Schätze des frühen Islam
LIZA ULITZKA, 21. September 2026, 0 Kommentare, PDF„Ebenso wie der Westen von einem ewigen Orient träumt, imaginieren heute islamistische Theoretiker – wie unter anderen Vorzeichen arabische Nationalisten – ihr eigenes Bild der arabischen und islamischen Geschichte. Bezugspunkt ist immer ein Goldenes Zeitalter unter den rechtgeleiteten Kalifen in den ersten Generationen des Islam, das die Opposition zu allem verkörpert, was an der Moderne zu kritisieren ist – eine ideale Gegenwelt zu gegenwärtiger Bedeutungslosigkeit, Gängelung und Zerrissenheit der arabischen Welt,“ so die Herausgeber in einem Zwischenkapitel des historischen Sammelbandes „Vom Alten Orient zum Nahen Osten“.
Der Islam und wie er vermeintlich ist – ein Gegenstand nicht endend wollender Diskussionen. Je nach Interessenlage wird die Religion in eine bestimmte Richtung „interpretiert“. Seien es die Fundamentalisten, die in seinem Namen ihren Feldzug gegen den Westen antreten (und dabei gezielt von diesem instrumentalisiert werden), oder seien es westliche Politiker und Aktivisten, die dem Islam und den damit verbundenen Organisationen den roten Teppich ausrollen, zuletzt beim Fastenbrechen im deutschen Bundestag Anfang dieses Jahres.
Doch der Islam hat mehr zu bieten als Orient-Kitsch, Polygamie und Sprengstoffgürtel. Darüber hinaus lassen sich „Orient“ und „Okzident“ bei Weitem nicht so klar voneinander trennen, wie das Apologeten beider Seiten lieb wäre. Wie kann man sich also an dieses „heiße Eisen Geschichte“ annähern, ohne der einen oder der anderen Seite das Wort zu reden? Vielleicht, indem man den Blick auf weniger ausgeleuchtete Aspekte dieser Historie richtet. Das betrifft etwa die Geschichte der muslimischen Frauen, aber auch die der islamischen Wissenschaft.
Kein Abendland ohne Morgenland?
„Die Pflicht desjenigen, der die Schriften der Wissenschaftler studiert, wenn es sein Ziel ist, die Wahrheit zu ergründen, ist es, sich selbst zu einem Feind von allem zu machen, was er liest und es von allen Seiten zu attackieren. Er sollte sich auch selbst unter Verdacht stellen, während er diese kritische Untersuchung unternimmt, damit er vermeidet, weder Vorurteil noch Nachsichtigkeit anheim zu fallen.“
Das ist ein Zitat von Hasan ibn al-Haytham, Autor des „Buches der Optik“, das der Mathematiker, Optiker und Astronom um das 11. Jahrhundert herum in Kairo verfasst hat, wie einer Schautafel im Museum für islamische Kunst in Kairo zu entnehmen ist. Laut Schautafel hat der Gelehrte genau dieses Prinzip für sein Buch der Optik angewandt, weswegen es so herausragend wurde. Einige mag das verwundern, da der Islam in der allgemeinen Auffassung nicht als Leuchtfeuer kritischer Wissenschaft und Aufgeklärtheit gilt. Ganz im Gegenteil kennt man diese Religion, wie bereits erwähnt, vor allem aus den Schlagzeilen in Verbindung mit Terroranschlägen. Es ist eine moderne Form des Orientalismus, der eine lange Tradition hat und dazu beitrug, dass man sich im Westen nur selten der Grundlagen der eigenen Wissenschaft bewusst ist.
