Empfehlungen Februar 2023

28. Februar 2023

Alice Schwarzer: Ein Spiegel-Gespräch, das nie erschien (Interview der Spiegel-Mitarbeiter Timo Lehmann und Severin Weiland mit Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer vom 13. Februar 2023. Das Interview wurde ursprünglich auf Spiegel Online veröffentlicht und befindet sich hinter einer Bezahlschranke.) – Auszug: Spiegel: „Sie sagen, es brauche eine neue deutsche Friedensbewegung. Kaum waren Sie damit raus, hat der AfD-Vorsitzende Tino Chrupalla Ihre Petition unterschrieben, das rechtsextreme Magazin ‚Compact‘ ruft zur Teilnahme an Ihrer Demo auf. Es muss Ihnen klar gewesen sein, dass das kommt. Warum nehmen Sie das in Kauf?“ – Schwarzer: „Scherzen Sie? Es haben Hunderttausende Menschen diese Petition unterschrieben. Und Sie sprechen jetzt von einer Person. Entschuldigung, darf ich Sie fragen, warum Sie diese absurde Frage stellen?“ – Spiegel: „Diese Unterstützung kommt von einer Seite, durch die Ihr Anliegen diskreditiert wird. Das kann Ihnen doch nicht recht sein.“ – Schwarzer: „Unser Manifest kann jeder unterzeichnen. Wir können und wollen das nicht kontrollieren. Und mit wem wir gemeinsam Öffentlichkeit schaffen wollen, sieht man an unseren Erstunterzeichnern. Das sind glaubhafte Persönlichkeiten aus allen gesellschaftlichen Bereichen.“ – Wagenknecht: „Dieser Versuch, unsere Initiative zu diskreditieren, in dem man eine Unterschrift von hunderttausenden hochspielt, nützt letztlich nur der AfD.“ (…) – Schwarzer: „Distanziert sich der SPIEGEL, von Rechtsradikalen gelesen zu werden?“

German Foreign Policy: Auf der Seite des Krieges – Berlin sperrt sich gegen Vermittlungsbemühungen im Ukraine-Krieg aus mehreren Ländern des Globalen Südens. US-Experten diskutieren "ethnoreligiöse“ Zerschlagung Russlands. – Auszug: "Präsident Wolodymyr Selenskyj teilte mit, er wolle Chinas Präsident Xi Jinping zu näheren Gesprächen treffen. Außenminister Dmytro Kuleba erklärte, man stimme in mehreren Punkten überein und werde das Papier genau prüfen; nur die sofortige Aufhebung der Sanktionen lehne Kiew ab. Deutsche Politiker hingegen wiesen die chinesische Initiative Ende vergangener Woche zurück. Außenministerin Annalena Baerbock beharrt darauf, Russland müsse seine Truppen vollständig zurückziehen, bevor überhaupt Gespräche aufgenommen werden könnten. Der Vorsitzende des Europaausschusses im Deutschen Bundestag, Anton Hofreiter (Bündnis 90/Die Grünen), erklärt, der chinesische Vorstoß sei bloß ein 'Ablenkungsmanöver': 'China versucht da, Teile der Welt zu täuschen.' Hieß es bislang stets, man werde sich an den politischen Entscheidungen Kiews orientieren, so ist jetzt also präzise das Gegenteil der Fall. Gleichzeitig heißt es weiter, die Ukraine müsse Russland militärisch besiegen. So fordert etwa FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai: 'Die Ukraine muss diesen Krieg gewinnen.' Der CDU-Außen- und Militärpolitiker Roderich Kiesewetter verlangt: 'Wir müssen die ukrainische Führung unterstützen, damit die Ukraine diesen Krieg gewinnt.'“

Tagesschau Faktenfinder: Nord Stream-Explosionen: Weitere Unstimmigkeiten in Hersh-Bericht – Auszug: „Hersh schreibt, die Taucher hätten den plastischen Sprengstoff C4 ‚in Form von Pflanzen auf den vier Pipelines mit Betonschutzhüllen‘ platziert. (…) ‚Mit 300 bis 400 Kilogramm C4-Sprengstoff dürfte man pro Sprengung auf der sicheren Seite sein‘, sagt David Domjahn, Lehrbeauftragter für Sprengtechnik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Vor diesem Hintergrund sei die These, der Sprengstoff sei in Pflanzenform angebracht worden, ‚abenteuerlich‘. ‚Die Nord Stream 2-Gasleitung wurde kürzlich fertiggestellt, und ein etwa 300-kg-Pflanzenbewuchs hätte entsprechend Zeitvorlauf für das Wachstum benötigt und dürfte daher nicht zur Tarnung geeignet sein‘, sagt Domjahn. Auch die Art der Pflanzengestaltung werfe dabei Fragen auf. ‚Dicke Baumwurzeln - in etwa 80 Meter Wassertiefe wohl eher unwahrscheinlich - lassen sich zwar mit plastischem Sprengstoff modellieren. Bei der Nachbildung filigranerer Strukturen wie zum Beispiel Seegras besteht die Herausforderung, den sogenannten Grenzdurchmesser des Sprengstoffs nicht zu unterschreiten.‘ Aufgrund der Plastizität und damit verbundenen Fragilität hält Domjahn es für ‚ausgeschlossen‘, dass unauffällige Pflanzenattrappen zum Einsatz kamen, welche gegenüber der Wasserströmung Robustheit aufweisen.“ (Anmerkung Paul Schreyer: Soll man lachen oder weinen? Hersh schrieb „the divers (…) would (…) plant shaped C4 charges on the four pipelines“ – zu deutsch: „Die Taucher brachten C4-Hohlladungen an den Pipelines an“. Der Faktenfinder übersetzt „plant“ aber nicht als „anbringen“, sondern – selten dämlich – als „Pflanzen“ und widmet dem fiktiven Thema „Sprengstoff C4 in Form von Pflanzen“ sodann einen ganzen, 2.000 Zeichen langen (!), Abschnitt inklusive Expertenstatement – um damit zu untermauern, dass Seymour Hersh, der seit 50 Jahren zu Militär und Geheimdiensten publiziert, einfach keine Ahnung hat. Über die Meriten des verantwortlichen Faktenfinder-Autors Pascal Siggelkow weiß die ARD zu berichten: „Während seines Volontariats beim SWR hat er sich besonders im investigativen Bereich engagiert (…) Dabei recherchierte er beispielsweise verdeckt zu Ärzten, die Corona verharmlosten und ohne medizinischen Grund Atteste gegen das Tragen von Schutzmasken ausstellten.“

