entscheidend für das Selbstverständnis und die Rolle des Deutschen Ethikrats unter Alena Buyx ist der letzte Absatz [ihrer Mail an Gesundheitsminister Spahn vom 12. Juni 2020] (…): ‚Besonders aber freue ich mich darauf‘, schreibt die damals frisch gewählte Vorsitzende an den Gesundheitsminister, ‚Ihre Vorschläge und alle weiteren Fragen, die sich ergeben könnten, im persönlichen Gespräch zu erörtern und noch genauer zu erfahren, welche Wünsche und Ideen Sie für unsere Arbeit haben.‘ (…) Insgesamt acht Stellungnahmen und Ad-hoc-Empfehlungen hatte der Deutsche Ethikrat in der Pandemie unter seiner Vorsitzenden Alena Buyx veröffentlicht. Jede davon bestätigte und unterstützte die Corona-Politik der Bundesregierung weitestgehend (…) Solange die Regierung gegen eine Impfpflicht war, argumentierte auch der Ethikrat dagegen. Als dann die Regierung ihre Meinung änderte, schwenkte parallel der Ethikrat um. (…) Kubicki sieht deutliche Unterschiede zwischen Buyx und ihrem Vorgänger, dem Theologieprofessor Peter Dabrock. ‚Mit dem Vorsitzwechsel ist ein Paradigmenwechsel eingetreten. War die erste Stellungnahme des Ethikrats im März 2020 noch von der Sorge um die Rechtsstaatlichkeit in Zeiten der Pandemie geprägt, wurden die öffentlichen Äußerungen der Vorsitzenden später immer regierungsnäher‘, so Kubicki. (…) Für Kubicki ist das Kapitel Buyx dennoch nicht abgeschlossen: ‚Das zweifelhafte Wirken des Ethikrats muss vor einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss, der unmittelbar nach der Wahl eingesetzt werden muss.‘“

RND: Putin droht mit Oreschnik-Angriff auf Kiew: Selbst die Nato hätte Probleme bei der Luftraumverteidigung – Auszug: „‘Wir würden uns selbst schwertun, einen größeren Angriff abzuwehren’, räumte ein Nato-Diplomat ein. Tatsächlich steckt das Militärbündnis in einem Dilemma: Mit den bereits bestehenden Luftraumverteidigungssystemen wie dem von Deutschland gelieferten Patriot-System kann die Ukraine die Langstreckenrakete Oreschnik nicht abfangen. Auch Raketenabwehrsysteme der Nato wie Arrow 3 und THAAD sind dafür nicht optimiert. ‚Um gegen eine Oreschnik auf großem Gebiet effektiv zu verteidigen, kann die Nato eine ganz bestimmte SM-3-Rakete mit dem Raketenabwehrsystem Aegis Ashore einsetzen‘, sagt Raketenforscher Fabian Hoffmann von der Universität Oslo dem RND. Dieses System gibt es in Rumänien und Polen. ‚Allerdings stößt der Aegis-Schutzschirm bereits bei zwei bis drei Oreschnik-Raketen an seine Grenzen.‘ Der Grund: Die neue Rakete der Russen greift mit ihren sechs einzelnen Gefechtsköpfen unterschiedliche Ziele gleichzeitig an. In der Nato verwendet man aber für jede anfliegende Bedrohung drei Abfangraketen, um einen hohen Schutz zu gewährleisten. Bereits bei zwei Oreschniks reichen die 24 Abfangraketen von Aegis also nicht mehr aus, sagt Hoffmann. Ein weiteres Problem für die Nato sei, dass Aegis Ashore überhaupt nur dann auf weiter Fläche verteidigen könne, wenn es mit diesen ganz speziellen Raketen bestückt sei. ‚Sonst ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich gering, die Sprengköpfe der Oreschnik abzufangen‘, so der Experte.“

Telepolis: Die ukrainische Tragödie: Zum assistierten Suizid einer Nation – Auszug: „Es gibt vermutlich kaum eine präzisere Möglichkeit, um auszudrücken, was wir in der Ukraine seit 2014 beobachten können: den assistierten Suizid einer Nation. Assistiert, weil starke externe Faktoren, die ‚liberale Hegemonie‘ des US-geführten Westens einerseits und der russische ‚Neorevisionismus‘ andererseits, zu den damaligen Geschehnissen, und allem, was seither vorgefallen ist, kausal beigetragen haben. Suizid, weil eine interne Fraktion der ukrainischen Elite, in Kooperation mit einer überproportional einflussreichen, radikal-nationalistischen Minderheit, das Land sehenden Auges in den Abgrund geführt hat, um die eigene Vision von diesem zu verwirklichen. (…) Im März 2014, also kurz nach der Eskalation der Maidan-Proteste im Februar, schrieb Henry Kissinger, dass die Ukraine ‚kein Außenposten der einen gegen die andere Seite‘ sein dürfe, sondern ‚als eine Brücke zwischen ihnen fungieren sollte‘. Er schrieb darüber hinaus, dass die EU ‚dazu beigetragen‘ hatte, ‚eine Verhandlung [über ein Assoziierungsabkommen] in eine Krise zu verwandeln‘. (…) Auch Nikolai Petro, ein Kenner sowohl russischer als auch ukrainischer Gesellschaft, bedauerte Ende 2013, in einem Gastbeitrag in der New York Times, dass das Vorgehen der EU ‚die Ukraine nach Osten gedrängt‘ hätte. Er bezog sich damit auf Janukowitschs Entscheidung, die Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens auszusetzen und stattdessen auf einen russischen Gegenvorschlag einzugehen. Es war eben diese Entscheidung, die ausschlaggebend für den Ausbruch der Proteste auf dem Maidan gewesen ist.“