Im selben Museum kann auch ein Manuskript der Anatomie bestaunt werden, in dem ein menschlicher Körper dargestellt ist. Der Verfasser, der Perser Mansur ibn Ilyas Shirazi, hat im 14. Jahrhundert in diesem ersten kolorierten Anatomiebuch Blutzirkulation, Verdauungssystem, Wirbelsäule und Brustkorb minutiös eingezeichnet. Er gilt als einer der Pioniere der Neuroanatomie. Abgesehen von ein paar wenigen weiteren Schautafeln über andere große muslimische Wissenschaftler aus dem Goldenen Zeitalter des Islam findet sich allerdings nur sehr wenig über diese Zeit im Kairoer Museum. Warum legt die ägyptische Regierung nicht mehr Wert auf die Pflege und Hervorhebung dieses eindrucksvollen Erbes? Sieht sie darin eine Form der Gefahr, wie die früheren Kolonisatoren es taten?
Die Errungenschaften großer Denker und Denkerinnen dieser Zeit zwischen dem 8. und 12. Jahrhundert füllt bis heute Bibliotheken auf der ganzen Welt. Doch ist dieses Wissen fast völlig in Vergessenheit geraten, obwohl es laut dem irakisch-britischen Autor und Physiker Jim al-Khalili den Grundstein der abendländischen Kultur bildet. In seinem Buch „Im Haus der Weisheit – Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur“ legt al-Khalili die umfassende Wissenschaftsgeschichte dieser Epoche dar.
Neben den auch in Europa bekannten Namen wie Avicenna und Ibn Rushd sowie zahlreichen anderen genialen Köpfen und Erfindern erfährt man vom andalusischen Arzt Abu al Qasim al Zahrawi, dem „berühmtesten Chirurgen des Mittelalters“, der mehr als 100 chirurgische Instrumente erfand, von denen viele (beispielsweise die Geburtszange) heute noch in Gebrauch sind. Er verwendete als erster Katzendarm für innere Nähte. Auch die chirurgischen Haken, Löffel, Stäbe, Speculum und Knochensäge, die chirurgische Nadel, die Spritze und das Skalpell zum Steinschneiden gehen auf ihn zurück, so al-Khalili. Er leistete Pionierarbeit in der Inhalationsanästhesie, der Zahnheilkunde und „vervollkommnete die Technik des Luftröhrenschnitts.“ Al-Zahrawis Arbeiten hatten „ungeheure Auswirkungen auf Europa und auf die Lehre der Medizin während der Renaissance“. Er verfasste eine dreißigbändige Enzyklopädie, das Kitab al-Tasrif (Methode der Medizin), die 500 Jahre lang eines der wichtigsten Nachschlagewerke für Ärzte war und auch ins Lateinische übertragen wurde.
Ein weiterer Wegbereiter der europäischen Wissenschaft war der Mathematiker und Astronom Muhammad ibn Musa al-Khwarizmi, der die hinduistischen Zahlen bei den Arabern einführte und als „Vater der Algebra“ gilt. Sein Buch darüber trägt den Titel Kitab al-Jebr. „Darin legt er zum allersten Mal die Regeln und Schritte zur Lösung algebraischer Gleichungen dar.“ Das Verfahren wird heute „Algorithmus“ genannt, erklärt al-Khalili. Dieser Begriff ist die latinisierte Form von al-Khwarizmi.
Das „aufgeklärte Europa“, das sich, wie bereits erwähnt, über die Kolonialzeit hindurch bis zum heutigen Tag gerne als überlegen gegenüber den „zurückgebliebenen Arabern“ sieht, weigerte sich damals das Dezimalsystem und die arabischen Zahlen zu übernehmen, ohne die heute keine moderne westliche Welt oder Wissenschaft denkbar wären. „Dezimalzahlen galten lange Zeit als Symbole des bösen muslimischen Feindes.“ Die Araber nahmen laut al-Khalili auch das heliozentrische Weltbild und Newtons Gravitationsgesetz vorweg. Sogar die ägyptischen Hieroglyphen wurden nicht zuerst von Jean-Francois Champollion und Thomas Young entziffert, sondern laut al-Khalili von einem Mann namens Ibn Washiyya, der im 9. und 10. Jahrhundert in Kufa lebte.