Telepolis: Putins geheimer Plan: Wenn Medien dem Verschwörungssyndrom verfallen – Russland will Belarus bis 2030 annektierten, titeln SZ, NDR und Co. Ein Leak aus dem Kreml soll das dokumentieren. Eine verblüffende Realsatire angesichts der Diffamierung der Hersh-Enthüllung – Auszug: "Dieselben Medien, die Hersh wegen seiner Ein-Quellen-Enthüllung in den Orkus schmissen, sind in wenigen Tagen selbst vom Ein-Quellen-Verschwörungssyndrom erfasst worden. Oder besser gesagt: Sie sind in ihren Normalmodus zurückgekehrt. Denn die Leitmedien haben an sich kein Problem damit, einer Quelle bzw. einem Quellenstrang zu trauen – oft Vertreter der eigenen Regierung bzw. einflussreicher Organisationen, die gezielte Leaks zur strategischen Meinungspflege einsetzen –, und die Quelle in Berichten dann zu anonymisieren. Es geht also nicht um die Methode (...). Die Crux liegt in dem, was Hersh herausgefunden hat. Es passt den großen Medien offensichtlich nicht. Also wird der Bericht ignoriert oder mit Schmutz übergossen. Doch seht, welch ein Wunder: Ein paar Tage später ist eine anonyme Quelle wieder okay und die darauf basierende Enthüllung Ausdruck investigativen Qualitätsjournalismus. Der Beurteilungsstandard wird von heute auf morgen ins komplette Gegenteil verdreht, während aus den medialen Qualitätsjournalistenreihen kein Piep darüber zu hören ist. Der Grund für die 180-Grad-Kehrtwende? Hersh sagt: Die USA haben laut seiner Quelle in einer geheimen Operation die Ostsee-Pipelines in die Luft gejagt. Die Medien sagen: Das kann nicht sein, also leidet der Enthüllungsjournalist unter Verschwörungsfantasien. Ein westliches Medienbündnis sagt ein paar Tage später: Russland hat gemäß geleaktem Dokument einen geheimen Plan zur Annexion Weißrusslands. Irgendwelche Einwände gegen den anonymen Leak? Nope.“

Welt: "Nicht der Osten spaltet die Gesellschaft – sondern der Westen“ – Dirk Oschmann ist Literaturprofessor in Leipzig und als Ostdeutscher die Ausnahme einer Regel, die seit 1990 gilt: Spitzenpositionen werden mit Westdeutschen besetzt. Ein Gespräch über 33 Jahre Bevormundung, die Straße als letzten Ausweg – und die wahre Gefahr für die Demokratie. (Bezahlschranke) – Auszug: "[Frage]: Mussten drei Jahrzehnte vergehen, bis sich der Osten dagegen wehrt, immer der andere zu sein? Sie sind nicht der einzige, es sind Mittfünfziger wie Sie, die darüber Bücher schreiben: der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der Soziologe Steffen Mau und der Dramaturg Thomas Oberender. Warum brauchten alle so lange? [Oschmann:] Jeder musste ja erstmal zurechtkommen in dieser Welt. Ökonomisch, finanziell, politisch, kulturell, rechtlich, im Leben an sich. Es gab zu viel aufzuholen und neu zu verstehen, um überhaupt an eine Normalisierung denken zu können. Es war zunächst völlig verständlich, dass man sich im Osten nicht sofort auf derselben Ebene würde bewegen können wie der Westen, auch wenn man es vielleicht gern gehabt hätte. Irgendwann kam freilich die Erkenntnis: Egal, wie sehr man sich anstrengt und bemüht, man erlangt weder politisch noch kulturell, finanziell oder symbolisch eine angemessene Form gesellschaftlicher Teilhabe und Mitgestaltung. Das zu begreifen und Schlüsse daraus zu ziehen, brauchte seine Zeit. 20 Jahre lang konnte man die Differenz zwischen Ost und West als historisch gerechtfertigt betrachten. Nach 30 Jahren aber gibt es wahrlich keine Gründe mehr dafür. Dementsprechend regt sich jetzt Widerstand – dagegen, dass dem Osten vom Westen die Deutungsmuster vorgegeben werden, dass der Westen den Osten immer noch erziehen und ihm erklären will, was er zu machen hat, damit es besser läuft. Die Älteren im Osten finden offenbar erst jetzt vermehrt die Artikulation dafür. Bei den Jüngeren beobachte ich eine größere Unbefangenheit, wenn es darum geht, sich mit der eigenen Herkunft auseinanderzusetzen.“

Tagesschau: Putins Rede an die Nation: Der Westen hat "den Krieg losgetreten" – Auszug: „Putin erklärte in Moskau, der Westen habe den Krieg angefangen – Russland habe lediglich seine ‚Kraft genutzt, um den Krieg zu stoppen‘. (…) Putin betonte in seiner Rede, Russland führe keinen Krieg gegen das ukrainische Volk. Der Westen habe das Land besetzt, das ‚Neonazi‘-Regime in Kiew dort installiert, das die Menschen in der Ukraine unterdrücke. Russland bekämpfe dieses Regime. Klar ist außerdem laut Putin: Je mehr Waffen geliefert würden, desto mehr sei Russland gezwungen, sich zu verteidigen. Er fügte hinzu, der Westen wolle Russland ‚ein für alle Mal erledigen‘. (…) Die westlichen Eliten seien verrückt geworden, so Putin und bilanzierte: Ziel des Westens sei es, die russische Gesellschaft zu spalten. Gleichzeitig beschuldigte Putin den Westen, mit dem Krieg von der Korruption in den westlichen Ländern ablenken zu wollen. (…) Russland habe alles getan, um den Konflikt friedlich zu lösen – der Westen sei daran nicht interessiert gewesen, sagte Putin. Er beschuldigte den Westen, mit falschen Karten gespielt zu haben. Als vermeintliche Belege dafür führte der russische Präsident die Waffenlieferungen an die Ukraine und eine Ausweitung der NATO an. Russland sei dennoch bereit für einen konstruktiven Dialog mit dem Westen. (…) Zu den westlichen Sanktionen sagte Putin, diese träfen Russland nicht so stark. Im Gegenteil: Viele Unternehmen in Russland gehe es gut, im dritten und vierten Quartal habe Russland einen Aufschwung erlebt. Auf Russlands Arbeitsmarkt gebe es einen Rückgang der Arbeitslosigkeit, erklärte Putin weiter. Man besetze Nischen neu, die nach dem Abzug westlicher Firmen frei geworden seien. Russland wolle seinen Handel in Richtung Ostasien ausweiten.“

