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Wem nützt Mercosur?

Nach jahrelangen Verhandlungen unterzeichneten die EU und mehrere südamerikanische Staaten im Januar das Mercosur-Handelsabkommen – und etablieren damit die größte Freihandelszone der Welt. Der Widerstand dagegen ist laut. Worum geht es?

FELIX FEISTEL, 29. Januar 2026, 1 Kommentar, PDF

„Mercosur“ ist die Bezeichnung einer seit über 30 Jahren bestehenden südamerikanischen Freihandelszone zwischen den Ländern Brasilien, Argentinien, Bolivien, Paraguay und Uruguay. Das nun mit der EU beschlossene Mercosur-Abkommen besteht aus einem Handels- und einem Partnerschaftsabkommen mit diesen Ländern. Das Handelsabkommen ist dabei der wichtigere Teil und tritt auch ohne Ratifizierung aller EU-Mitgliedsstaaten in Kraft.

Noch im Dezember waren die Verhandlungen im EU-Parlament verschoben worden, aufgrund heftiger Proteste von Landwirten. Unter anderem Frankreich hatte angesichts dieser Proteste Zweifel am Abkommen geäußert. Premierminister Sébastien Lecornu versuchte, die französischen Bauern durch finanzielle Zusagen zu besänftigen. Die Zustimmung Italiens musste ebenfalls erkauft werden – durch die EU-Zusage höherer Zuschüsse. Brasiliens Präsident Lula hatte der EU im Dezember mit einem Rückzug von den Verhandlungen gedroht, sollte das Abkommen nicht bald unterzeichnet werden.

Dennoch verabschiedete das EU-Parlament am 21. Januar eine Resolution, die fordert, das Abkommen dem Europäischen Gerichtshof zur Überprüfung vorzulegen. Dieser soll in einem Gutachten unter anderem klären, ob die Beschlüsse mit den Verträgen der Europäischen Union und ihrem Recht vereinbar sind.

Das Abkommen baut Handelszölle in Höhe von 4 Milliarden Euro ab und soll den EU-Export in den Mercosur-Raum um 30 Prozent steigern. Zum großen Teil geht es aber auch um landwirtschaftliche Produkte, die aus Südamerika in die EU exportiert werden – Grund für die Proteste der hiesigen Landwirte. So sollen die Zölle auf 100.000 Tonnen Rindfleisch und 180.000 Tonnen Geflügel, die jährlich aus dem Mercosur-Raum in die EU importiert werden, drastisch reduziert werden. Dieses billigere und nicht nach EU-Standards produzierte Fleisch setzt die europäischen Bauern unter erheblichen Konkurrenzdruck.

Abkommen setzt „heimische Nahrungsversorgung aufs Spiel“

Auch andere Branchen befürchten, von Billigimporten überrollt zu werden. Der Generalsekretär des bayerischen Bauernverbandes, Carl von Buttler, kritisiert, dass aufgrund der Exportinteressen einiger Industriezweige sämtliche Umwelt-, Tierwohl- und Prozessstandards unterlaufen würden. Das Abkommen setze „die heimische Nahrungsversorgung aufs Spiel“. Das Bundeswirtschaftsministerium widerspricht: Mercosur wirke sich nicht auf die EU-Standards aus. Es gebe zudem Schutzklauseln für den heimischen Agrarmarkt, die wirtschaftliche Nachteile durch höhere Einfuhren beheben sollen. Die Bauern beruhigt das keineswegs.

Während den Mercosur-Staaten der Export von Agrargütern erleichtert wird, geht es für Europa hauptsächlich um den Export verarbeiteter Produkte nach Südamerika. Neben Lebensmitteln wie Olivenöl, Milchprodukten und Süßwaren betrifft das vor allem Industriegüter wie Maschinen und Automobile. Auch die Chemieindustrie ist ein Profiteur. Insgesamt mehr als 10.000 deutsche Unternehmen beliefern den Mercosur-Raum. EU und Bundesregierung erhoffen sich eine Belebung des schwächelnden Exportes sowie günstigen Zugang zu Rohstoffen.

Die EU-Importe aus der Mercosur-Region sollen um 30 Prozent erhöht werden. Dabei geht der größte Teil der Fleischimporte auf drei Konzerne zurück – JBS, Minerva und Marfrig –, die zusammen über 90 Prozent der brasilianischen Rindfleischexporte in die EU bestreiten. Auch der Exportmarkt Argentiniens wird indirekt von JBS dominiert – über den Konzern SWIFT, der über Umwege JBS angehört. JBS beherrscht zudem den Lebensmittelexport von Uruguay und Paraguay.

Weltgrößter Fleischkonzern profitiert

Das brasilianische Unternehmen ist mit einem Marktwert von 30 Milliarden Dollar der weltgrößte Fleischkonzern. Dahinter stehen die Milliardärsbrüder Wesley und Josely Batista sowie europäische und US-amerikanische Investoren, wie die Deutsche Bank, HSBC oder Volkswagen Financial Services, die auch die anderen genannten Fleischkonzerne finanzieren. Einfach gesagt: Vom Abbau der Zölle und einer Steigerung des Imports von Rindfleisch und Geflügel in die EU profitieren nicht die südamerikanischen Kleinbauern, denn diese produzieren hauptsächlich für den lokalen Markt und auch sie sehen durch das Abkommen ihre Absätze gefährdet. So befürchten Olivenbauern in Südamerika, durch die billiger produzierende Konkurrenz in der EU unter Druck zu geraten. Ähnlich könnte es kleinbäuerlichen Fleischproduzenten ergehen.