Um den Kreis zum Museum für islamische Kunst in Kairo zu schließen: In Kairo ist eine Straße hinter dem alten ägyptischen Museum nach Champollion benannt, obwohl er laut der ägyptischen Archäologin Monica Hanna in ihrem Buch „The Future of Egyptology“ im Jahr 1828 auch schweren Kunstraub in Ägypten begangen hat, wenn auch mit dem Sanctus des damaligen osmanischen Herrschers Mehmet Ali.
Ibn Washiyya dürfte in Ägypten hingegen niemandem ein Begriff sein. Eine bittere Ironie der Kolonialgeschichte, die zum Teil erklärt, warum es selbst in arabischen Ländern kaum ein Bewusstsein für das arabische Goldene Zeitalter gibt. Hanna berichtet auch, wie Ägypter von den Kolonialmächten gezielt vom Studium ihrer eigenen Geschichte abgehalten wurden, damit sie „keine Handlungsfähigkeit erlangen, indem sie ihre Vergangenheit verstehen.“
Der Hieroglyphen-Gelehrte Ibn Washiyya war von dem Mann inspiriert und angetrieben, der diese große arabische Wissenschaftsbewegung zur Hochblüte brachte. Es handelt sich um den „Sohn der hässlichsten Sklavin“ aus der Küche des Abassidenkalifen Harun al-Rashid, Ja’far Abdullah al-Ma‘mun, der zu einem wissbegierigen Förderer von Wissenschaft und Kunst und zum Nachfolger von Harun al-Rashid, seinem Vater, wurde. 816 reiste Al-Ma’mun nach Ägypten, um einen Aufstand niederzuschlagen und war fasziniert von den Pyramiden und den geheimnisvollen Hieroglyphen, berichtet Al-Khalili. Der Islam, der von den Gläubigen verlangt, nach Wissen und Erleuchtung zu streben, spielte dabei eine große Rolle.
Dennoch vermeidet es Al-Khalili in seinem Buch, die Errungenschaften des Goldenen Zeitalters als „islamische Wissenschaft“ zu bezeichnen, denn viele Wissenschaftler, die dazu beitrugen, hatten andere Religionszugehörigkeiten. Doch wirkten sie alle in dieser Atmosphäre von Wissensdurst, die die damalige Zeit von Bagdad bis Cordoba erfüllte. Bemerkenswert dabei ist, dass die Religion, sei es die christliche, jüdische oder eben der Islam, diesem Bestreben nicht im Geringsten entgegenstand. Ganz im Gegensatz zum mittelalterlichen Europa, wo ein Galileo Galilei noch im 16. Jahrhundert wegen seiner Theorien von der Kirche verurteilt wurde.
Der Abassidenkalif al-Ma’mun ließ in Bagdad im großen Stil wissenschaftliche Werke aus dem Griechischen und dem Persischen ins Arabische übersetzen. „Er schickte Gesandte an weit entfernte Orte, um dieser wissenschaftlichen Texte habhaft zu werden. Wenn er fremde Herrscher in der Schlacht besiegt hatte, mussten diese ihm häufig kein Gold, sondern Bücher aus ihren Bibliotheken liefern. Al-Ma’mun war von einem nahezu fanatischen Wunsch getrieben, alle Bücher der Welt unter einem Dach zu versammeln, ins Arabische übersetzen zu lassen und dafür zu sorgen, dass seine Gelehrten sie studierten. Die Institution, die er zur Verwirklichung seines Traumes ins Leben rief, verkörpert mehr als alles andere die Blüte des Goldenen Zeitalters der Wissenschaft. Sie wurde in der ganzen Welt als Haus der Weisheit (Bayt al-Hikma) bekannt,“ erzählt al-Khalili.