German Foreign Policy: "Auf der Seite der Diplomatie“ (II) – China hat auf der Münchner Sicherheitskonferenz eine Initiative zur Beendigung des Ukraine-Krieges angekündigt. Der Globale Süden ist dafür, der Westen – auch Deutschland – dagegen. – Auszug: "Der ehemalige chinesische Außenminister Wang Yi, als Vorsitzender der außenpolitischen Kommission der Kommunistischen Partei Chinas ranghöchster Außenpolitiker seines Landes, hat am Samstag auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz eine Initiative Beijings zur Beendigung des Ukraine-Kriegs angekündigt. Demnach will die Volksrepublik in Kürze ein Dokument vorlegen, in dem die chinesische Position zur Beilegung des Konflikts skizziert wird. Wang zufolge wird darin nicht zuletzt verlangt, die territoriale Integrität aller Staaten müsse gewahrt werden. Er betonte dies auch auf der Münchner Sicherheitskonferenz, weigerte sich jedoch, dies ausschließlich auf den russischen Überfall auf die Ukraine anzuwenden, und bezog stattdessen die stetigen Aggressionen der westlichen Staaten implizit ein – von deren Kriegen über die exzessive westliche Sanktionspolitik bis zur regelmäßigen Einmischung in innere Angelegenheiten fremder Länder. (...) Während diverse Staaten des Globalen Südens zwischen Moskau und Kiew zu vermitteln versuchen und dazu stets neue Initiativen gestartet haben, lässt die Bundesregierung bislang kein Interesse an einer Verhandlungslösung erkennen. 'Die Ukraine muss diesen Krieg gewinnen', erklärte Verteidigungsminister Boris Pistorius am Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Außenministerin Annalena Baerbock antwortete gleichfalls in München auf Wangs Ankündigung, China werde sich um Verhandlungen im Ukraine-Krieg bemühen, der Krieg könne nicht enden, ohne dass Russland seine Streitkräfte aus der Ukraine abziehe. Indem sie ein denkbares Ergebnis von Verhandlungen zur Voraussetzung für diese macht, legt Baerbock den Verhandlungen neue Steine in den Weg. Berlin stellt sich damit nicht nur einer raschen Beendigung des Ukraine-Kriegs entgegen; es positioniert sich zugleich offen gegen den Globalen Süden.“

junge Welt: Amtshilfe für Kriegshetzer – "Sicherheitskonferenz“: Bund unterstützt Münchner Privatveranstaltung von Rüstungslobby mit Soldaten und Geld. Streik behindert Anreise. – Auszug: "Die Konferenz gelte 'weltweit als eine der wichtigsten Plattformen für sicherheitspolitischen Dialog und Austausch', rechtfertigt die Regierung in der jW am Mittwoch vorliegenden Antwort dieses Sponsoring aus Steuermitteln. Wer das halbe US-Establishment, aber keinen einzigen Vertreter Russlands nach München einlade, betreibe einen Dialog mit sich selbst, kontert die Abgeordnete Dagdelen dieses Argument. 'Statt Diplomatie für Sicherheit und Frieden in Europa zu befördern, führt man Selbstgespräche unter Washingtons Aufsicht über Waffenlieferungen und eine weitere Kriegseskalation', beklagte die Linke-Politikerin am Mittwoch gegenüber jW. Nach den jüngsten Enthüllungen des US-Investigativjournalisten Seymour Hersh über die Verantwortung von US-Präsident Joseph Biden für die Anschläge auf die Nord-Stream-Pipelines sei 'dieses Vasallenverhalten nur noch schwerlich zu überbieten'. Die NATO-Führungsmacht USA wird mit der größten Delegation in der 60jährigen Geschichte der Konferenz anreisen. Neben Vizepräsidentin Kamala Harris, Verteidigungsminister Lloyd J. Austin und Außenminister Antony Blinken gehören ihr auch ein Drittel der Senatsmitglieder an. (...) Rund 1.000 Journalisten sind zur Siko akkreditiert. Doch NATO-kritische Berichterstattung scheint bei den laut Eigenangabe zur 'internationalen Medienvielfalt' verpflichteten Veranstaltern unerwünscht zu sein: Der Akkreditierungsantrag von junge Welt für das Treffen der Kriegsbrandstifter wurde unter Verweis auf 'strenge Brandschutzbestimmungen' abgelehnt.“

Berliner Zeitung: Seymour Hersh im Interview: Joe Biden sprengte Nord Stream, weil er Deutschland nicht traute – Auszug: „Eine Frage, die ich Scholz gern stellen würde, wenn ich eine parlamentarische Anhörung leiten würde, ist diese: Hat Joe Biden Ihnen davon erzählt? (…) Die operativen Mitarbeiter, die Leute, die für die Vereinigten Staaten ‚kinetische‘ Dinge tun, sie machen, was der Präsident sagt, und sie dachten zunächst, dies sei eine nützliche Waffe, die er bei Verhandlungen einsetzen könnte. Aber irgendwann, nachdem die Russen einmarschiert waren und dann, als die Operation abgeschlossen war, wurde die ganze Sache den Leuten, die sie durchführten, zunehmend zuwider. Es handelt sich um Leute, die in Spitzenfunktionen bei den Geheimdiensten arbeiten und gut ausgebildet sind. Sie wendeten sich gegen das Projekt, sie hielten es für verrückt. Kurze Zeit nach dem Anschlag, nachdem sie getan hatten, was ihnen befohlen worden war, gab es bei den Beteiligten eine Menge Zorn über die Operation und Ablehnung. Das ist einer der Gründe, warum ich so viel erfahren habe. (…) Ich glaube, der Grund für diese Entscheidung [die Pipelines zu sprengen] war, dass der Krieg für den Westen nicht gut lief und sie Angst vor dem nahenden Winter hatten. Nord Stream 2 wurde von Deutschland selbst auf Eis gelegt, nicht durch internationale Sanktionen, und die USA hatten Angst, dass Deutschland die Sanktionen wegen eines kalten Winters aufheben würde. (…) Ich denke, dass wir uns in etwas verstrickt haben, das nicht funktionieren wird, der Krieg wird für diese Regierung nicht gut ausgehen. (…) Es macht mir Angst, dass der Präsident zu so etwas bereit war. (…) Auf lange Sicht wird dies nicht nur seinen Ruf als Präsident beschädigen, sondern auch politisch sehr schädlich sein. Es wird ein Stigma für die USA sein.“