JBS ist personell mit der Politik verflochten. So übernahm Henrique Meirelles, unter Lula Präsident der Zentralbank und später Finanzminister, 2012 den Vorsitz des Beirates von J&F Investimentos S.A., der Holding-Gesellschaft von JBS, und wechselte später zurück in die Politik. Das Unternehmen profitierte auch von einem nationalen Entwicklungsprogramm mit günstigen Krediten, das von Lula aufgelegt wurde. Dem Konzern flossen dadurch über 3 Milliarden Dollar zu. Joesley Batista erklärte in diesem Zusammenhang im Rahmen von Korruptionsermittlungen der Staatsanwaltschaft, dass es seit dem ersten Kredit für JBS üblich gewesen sei, einen bestimmten Prozentsatz auf ein Auslandskonto für einen Vertreter des damaligen Finanzministers Guido Mantega einzuzahlen. Insgesamt seien 62 Millionen Dollar auf Konten im Ausland für Lula und seine Nachfolgerin Rousseff eingezahlt worden. Beide bestritten allerdings, illegale Gelder für Wahlkampagnen oder für sich persönlich angenommen zu haben.

Unabhängig von Korruptionsvorwürfen treten die Batista-Brüder nach wie vor öffentlich mit Lula auf und loben seine Politik. Lula selbst unterstützt brasilianische Agrarverbände bei ihrer Opposition gegenüber EU-Nachhaltigkeitsregeln, etwa der Entwaldungsverordnung.

Verbotene Pestizide für Südamerika

Auch die Chemieindustrie profitiert vom Mercosur-Abkommen. Konzerne wie Bayer, Corteva, Syngenta und andere produzieren Pestzide wie Atrazin, Propisochlor oder Permethrin, die in der EU längst verboten sind. Diese werden unter anderem nach Südamerika exportiert, wo sie weiterhin zum Einsatz kommen. Das kritisieren Umweltverbände und Wissenschaftler, die darüber hinaus die Gefahr eines Zunahme der Abholzung des Regenwaldes durch Sojaanbau und extensive Rinderfarmen sehen. Eine Kontrolle gerade in Bezug darauf, welche Pestizide verwendet werden, ist schwierig.

Der Bund der deutschen Industrie (BDI), der Verband der chemischen Industrie und der Verband der deutschen Maschinen und Anlagenbauer (VDMA) sowie die European Business Association, ein Zusammenschluss von Wirtschaftsverbänden aus allen EU-Mitgliedsstaaten, lobbyierten massiv für das Mercosur-Abkommen und plädieren nun für eine baldige Anwendung. Sie alle finden sich im EU-Lobbyregister, teilweise mit Millionenbeträgen, und beeinflussen die EU-Politik durch Treffen mit Beamten oder über persönliche Verbindungen.

Umwelt- und Sozialstandards „dürfen Wirtschaft nicht verdrängen“

Der Generaldirektor des europäischen Unternehmer-Lobbyverbands ‚Business Europe‘, Markus J. Beyrer, erklärte 2019, das Mercosur-Abkommen müsse schnell verabschiedet werden. Umwelt- und Sozialstandards dürften „die Wirtschaft nicht verdrängen“ und die EU davon abhalten, Mercosur zu implementieren. Europäische Chemiekonzerne haben sich zudem mit Verbänden der südamerikanischen Agrarindustrie zusammengeschlossen, um gemeinsam Druck für Mercosur zu machen und den Markt für in der EU verbotene Pestizide zu erweitern.

Auch wenn deutsche Konzerne auf Seiten der EU die größten Profiteure des Abkommens sein dürften – Deutschland ist schon jetzt der größte Exporteur von Maschinen, Automobil- und Chemieerzeugnissen in den Mercosur-Raum –, so sind sie nicht die einzigen. Auch spanische, italienische und französische Großunternehmen erhoffen sich vom Abbau der Zölle, insbesondere auf Wein, Olivenöl und Käse, deutliche Exportsteigerungen. Italien liefert schon jetzt Chemieprodukte nach Südamerika, deren Umfang durch das Abkommen steigen soll. Die Niederlande profitieren vor allem als größter Importeur aus dem Mercosur-Raum, wobei die meisten dieser Importe wieder re-exportiert werden.

Der ehemalige Vorsitzende der brasilianischen Entwicklungsbank, ebenso wie südamerikanische Sozialverbände kritisieren, das Abkommen festige neoliberale und neokoloniale Strukturen und halte die südamerikanischen Bauern und Arbeiter in Armut. Kritik an dem Abkommen kommt also aus beiden Regionen – findet aber diesseits wie jenseits des Atlantiks wenig Gehör. Mercosur ist im Wesentlichen ein Abkommen von Konzernen für Konzerne.

Korrektur 30.1.: Der europäische Unternehmer-Lobbyverband ‚Business Europe‘ wird nicht von Sabine Weyand als Generaldirektorin geleitet, sondern von Markus J. Beyrer. Der Name wurde korrigiert.

Über den Autor: Felix Feistel, Jahrgang 1992, studierte Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Völkerrecht. Seit 2017 arbeitet er als freier Journalist, unter anderem für das Magazin Manova.

SE, 31. Januar 2026, 23:20 UHR

Sie sind 20 Jahre zu spät mit Ihrer Analyse.
https://venezuelanalysis.com/analysis/2187
(alles hat mal wieder wie immer funktioniert)

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