Al-Ma‘mun lud regelmäßig Gelehrte aus allen Disziplinen in seinen Palast ein, um mit ihm über alle möglichen Themen zu diskutieren. Geleitet und inspiriert war Al-Ma’mun durch die islamische Strömung der Mu’taziliten, die laut al-Khalili Glauben und Vernunft in Einklang bringen wollten. „Es war der wichtigste ethische Grundsatz der Mu’taziliten, die Macht der Vernunft und des menschlichen Geistes zu preisen. In ihren Augen war es dieser Geist, der die Menschheit zur wahren Kenntnis Gottes, seiner Eigenschaften und damit auch der ethischen Grundlagen leitete,“ erklärt al-Khalili die Ansichten dieser Strömung:
„Unter al-Ma’muns Schirmherrschaft und in der von ihm geförderten Atmosphäre der Aufgeschlossenheit und Toleranz gegenüber anderen Religionen und Kulturen zog es viele Gelehrte aus dem ganzen Reich nach Bagdad. Die Verschmelzung des griechischen Rationalismus mit der islamischen Mu’tazila führte zu einer humanistischen Bewegung, wie man sie in ähnlicher Form erst im 15. Jahrhundert in Italien wieder erleben sollte.“
Damit kollidierten die Mu’tazilten schon damals mit den Traditionalisten, die solche Ansichten als unislamisch ansahen und das bis heute tun. Dennoch konnten es die Traditionalisten nicht verhindern, dass der große Wissensschatz des islamischen Goldenen Zeitalters seinen Weg bis nach Europa fand, wo man im Zeitalter der Renaissance sehr davon profitierte. Das passierte laut al-Khalili vor allem durch die „Entdeckung griechischer und arabischer Texte sowie ihrer Übersetzung ins Lateinische, genau wie islamische Gelehrte vorher die Werke der griechischen Antike, die in Vergessenheit geraten waren, wiederentdeckt hatten“. Von Bedeutung sei vor allem gewesen, dass die Wissenschaftler der Renaissance durch die Eroberung Spaniens Zugang zu Wissensschätzen wie den Bibliotheken von Toledo, Córdoba und Granada erhielten.
Wo sind die Frauen?
Eng verknüpft mit dem Goldenen Zeitalter des Islams ist auch die Geschichte der Frauen. Al-Khalili lässt die Beiträge der muslimischen Frauen zu den wissenschaftlichen Errungenschaften allerdings unerwähnt. So lässt er die die Tunesierin Fatima al-Fihri, Gründerin der ersten Universität der Welt, die bis heute in Fez in Marokko besteht, außer Acht. Der Bau der Al-Quarawiyyin-Moschee und Universität wurde im 9. Jahrhundert von al-Fihri geplant und finanziert. Sie hatte ein breites Spektrum an Studienrichtungen zu bieten, von islamischem Recht bis hin zu Botanik, Logik, Mathematik, Literatur, Physik, Griechisch und Latein. Es waren zwar vorwiegend Männer, die dort studierten, aber auch Frauen, die studieren wollten, hatten die Möglichkeit auf einer Galerie an den Lektionen teilzunehmen. Fatima al-Fihri studierte dort selbst islamisches Recht und Mathematik. Wohingegen in Europa die Frauen erst zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert zum Studium zugelassen wurden.
Muslimische Frauen waren in vielen theologischen und wissenschaftlichen Disziplinen tätig, waren Mäzeninnen oder Sufi-Meisterinnen, Dichterinnen, Herrscherinnen und Kriegsherrinnen, die ihre männlichen Zeitgenossen auf allen Ebenen herausforderten und auch von ihnen bewundert wurden. Der bedeutende Mystiker und Philosoph Ibn Arabi zählte drei Frauen zu seinen größten Lehrmeisterinnen. Das Wissen über diese Frauen ist ebenso verschüttet.
Die marokkanische Soziologin Fatima Mernissi hat sich in ihren zahlreichen Büchern viel mit diesen vergessenen Frauenfiguren beschäftigt und sie wieder zum Leben erweckt. Wie zum Beispiel Ghalia al-Wahhabia, über die Mernissi in ihrem Buch „Die Sultanin - Die Macht der Frauen in der Welt des Islam“ berichtet. Ghalia führte im heutigen Saudi Arabien „eine bewaffnete Widerstandsbewegung an, die sich zum Ziel gesetzt hatte, Mekka gegen jede Fremdherrschaft zu verteidigen“. Ghalia erhielt demnach den Titel amira. Amir ist unter anderem die traditionelle Bezeichnung der Feldherrenwürde. „Ghalias Kriegsgegner waren von ihrer Kühnheit und ihrem strategischen Geschick so beeindruckt, dass sie an Zauberkräfte glaubten“, so Mernissi.