RT de: Strategische Entscheidung: Warum Russland seine Ölförderung drosselt – Auszug: „Wer sich aber anschaut, was die OPEC-Staaten – insbesondere Saudi-Arabien – in Reaktion auf die russische Entscheidung taten und was nicht, erkennt, dass dahinter ein weitaus größeres strategisches Spiel steht. (…) Reuters meldete, dass die OPEC+ nicht die Absicht habe, die Produktion aufgrund der Entscheidung Russlands zu erhöhen. (…) Saudi Arabien hätte im Alleingang die Menge, um die Russland die Förderung kürzt, mit Leichtigkeit kompensieren können. (…) Die unmittelbar danach verkündete Entscheidung der Saudis, die Exportpreise für Öl in den asiatisch-pazifischen Raum zu erhöhen, wohin die russischen Ölproduzenten ihre nicht gerade einfache Logistik eilig verlagern, scheint da ganz und gar nicht mehr eine zufällige zu sein. (…) Es beginnt eine große energiepolitische Neuaufteilung der Welt. (...) Die Umverteilung der Weltmärkte wurde von den Erzeugerländern initiiert, denen die derzeitige Situation nicht gefällt, bei der Spekulanten im fernen New York die Preise für ihre Produkte theoretisch sogar in den negativen Bereich treiben können. (…) Wird das Preisbildungszentrum dann überhaupt noch bei den Börsen in New York und Rotterdam angesiedelt sein? Oder wird es nach Hongkong wandern? Oder wird Riad die Preisgestaltung selbst in die Hand nehmen und Änderungen bestenfalls über geschlossene Kanäle mit Moskau vereinbaren? Das sind die wichtigen Fragen der kommenden Monate.“

Jacobin: Crimea Is a Powder Keg – Whether the Ukraine war brings on a global catastrophe will hinge in large part on whether Washington decides to back a Ukrainian effort to retake the Crimean peninsula. (Die Krim ist ein Pulverfass – Ob der Ukraine-Krieg eine globale Katastrophe auslöst, wird zu einem großen Teil davon abhängen, ob Washington beschließt, die ukrainischen Bemühungen zur Rückeroberung der Halbinsel Krim zu unterstützen). – Auszug (übersetzt): "Für die ukrainische Regierung würde die Rückeroberung der Krim und des Marinestützpunkts Sewastopol nicht nur die totale Niederschlagung der russischen Aggression durch die Ukraine bedeuten, sondern auch die Fähigkeit Russlands beseitigen, die ukrainischen Schwarzmeerhäfen zu blockieren, und jede künftige russische Invasion in der Ukraine erheblich erschweren. Letzteres scheint auf den ersten Blick ein Irrtum zu sein, da Russland eine 1.200 Meilen lange Grenze zur Ukraine im Osten und Norden behalten würde. Damit verbunden ist jedoch der Glaube, dass der russische Verlust der Krim den Sieg über Russland in diesem Krieg bedeuten und eine so vernichtende Demütigung darstellen würde, dass das Putin-Regime stürzen würde – und dass daraus die drastische Schwächung oder sogar der vollständige Zerfall der Russischen Föderation folgen würde. Dies ist auch die Hoffnung der polnischen und baltischen Regierungen sowie der Hardliner in Westeuropa und den Vereinigten Staaten. Sie hoffen auf die Ausschaltung Russlands als bedeutender Faktor im Weltgeschehen, was zur Isolierung Chinas und zur Stärkung der globalen Vormachtstellung der USA führen würde. Daher die (zynisch von der Linken übernommene) Rede von der 'Entkolonialisierung' Russlands, ein durchsichtiger Code für die Zerstörung des bestehenden russischen Staates.“

RND: „Strafmaßnahmen gegen Russland müssen noch verschärft werden“ – Am 24. Februar jährt sich der Überfall Russlands auf die Ukraine. Der frühere CIA-Chef und US-General David Petraeus warnt, den Angreifer Wladimir Putin zu unterschätzen. – Auszug: "[Frage:] Was ist für Sie die größte Überraschung in diesem Angriffskrieg, den der russische Präsident Wladimir Putin befohlen hat? [Petraeus:] Nun, zunächst einmal sollte ich anmerken, dass ich in einem Interview mit dem Magazin 'The Atlantic' eine Woche vor der russischen Ukraine-Invasion vorausgesagt habe, dass die Truppen Putins die Hauptstadt Kiew niemals einnehmen, geschweige denn kontrollieren würden. Davon abgesehen haben sich die Russen als noch ungeschickter erwiesen als vielfach erwartet, und zwar buchstäblich auf der ganzen Linie. In strategischer Hinsicht, bei der Planung ihrer Militärkampagne, bei der operativen Führung, bei der tatsächlichen Umsetzung ihrer Militäraktionen, bei der Logistik und bei ihrem schockierenden Mangel an taktischem Fachwissen und Training. Zudem haben die Russen ihre Waffen und Kommunikationssysteme nicht auf einen modernen Stand gebracht. Darüber hinaus haben sie die Fähigkeiten des ukrainischen Militärs, die Entschlossenheit des angegriffenen Volkes und die Unterstützung Kiews durch die USA, andere Nato-Länder und westliche Partner völlig unterschätzt. (…) [Frage:] Den Ukrainern fehlen Kampfjets, Hubschrauber und Raketensysteme. Die Führung in Kiew verlangt von ihren westlichen Partnern vehement die Lieferung dieser Kriegsgeräte. Befürworten Sie dies? [Petraeus:] Ich unterstütze die Bereitstellung von westlichen Kampfflugzeugen, -hubschraubern und Raketen mit längerer Reichweite für die Ukraine. Wir waren bisher immer wieder übervorsichtig. [Frage:] Seit Beginn des Krieges haben Präsident Putin und sein Regime mit Atomwaffen gedroht. Besteht die Gefahr, dass eine weitere Zunahme der westlichen Waffentransfers zu einer unvorhersehbaren Eskalation des Krieges und schließlich zu einem russischen Nuklearschlag führen? [Petraeus:] Das Risiko ist nicht von der Hand zu weisen; ich glaube jedoch, dass die USA und andere Länder dem Kreml wirksam zu verstehen gegeben haben, dass die Folgen für Russland katastrophal wären. Diese Warnungen haben die Risiken ausreichend gemildert.“

