Berichte: Vorwürfe gegen Marokko, USA und Israel wegen Massenansturm auf Ceuta

Washington Post: Andrang zehntausender Migranten Ende Juli könnte „orchestriert“ gewesen sein / Spanischer Sicherheitsbeamter: Ansturm war Machtdemonstration Marokkos / Nachdenkseiten: USA und Israel nutzen Migrantenansturm als „Druckmittel“ wegen Madrids Haltung zu Gaza

20. August 2026
Washington / Madrid / Rabat / Tel Aviv.
(multipolar)

Mehrere Medien berichten über Vorwürfe gegen Marokko, die USA und Israel, den Massenansturm auf die spanische Exklave Ceuta Ende Juli herbeigeführt und politisch instrumentalisiert zu haben. So erörtert etwa die „Washington Post“ den „Verdacht, dass der Vorfall orchestriert“ gewesen sein könnte. Der entsprechende Bericht erschien im „Merkur“ in deutscher Übersetzung. Dort heißt es, mehrere Migranten hätten in Interviews mit der Zeitung gesagt, die marokkanischen Behörden hätten sie passieren lassen und ihnen mitgeteilt, sie auf dem Landweg aufzuhalten, nicht jedoch, wenn sie schwämmen. Die Berichte sprechen hier von „Migration als Waffe“. Verschiedene Quellen berichteten von insgesamt 50.000 bis 70.000 Migranten, die am 30. und 31. Juli versuchten, Ceuta zu erreichen.

Bereits 2021 habe Marokko nach einem diplomatischen Streit rund 8.000 Migranten nach Ceuta gelassen. Offiziell wurden „Desinformation und Menschenschmuggler“ für den jüngsten Andrang verantwortlich gemacht. Diese Darstellung werde jedoch von Experten in Zweifel gezogen, da eine Grenzüberquerung zu Fuß oder schwimmend kein „Geschäftsmodell“ darstelle. Ein anonymer hochrangiger spanischer Sicherheitsbeamter sagte der Zeitung, es handele sich um eine „Machtdemonstration“ Marokkos, mit der das Land seine Gebietsansprüche auf die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla unterstreichen wolle. Spanische Behörden würden laut „Washington Post“ Marokkos Rolle untersuchen, auch wenn sie das Land „offiziell verteidigten“. Die Zeitung weist zudem darauf hin, dass der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez „ein scharfer Kritiker von Israels Krieg in Gaza“ sei. Er habe außerdem einige Nato-Verbündete verärgert, weil er sich weigere, die nationalen Verteidigungsausgaben auf das von US-Präsident Donald Trump geforderte Niveau anzuheben.

Eine ausführliche Recherche der „Nachdenkseiten“ unterstreicht unter Bezugnahme auf weitere Medienberichte die US-amerikanischen und israelischen Interessen in der Angelegenheit. Bereits seit Jahren hätten israelische und amerikanische Politiker Spanien „wegen des Gazastreifens bedroht, seine Souveränität in Nordafrika infrage gestellt und Ceuta als Druckmittel“ eingesetzt. In den USA sei bereits seit Längerem diskutiert worden, „Spanien als Washingtons militärischen Partner durch Marokko zu ersetzen“. Nach Spaniens Weigerung, den USA während des Iran-Einsatzes die Nutzung seiner Luftwaffenstützpunkte zu gestatten, sei die Forderung aufgekommen, US-Stützpunkte in ein Land zu verlegen, das deren Nutzung zulasse. Auch ein Ausschluss Spaniens aus der Nato sei diskutiert worden.

Vor diesem Hintergrund sei in israelischen Medien „offen“ über eine politische Instrumentalisierung des marokkanischen Anspruchs auf Ceuta und Melilla diskutiert worden. Eine Unterstützung Marokkos in der Angelegenheit wäre demnach eine Belohnung für Marokkos Annäherung an Israel und eine Bestrafung Spaniens für seine Haltung zu Iran, Palästina und der Nato. Im Beitrag der „Nachdenkseiten“ heißt es, Israel distanziere sich zwar öffentlich von den territorialen Ansprüchen Marokkos, sie hätten allerdings in vergangenen Auseinandersetzungen eine durchaus tragende Rolle gespielt. So habe etwa 2019 Yair Netanjahu, Sohn des israelischen Ministerpräsidenten, einen „Tauschvorschlag“ unterbreitet. Israel würde die Finanzierung von Organisationen einstellen, die von Spanien eine Abtretung von Ceuta und Melilla verlangen. Im Gegenzug solle Spanien aufhören, Organisationen zu finanzieren, die von Israel eine Abtretung von Judäa und Samaria verlangen.

Im September 2025 habe außerdem Itamar Ben Gvir, israelischer Minister für Nationale Sicherheit, Spanien aufgefordert, „den Menschen aus Gaza freien Einlass zu gewähren“. Zuvor hatte Spanien ihm und Finanzminister Bezalel Smotrich wegen ihrer Haltung zu Gaza die Einreise verweigert. Nach dem Massenandrang auf Ceuta habe Ben Gvir seine Forderung, Spanien solle Bewohner Gazas aufnehmen, erneuert. Im März diesen Jahres habe dann Michael Rubin, führender Mitarbeiter in zwei US-amerikanischen Think Tanks (American Enterprise Institute und Middle East Forum) Ceuta und Melilla als besetztes marokkanisches Gebiet bezeichnet. Spanien habe als Kolonialmacht kein Recht, Israel zu kritisieren, so Rubins weitere Argumentation. In einem weiteren Beitrag habe Rubin vorgeschlagen, marokkanische Zivilisten sollten mit Bulldozern nach Ceuta und Melilla gelangen und dort die marokkanische Flagge hissen.

Wenige Wochen nach Rubins Artikeln habe der US-amerikanische Unterausschuss für Haushaltsfragen des Repräsentantenhauses einen Bericht zum Haushaltsgesetz des Außenministeriums für das Jahr 2027 vorgelegt. Darin werde festgehalten, dass die „von Spanien verwalteten Städte Ceuta und Melilla auf marokkanischem Territorium“ lägen. Der Außenminister solle den diplomatischen Dialog zwischen Marokko und Spanien über deren künftigen Status fördern. Die „Nachdenkseiten“ schlussfolgern, dass damit Marokkos Anspruch in der US-Außenpolitik verankert worden sei. Schon 2002 hätten die USA Marokko zu einem wichtigen Nicht-Nato-Verbündeten erklärt, Marokko sei zudem Gastgeber des größten US-Militärübung in Afrika, die jährlich stattfinde.

Die „Nachdenkseiten“ betonen, auch mit Blick auf Israel habe Marokko auf eine etablierte militärische Beziehung zurückgreifen können. So sei bereits 2021 eine Absichtserklärung unterzeichnet worden zur Zusammenarbeit im Bereich der Nachrichtendienste, militärischer Beschaffungen, Ausbildung und gemeinsamer Übungen. Im Januar 2026 sei im Gemeinsamen Militärausschuss ein jährlicher Arbeitsplan unterzeichnet worden. Während des Andrangs auf Ceuta hätten Washington und Jerusalem über die Überwachungskapazitäten verfügt, um die Menschenmenge zu beobachten. Beide Länder hätten aufgrund ihrer „strategischen Beziehungen“ nachvollziehen können „was Rabat tat“ und den daraus resultierenden „Druck“ auf Madrid erkennen und nutzen können. Das Ereignis könne insgesamt nicht „als isoliertes Grenzversagen abgetan“ werden, da es „zu genau“ einem „Drehbuch“ entsprochen habe, das in früheren politischen Äußerungen und Vorschlägen erkennbar gewesen sei.