Ökonomen uneins über Gründe für längste Rezessionsphase der Bundesrepublik
8. September 2025In Deutschland lehrende Wirtschaftswissenschaftler nennen zahlreiche verschiedene Gründe für die anhaltende Flaute der deutschen Wirtschaft. Nach einer Korrektur der deutschen Wirtschaftsdaten Ende Juli 2025 hatte sich herausgestellt, dass sich die Bundesrepublik zwischen Ende 2022 und Ende 2024 in der längsten Rezessionsphase ihrer Geschichte befunden hat. Multipolar hat bei Ökonomen nachgefragt, was ihrer Ansicht nach die Gründe für den Wirtschaftsrückgang sind.
Der Wirtschaftswissenschaftler Thiess Büttner von der Universität Erlangen-Nürnberg, Vorsitzender des unabhängigen Beirats des Stabilitätsrats, nannte hohe Arbeitskosten, hohe Energiekosten und hohe Steuern als Hauptursachen für die Probleme der deutschen Wirtschaft. Zugleich nehme ihr eine „überbordende Regulierung“ die Agilität, das Klima sei „unternehmerfeindlich“ und die „fortgesetzte staatliche Expansion“ nehme der privaten Wirtschaft den Raum. Primär müsse die Politik einsehen, dass die Energiewende die wirtschaftlichen Grundlagen des Landes unterminiere, dass das System der Sozialtransfers den Anreiz zu arbeiten untergrabe und dass die Steuerbelastung der Unternehmen international nicht konkurrenzfähig sei. Die Bürokratie könne nur verringert werden, wenn die Regulierung massiv zurückgenommen werde, schließt Büttner.
Ähnlich beantwortet auch Aloys Prinz, Direktor des Instituts für Finanzwissenschaft II der Universität Münster, die Anfrage von Multipolar. Zusätzlich nennt er „offen zutage tretende Infrastrukturmängel aller Orten“ sowie die politische Unsicherheit infolge einer „instabilen Regierung“. Damit die über Schulden finanzierten Mittel schnellstmöglich für „wachstumsfördernde Infrastrukturprojekte“ eingesetzt werden können, müssten „Überregulierungen“ abgebaut werden. Die bisherigen Ansätze würden dafür nicht ausreichen. Kontraproduktiv in dieser Situation sei die Diskussion um Steuererhöhungen. Sozialpolitische Reformen, insbesondere in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung, seien überfällig.
Der Volkswirt Michael Grömling, Leiter des Clusters Makroökonomie und Konjunktur am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, verweist auf seine Konjunkturprognose vom Mai. Darin macht er die Folgen des US-„Zollkriegs“ sowie die weltweite Unsicherheit und anhaltend niedrige Investitionen für das Schrumpfen der deutschen Wirtschaft verantwortlich. Die internationale Verunsicherung halte viele Unternehmer davon ab, in größere Anschaffungen wie neue Maschinen und Fahrzeuge zu investieren. Hohe Energiepreise, steigende Löhne und viele Regulierungen würden insbesondere Industrie und Baugewerbe belasten. Das Sondervermögen Infrastruktur könne hingegen die Konjunktur ankurbeln, erläutert Grömling.
Der Präsident des Ifo-Instituts in München, Clemens Fuest, teilte hingegen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) Ende Juli mit, die deutsche Wirtschaft könne mit den 15 Prozent US-Einfuhrzöllen „leben“. Der deutsche Export werde teilweise durch höhere Exporte in andere Länder ausgeglichen. Auch Monika Schnitzer, Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („Wirtschaftsweise“), spricht gegenüber der FAZ von „überschaubaren“ ökonomischen Auswirkungen des „Zoll-Deals“ für Deutschland. Das Wachstum könne dadurch um „0,2 bis 0,3 Prozent“ niedriger ausfallen als ohne diese Zölle, sagte die Wirtschaftswissenschaftlerin von der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING-Bank, nannte in einem Gespräch mit der Tagesschau im Mai neben fehlenden Investitionen aus dem öffentlichen Bereich und der privaten Wirtschaft die Folgen des demografischen Wandels als weiteren Grund für den wirtschaftlichen Rückgang. In den kommenden Jahren würden die geburtenstarken Jahrgänge („Babyboomer“) in Rente gehen und eine „Lücke auf dem Arbeitsmarkt“ hinterlassen. Aus dem Mangel an Fach- und Führungskräften sei „längst“ ein Mangel an Arbeitskräften geworden. Das habe Auswirkungen auf die Produktion und auf die gesamte Dienstleistungsbranche im Land, erklärt Brzeski.
Ein Beitrag der Hessenschau vom Januar zitiert mehrere Ökonomen zu den Ursachen der langen Wirtschaftskrise in Deutschland. Peter Tillmann, Professor für Makroökonomie an der Uni Gießen, bemängelt zu wenig Engagement bei der Digitalisierung, der Bildung und der qualifizierten Fachkräftezuwanderung. Guido Bünstorf, Professor für Wirtschaftspolitik an der Universität Kassel, stellt fest, dass Deutschlands Export durch billige Energie in Form von russischem Erdgas und die hohe Nachfrage aus China begünstigt worden sei. Diese Faktoren gehörten jedoch der Vergangenheit an. Volker Wieland, ehemaliger „Wirtschaftsweiser“ und Professor an der Goethe-Universität in Frankfurt, hält die Abschaltung der Kernkraftwerke inmitten der Energiekrise für einen „schweren Fehler“. Auch der Verzicht auf Fracking in Deutschland sei problematisch. Deutschland würde nun teures, gefracktes Gas aus den USA importieren, obwohl im eigenen Land „erhebliche Reserven“ vorhanden seien.
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