Berliner Zeitung: Das Zulassungsdesaster: Lobbyarbeit und Rechtsbruch im Fall der mRNA-Präparate? – Auszug: „Für den folgenden Text haben sich drei Rechtsprofessoren, ein Rechtsdozent und drei Rechtsanwälte aus der juristischen Praxis die Umstände und das Verfahren bei der behördlichen Zulassung der neuartigen mRNA-Präparate genau angesehen. Sie stellen dabei schwere Mängel fest (…) Die Zulassung von Gentherapeutika als Impfung erfolgte auf einer (…) wissenschaftlich wie medizinrechtlich fragwürdigen Grundlage. (…) Dazu kam es durch den Einfluss mächtiger Lobbys: Mit der Richtlinie Nr. 2009/120/EG hat die EU-Kommission schon im Jahr 2009 ohne Mitwirkung des Europäischen Parlaments ‚Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten‘ durch rechtliche Umdefinition aus der Gruppe der besonders regulierten Gentherapeutika ausgenommen: ‚Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten sind keine Gentherapeutika.‘ Diese Definition wurde erst nach einer Stellungnahme der pharmazeutischen Industrie abgeändert. Der ursprüngliche Richtlinienentwurf hatte zugunsten des Schutzes der öffentlichen Gesundheit eine weite Definition des Gentherapeutikums vorgesehen, unter die auch die genbasierten Covid-19-Injektionen gefallen wären. (…) Der Ausschluss genbasierter Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten aus der Gruppe der Gentherapeutika erspart den Herstellern zahlreiche zeitlich und finanziell aufwändige präklinische Studien. Diese sind für die Beurteilung der Sicherheit des Arzneimittels und der an klinischen Studien teilnehmenden Personen essenziell. (…) Die Folge der Umdefinition: Bis heute ist nicht wissenschaftlich belegt, ob die massenhaft verabreichten Präparate nicht doch genotoxisch oder krebserregend sind. (…) Ein solches Zulassungsdesaster darf sich nicht wiederholen. Dazu ist es zuvorderst notwendig, die rechtliche Festlegung zurückzunehmen, genbasierte ‚Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten‘ seien keine Gentherapeutika. Dies muss die Bundesregierung direkt bei der Europäischen Kommission betreiben. Darüber hinaus sollte das Vorgehen der EMA und der EU-Kommission sowie weiterer Beteiligter in der Corona-Krise von einem Untersuchungsausschuss wegen dringenden Verdachts auf Rechtsbruch durchleuchtet werden.“ (Anmerkung: Siehe dazu auch der folgende Multipolar-Artikel vom Dezember 2021; Ergänzung: Der Artikel ist aktuell, 10.2., 20 Uhr, von der Webseite der Berliner Zeitung verschwunden, wir verlinken eine archivierte Version.)

Cicero: Jetzt will es keiner gewesen sein – Während der Corona-Pandemie versuchten Politiker mit immer härteren Maßnahmen, das Virus aufzuhalten. Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit geriet dabei schnell ins Hintertreffen. Das ist längst Konsens – doch Verantwortung für begangene Fehler möchte trotzdem niemand übernehmen (hinter Bezahlschranke). – Auszug: "Und jetzt? Sorry, tut uns leid, haben wir nicht besser gewusst. Ach so. Indes: Es gab sie, die Pläne für genau diesen Fall, es gab einen nationalen Pandemieplan, ausgearbeitet von einem multidisziplinären Team von Experten nach der Sars-CoV-1-Epidemie, in dem festgelegt ist, wie man in einem solchen Fall hätte vorgehen sollen und müssen. Der derzeitige Bekenntnisreigen entbehrt nicht eines gewissen Zynismus. Wir waren nicht unvorbereitet. Er hätte einfach nur befolgt werden müssen, der eigene Plan. Man hätte es besser wissen können. Wollte man aber nicht. (…) Was bleibt ist ein schales Gefühl, ein Blick zurück im Zorn angesichts der drastischen Folgen. Denn es war nicht das Virus, das die Menschen hat alleine sterben lassen. Es war die Politik. Es waren politische Entscheidungen, die dazu führten, dass aus Grundrechten Privilegien wurden. Es geht nicht darum, dass sich die Akteure jetzt Asche übers Haupt streuen. Aber man sollte die Verantwortung übernehmen für die eigenen Fehler und die Konsequenzen daraus tragen. Wir alle müssen das, im Beruf wie auch im Privatleben. Nur für Politiker und die sie beratenden Wissenschaftler scheint da eine Art beschränkter Haftung zu gelten. Den Preis dafür zahlen wir Bürger.“

tagesschau: Warum kaum Hilfe nach Syrien gelangt – Die Rettungsarbeiten im syrischen Teil des Katastrophengebiets kommen kaum voran. Unter anderem, weil Hilfslieferungen nur über einen einzigen Grenzübergang in die Rebellengebiete kommen. Sanktionen könnten die Hilfe zusätzlich behindern. – Auszug: "Unklar ist, wie hinderlich Sanktionen gegen das syrische Regime für Hilfslieferungen sind. Nach Darstellung von Malteser International können Hilfsorganisationen derzeit nicht direkt in Syrien einreisen. Die Arbeit müsse daher von der Türkei aus koordiniert werden. (...) Die Bundesregierung erklärte indes, Hilfslieferungen für Syrien seien nicht durch Sanktionen beeinträchtigt. 'Die EU-Sanktionen richten sich nicht gegen Menschen in Syrien, sondern gegen das Regime und seine Unterstützer, Profiteure der Kriegswirtschaft und Personen, die schwerste Menschenrechtsverletzungen zu verantworten haben', erklärte eine Außenamtssprecherin in Berlin. Die Sanktionen verböten nur die Einfuhr weniger Güter. Lebensmittel, schweres Gerät für Bergungen und weitere humanitäre Hilfe seien ausgenommen. (...) Peter Fuchs, Geschäftsführer der Menschenrechtsorganisation Christian Solidarity International (CSI), hält die Sanktionen hingegen durchaus für problematisch. So seien Banküberweisungen nach Syrien und von Syrien unmöglich. 'In Deutschland oder Kanada lebende Syrer können daher ihren durch das Erdbeben obdachlos gewordenen Verwandten in Aleppo, Hama oder Latakia kein Geld überweisen', gab der Pfarrer zu bedenken. Kein syrisches Krankenhaus könne medizinische Geräte, Ersatzteile, Medikamente oder Generatoren im Ausland kaufen, wenn es diese nicht per Überweisung bezahlen könne. 'Die syrische Bevölkerung wird durch das unmoralische Sanktionsregime von EU und USA seit Jahren kollektiv bestraft', kritisierte Fuchs.“

Seymour Hersh: How America Took Out The Nord Stream Pipeline (Wie Amerika die Nord Stream-Pipeline ausschaltete) – Auszug (übersetzt): „Die New York Times nannte es ein ‚Mysterium‘, aber die Vereinigten Staaten führten eine verdeckte Seeoperation durch, die geheim gehalten wurde – bis jetzt (…) Das U.S. Navy's Diving and Salvage Center bildet seit Jahrzehnten hochqualifizierte Tiefseetaucher aus. (…) Im vergangenen Juni brachten die Marinetaucher im Rahmen einer weithin bekannten NATO-Sommerübung namens BALTOPS 22 die fernausgelösten Sprengsätze an, die drei Monate später drei der vier Nord-Stream-Pipelines zerstörten, so eine Quelle mit direkter Kenntnis der Einsatzplanung. (…) Bidens Entscheidung, die Pipelines zu sabotieren, kam nach mehr als neun Monaten streng geheimer Debatten innerhalb der nationalen Sicherheitsgemeinschaft in Washington darüber, wie dieses Ziel am besten zu erreichen sei. Die meiste Zeit über ging es nicht um die Frage, ob die Mission durchgeführt werden sollte, sondern darum, wie sie durchgeführt werden konnte, ohne dass klar war, wer dafür verantwortlich war. (…) Im Dezember 2021, zwei Monate bevor die ersten russischen Panzer in die Ukraine rollten, berief Jake Sullivan eine Sitzung einer neu gebildeten Task Force ein – Männer und Frauen aus den Stabschefs, der CIA, dem Außen- und dem Finanzministerium – und bat um Empfehlungen, wie man auf Putins bevorstehende Invasion reagieren sollte. (…) Laut der Quelle mit direkter Kenntnis des Vorgangs wurde den Teilnehmern klar, dass Sullivan beabsichtigte, dass die Gruppe einen Plan für die Zerstörung der beiden Nord-Stream-Pipelines ausarbeiten sollte – und dass er den Wünschen des Präsidenten nachkam. (…) Die CIA argumentierte, dass alles, was getan würde, verdeckt erfolgen müsse. Allen Beteiligten war klar, was auf dem Spiel stand. ‚Das ist kein Kinderkram‘, sagte die Quelle. Wenn der Angriff auf die Vereinigten Staaten zurückgeführt werden könnte, ‚ist das eine Kriegshandlung‘.“

CovertAction Magazine: The Trillion Dollar Silencer (Der Billionen-Dollar-Schalldämpfer) – Auszug (übersetzt): „Das tiefe Eindringen des Militärs in alle Aspekte des amerikanischen Lebens hat die Entwicklung einer starken Anti-Kriegs-Bewegung behindert – und das zu einer Zeit, in der sie dringend gebraucht wird. Zehntausende von Demonstranten sind in den letzten Jahren überall in den USA auf die Straße gegangen, um die Brutalität der Polizei anzuprangern, sich gegen die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs zur Einschränkung des Abtreibungsrechts zu wehren und die ihrer Meinung nach gefälschten Wahlen anzufechten (die Unruhen im Kapitol im Januar 2021). Im Vergleich dazu sind nur kleine, hartgesottene Gruppen auf die Straße gegangen, um gegen die Rekord-Militärbudgets – die sich unter Joe Biden der 1-Billionen-Dollar-Marke nähern – oder gegen die illegale Bombardierung Syriens, die Ausweitung der US-Truppen in Afrika, die Bereitstellung von 20 Milliarden Dollar an US-Militärhilfe für die Ukraine und die gegen China gerichteten militärischen Provokationen zu protestieren. (…) Erfolgreiche Propaganda, Angst und Ablenkung sind zwar wichtig, aber der militärisch-industrielle Komplex, vor dem Dwight Eisenhower in seiner Abschiedsrede 1961 gewarnt hat, ist so tief in das amerikanische Leben eingedrungen, dass ein Großteil der amerikanischen Öffentlichkeit sich im Wesentlichen damit abgefunden hat. (…) Besonders wichtig ist die Tatsache, dass Militärstützpunkte in den USA strategisch platziert wurden, oft in abgelegenen ländlichen Gebieten, wo sie zum Lebensnerv der wirtschaftlichen Entwicklung werden. Millionen amerikanischer Arbeitnehmer finden Arbeit bei militärischen Auftragnehmern oder deren Tochtergesellschaften, die Stipendien und Praktika für College-Studenten finanzieren, die nichts von den Anti-Vietnamkriegs-Protesten wissen, die einst ihre Universitäten erschütterten. (…) Viele Angehörige der Mittelschicht profitieren von Aktien von Waffenherstellern in ihren Investmentfondsportfolios.“

German Foreign Policy: Keine Schlafwandler – Auszug: „UN-Generalsekretär António Guterres warnt vor einer Ausweitung des Ukraine-Kriegs zu einem ‚größeren Krieg‘. Wie Guterres gestern vor der UN-Generalversammlung konstatierte, befinde sich die Welt in einer gefährlicheren Lage denn je seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. (...) ‚Die Aussichten auf Frieden verschlechtern sich weiter‘, warnte Guterres, ‚die Wahrscheinlichkeit weiterer Eskalation und Blutvergießens steigt weiter.‘ Er fuhr ausdrücklich fort: ‚Ich fürchte, die Welt schlafwandelt nicht in einen größeren Krieg, sie bewegt sich mit weit geöffneten Augen in ihn hinein.‘ (...) Während der UN-Generalsekretär und der Papst vor der Ausweitung des Ukraine-Kriegs bis hin zu einem Dritten Weltkrieg warnen, werden in Deutschland nun erneut Forderungen lauter, sich von der Kriegsgefahr nicht abschrecken zu lassen. Das ist nicht neu. Nur wenige Wochen nach Kriegsbeginn behauptete die damalige stellvertretende Leiterin des European Union Institute for Security Studies, Florence Gaub, die Furcht vor dem Weltkrieg sei ‚genau, was Putin erreichen will‘: ‚Nicht die Bombe, sondern die Angst vor der Bombe ist die Waffe.‘ Daher dürfe man sie nicht zulassen. Anfang Mai sagte der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz, befragt, ob er nicht einen Atomkrieg fürchte: ‚Ich habe keine Angst.‘ Ende vergangenen Jahres erklärte Carlo Masala, Professor an der Münchner Universität der Bundeswehr, in einer Talkshow, ‚Angst vor einer Eskalation‘ durch Russland zu haben sei ‚ein bisschen paradox‘: ‚Da stehen wir mit unserer Angst auf der falschen Seite.‘“

NachDenkSeiten: Kein Schiff wird kommen – Polen lässt PCK Schwedt austrocknen und gefährdet damit die Energieversorgung Ostdeutschlands – Auszug: „Polen hält laut eines Berichts des Business Insider Tanker im Hafen von Stettin davon ab, Öl zu entladen, das für Schwedt bestimmt ist. (…) Es geht um einen ganz banalen Wirtschaftskrieg. Das PCK Schwedt gehört zu 54 Prozent dem russischen Staatskonzern Rosneft. Weitere 37 Prozent hält der britische Ölkonzern Shell und 8 Prozent gehören der italienischen Eni. Der russische Anteil wurde bereits im September letzten Jahres unter Zwangsverwaltung der Bundesnetzagentur gestellt – eine formelle Enteignung, die juristisch nicht unproblematisch wäre, gab es jedoch nicht. Nun pfeifen es jedoch seit längerem die Spatzen von den Dächern, dass der polnische Staatskonzern Orlen ein Auge auf das PCK Schwedt geworfen hat und es gerne übernehmen würde – Shell scheint offenbar Interesse an einem Verkauf seiner Anteile zu haben, aber ohne den Rosneft-Anteil wäre Orlen nur Juniorpartner. Also macht Polen Deutschland ein Angebot, das es wahrscheinlich nicht ablehnen können wird. Man verhindert – mehr oder weniger legal unter Berufung auf die Sanktionen – Öllieferungen über Danzig an ein Unternehmen, dessen Mehrheitsaktionär ein russischer Staatskonzern ist, der unter das Sanktionsregime fällt. Damit zwingt man Deutschland, Rosneft zu enteignen, und bei einem Ausschreibungsverfahren für die ehemaligen Rosneft-Anteile käme der polnische Staatskonzern Orlen zum Zug.

Infosperber: "Die WHO könnte jährlich eine Pandemie ausrufen“ (erster Teil eines vierteiligen Interviews mit Prof. Franz Allerberger; er leitete bis zu seiner Pensionierung Ende August 2021 den Bereich öffentliche Gesundheit der staatlichen Agentur AGES, die in Österreich für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung zuständig ist) – Auszug: "Als Ärzte haben wir gelernt, dass wir immer den kranken Patienten behandeln sollen und nicht sein Laborblatt. Aber am 16. Dezember 2020 änderte die WHO die Kriterien, was als 'gesicherter' Sars-CoV-2-Fall gilt. Maßgebend ist seither nicht mehr, ob jemand Krankheitssymptome hat, sondern der 'positive Test'. Diese Vorgabe war für die Länder bindend. (...) Damit wurden all die Infektionszahlen und auch die Ländervergleiche hanebüchen. Denn Länder, die sich keine PCR-Tests leisten konnten, hatten damit automatisch weniger Infektionsfälle. Nehmen Sie das Beispiel des armen indischen Bundesstaats Bihar. Er konnte sich weder einen Lockdown noch FFP2-Masken noch viele Tests leisten – also gab es dort auch kaum Covid-Fälle. (...) Bihar hat über 100 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Bisher gab es dort angeblich etwa 851.000 Sars-CoV-2-Infizierte. In Wien, einer Stadt mit 1,9 Millionen Menschen, hatten wir bis jetzt über 1,3 Millionen positiv Getestete – trotz Lockdown, trotz FFP2-Masken auch jetzt noch im ÖV, trotz lange geschlossener Restaurants. Kein Mensch kann mir erklären, warum die Stadt Wien mehr Corona-Fälle haben sollte als Bihar mit über 100 Millionen Einwohnern. Der springende Punkt ist der PCR-Test: Wer sich den nicht leisten kann, hat auch kein Covid – jedenfalls solange die WHO an ihrer Definition der 'Fälle' festhält.“

Foreign Affairs: How to Get a Breakthrough in Ukraine – The Case Against Incrementalism (Wie man einen Durchbruch in der Ukraine schafft – Argumente gegen den Inkrementalismus) (Michael McFaul) – Auszug (übersetzt): „Anstatt ATACM [Kurzstreckenraketen] im März, Reaper [Drohnen] im Juni und Jets im September bereitzustellen, sollte die NATO einen Großen Knall anstreben. Pläne zur Bereitstellung all dieser Systeme sollten am 24. Februar 2023, dem ersten Jahrestag von Putins Invasion, bekannt gegeben werden. Eine Ankündigung dieser Größenordnung wird einen wichtigen psychologischen Effekt im Kreml und in der russischen Gesellschaft haben und signalisieren, dass der Westen dem Streben der Ukraine, alle besetzten Gebiete zu befreien, verpflichtet ist. (…) Jetzt, da das Repräsentantenhaus unter republikanischer Kontrolle steht, könnten zukünftige Mittel weniger bereitstehen. Wenn sich der Krieg ohne größere ukrainische Siege bis Ende des Jahres hinzieht, wird die Biden-Regierung Schwierigkeiten haben, eine Kongresserneuerung für ein neues militärisches und wirtschaftliches Hilfspaket zu erhalten, insbesondere da sich die Präsidentschaftswahlen mit mindestens einem wichtigen Kandidaten, Donald Trump, verschärfen, der kein Fan von Hilfe für die Ukraine ist. Auch in den europäischen Hauptstädten wird die Debatte über Hilfsgelder schärfer, wenn das Jahr 2023 nur geringfügige Veränderungen auf dem Schlachtfeld bringt. Die Gefahren des Inkrementalismus wachsen mit der Zeit.“ (Anmerkung: Der Autor war von 2012 bis 2014 US-Botschafter in Moskau.)

MIT Security Studies Program: A defense concept for Ukraine (1994 veröffentlichte Barry Posen – Ford International Professor of Political Science am MIT – ein ‚Verteidigungskonzept für die Ukraine’ in der russischsprachigen Zeitschrift ‚Ukraine: Issues of Security’. Im Jahr 2022 wurde diese Arbeit zum ersten Mal auf Englisch veröffentlicht. – Auszug (übersetzt): „Dieser Aufsatz untersucht die Perspektiven für ein nicht-nukleares Verteidigungskonzept und eine militärische Organisation für die Ukraine. (…) Wenn die kurzfristige NATO-Erweiterung von energischen militärischen Vorbereitungen begleitet wird, die russische Entscheidungsträger als unprovoziert betrachten, könnten sie dazu angeregt werden, zu versuchen, die Ukraine aus ihren eigenen defensiven Impulsen heraus wieder aufzunehmen. (…) Eine direkte militärische Intervention des Westens wird sehr problematisch sein. Man vermutet, dass für diesen Notfall geheime Planungen getroffen wurden, aber die Aufgabe muss entmutigend erscheinen. Boden- und Luftstreitkräfte der NATO müssten große Entfernungen überwinden, um auch nur die Zentralukraine zu erreichen. (…) Die relativ wenigen Divisionen der NATO würden in den Weiten des Ostens verschluckt, selbst wenn sie dorthin gelangen könnten. Die optimale direkte militärische Hilfe wäre wahrscheinlich die Form von Luftangriffen. (…) Boden- und Luftstreitkräfte der NATO könnten von Polen aus operieren und NATO-Flugzeuge könnten von polnischen Stützpunkten aus fliegen.“

NZZ: Olaf Scholz verkaufte seine Panzerwende als wohlüberlegte Entscheidung – tatsächlich aber wurde er wohl überrumpelt – Auszug: „Die Entscheidung des Regierungschefs, Leopard 2 in die Ukraine zu schicken, scheint (…) hektisch und ohne Abstimmung mit den Koalitionspartnern erfolgt zu sein. (…) Sollte das alles stimmen, dann würden die Aussagen auch auf eine mögliche Spaltung der amerikanischen Regierung in der Ukraine-Frage hindeuten. Auf der einen Seite, so schildern es die beiden deutschen Abgeordneten, stünden der Sicherheitsberater Jake Sullivan und der CIA-Chef Burns. Sie wollten den Krieg schnell zu Ende bringen, um sich auf China fokussieren zu können. Auf der anderen Seite stünden Aussenminister Antony Blinken und Verteidigungsminister Lloyd Austin. (…) Nachdem Burns mit seiner diplomatischen Mission in Kiew und Moskau laut den beiden deutschen Quellen gescheitert sei, habe Präsident Biden entschieden (…) die Lieferung von Kampfpanzern Abrams zu genehmigen. (…) Scholz hat damit, wenn die Berichte zutreffen, wohl nicht gerechnet (…) Baerbock wusste offenbar nichts von der Entscheidung im Kanzleramt. Scholz hat sie allem Anschein nach getroffen, ohne die wichtigsten Vertreter seiner Koalitionspartner rechtzeitig ins Bild zu setzen. Dies wiederum wäre, zweitens, ein Anzeichen dafür, dass Scholz von den Ereignissen in Washington überrascht wurde. Er ging offenbar bis zuletzt davon aus, dass Biden der Linie des CIA-Chefs Burns und des Sicherheitsberaters Sullivan folgen würde. Demnach spekulierte der deutsche Kanzler wohl darauf, um eine Kampfpanzer-Lieferung herumzukommen. Als sich Biden dann anders entschied, musste Scholz seine Haltung innerhalb kürzester Zeit ändern.“

Frankfurter Rundschau: Wie lässt sich in Zeiten des Ukraine-Kriegs kritische Solidarität mit Selenskyj gestalten? – Auszug: "Ist die Haltung einer kritischen Solidarität nicht mehr selbstverständlich? Kürzlich hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj das Jahr 2023 zum Jahr des Sieges im Krieg gegen Russland erklärt. Warum erklären die westlichen Politiker nicht öffentlich, dass sich die Ukraine mit Hilfe der Waffensysteme der Nato wahrscheinlich lange erfolgreich in diesem russischen Angriffskrieg verteidigen kann, aber die Annahme, den Krieg gegen die Weltmacht Russland in zwölf Monaten als Sieger beenden zu können, schlicht eine Illusion ist? Dramatisch ist aktuell, dass Selenskyj erst mit der russischen Führung verhandeln will, wenn die Russen ihre Truppen vollständig vom ukrainischen Staatsgebiet zurückgezogen haben, auch die Krim 'befreit' ist. Diese Vorbedingung, die einer militärischen Niederlage Russlands gleichkommt, wird die russische Führung niemals erfüllen. Folglich wird dieser Krieg unbefristet weitergehen. (...) Warum sagt niemand dem ukrainischen Präsidenten, dass er mitverantwortlich wird für die weitere Zerstörung seines Landes und das kriegsbedingte Sterben vieler Menschen, wenn er Verhandlungen mit der russischen Regierung ohne Vorbedingungen verweigert? Warum fordern die westlichen Demokratien nicht den sofortigen Beginn von Waffenstillstandsverhandlungen und knüpfen ihre weiteren Waffenlieferungen an die Zustimmung der ukrainischen Regierung zu Verhandlungen ohne Vorbedingungen? (...) Vereinzelt werden umgehende Waffenstillstandsverhandlungen von führenden Politiker:innen aus den Berliner Regierungsparteien gefordert (…), aber die Befürworter:innen solcher Verhandlungen scheinen bislang in ihrer Partei in der Minderheit zu sein. Es ist an der Zeit, dass sich die SPD und die Grünen wieder auf ihr historisch gewachsenes Profil als Friedensparteien besinnen. Es ist überfällig, jetzt die Chancen der Diplomatie vielfältig zu aktivieren, um Waffenstillstands- und langfristig Friedensverhandlungen zu ermöglichen.“

ZDF: Bilanz nach drei Jahren Corona: Lauterbach: "Es hat Fehler gegeben" – Drei Jahre Pandemie, drei Jahre Maßnahmen und Einschränkungen. Welche Fehler gab es und was haben wir daraus gelernt, Herr Lauterbach? Der Gesundheitsminister zieht Bilanz. – Auszug: "'Es sind nicht nur Fehler gemacht worden', entgegnet Lauterbach. Insgesamt sei Deutschland vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen. 'Wir haben nicht so viele Todesfälle beklagen müssen. Wir haben auch nicht so viele Infektionen gehabt.' Er räumt ein: 'Es hat Fehler gegeben, aber im Großen und Ganzen sind wir besser durchgekommen als viele Länder mit ähnlichen Problemen.' Etwa bei der Kontaktreduzierung seien falsche Schwerpunkte gesetzt worden, die Schließung der Schulen und Kitas hält der SPD-Politiker 'im Nachhinein betrachtet' für falsch. Man hätte die Schulen früher durch Testungen öffnen können. 'Das war ein Fehler.' 'Es gab natürlich Dinge, die überzogen waren.' Kontaktbeschränkungen bei Spaziergängen an der frischen Luft etwa spricht Lauterbach an. 'Gerade in Bayern hat man sehr viel zum Teil dann gemacht, was nicht wissenschaftlich gesichert war.' Teils sei man in Studien auch nachträglich zu einer anderen Bewertung gekommen. 'Diese drakonischen Maßnahmen: Ausgehverbote, also Maskentragen an der freien Luft, Kinderspielplätze draußen abriegeln und dergleichen – das sind Dinge gewesen, die würde man heute nicht mehr machen.' Diese Maßnahmen seien aber auch zu ihrem Zeitpunkt umstritten gewesen und nie wirklich durch Studien gedeckt.“