Die Autorin erzählt auch von Sayyida al-Hurra, die durch ihre exzellente Ausbildung in Religions- und Rechtswissenschaft, Sprachen und Militärtaktik – und nach ihrer Heirat mit Moulay Ali Al-Mandri, dem Gouverveur von Tétouan in Marokko – zu einer mächtigen Herrscherin aufstieg. Sie verteidigte Nordafrika, das westliche Mittelmeer und den östlichen Atlantik gegen die Angriffe der Spanier und Portugiesen. Dabei bediente sie sich der Piraterie und kollaborierte mit dem osmanischen Seeräuber Barbarossa.
Dennoch war es keineswegs so, dass die muslimischen Frauen in der damaligen Zeit in einem gleichberechtigten Paradies lebten. Die Misogynie – also Frauenfeindlichkeit – war ebenso virulent wie in den meisten Regionen der Welt. Doch der Islam gab den Frauen Instrumente zur Emanzipation an die Hand.
Die berühmteste und einflussreichste sufistische Heilige und Poetin war Rabi‘a al-Adawiyya, die im 8. Jahrhundert lebte. „Ihre Schriften sind Teil der frühen sufistischen Philosophie und haben muslimische Mystiker über die Jahrhunderte hinweg inspiriert, darunter Berühmtheiten wie al-Ghazzali oder Farid al-Din al-Attar,“ schreibt Tamara Albertini in einem Kapitel über Leben und Werk von al-Adawiyya im Sammelband „Women Philosophers from Non-western Traditions.“ Laut Albertini wies Rabi‘a ihre männlichen Zeitgenossen mit ihrer scharfen Zunge regelmäßig in die Schranken und war überzeugt davon, dass die weibliche Spiritualität der männlichen bei weitem überlegen sei. „Rabi’a ist sehr klar: es sollte nur einen Anreiz für gute Taten geben: nicht die Hoffnung auf Belohnung, nicht die Angst vor der Bestrafung, sondern die Liebe Gottes, was sie (…) als das charakteristische Merkmal der weiblichen Spiritualität ansah“, so Albertini.
Die öffentliche Teilhabe der muslimischen Frauen beschränkte sich dabei nicht auf die Zeitspanne des Goldenen Zeitalters. Sie begann schon viel früher, zur Zeit des Propheten Mohammed.
Eine Vergangenheit, zwei Sichtweisen
Sayyid Qutb, der Ideologe der radikalen ägyptischen Muslimbruderschaft, wie auch seine Brüder im Geiste berufen sich auf die glorreiche Zeit des Propheten Mohammed und auf zahlreiche mittelalterliche Koran-Exegeten und Rechtsgelehrte, um ihren „wahren Islam“ zu belegen und zu rechtfertigen. Dabei werden viele Tatsachen ignoriert. So war das Verhältnis zwischen Mann und Frau zur Zeit des Propheten keineswegs so, wie es sich Konservative heute vorstellen.
„Die Beziehungen zwischen und Männern und Frauen waren viel natürlicher und viel praktischer zur Zeit des Propheten,“ erklärt Dr. Omaima Abou-Bakr, Professorin für englische und vergleichende Literaturwissenschaften an der Universität Kairo und Gründungsmitglied des „Women and Memory Forum“ in Kairo im Gespräch mit Multipolar. „Die Idee der Geschlechtertrennung kam erst viel später.“
So ist heute kaum bekannt, dass unter den engsten 62 Gefährten, die Prophet Mohammed die Treue schworen, auch zwei Frauen waren. Eine davon war Nusaybah bint Ka'ab, die in den zahlreichen Schlachten, die die Muslime damals bestreiten mussten, sowohl Verletzte versorgte, wie viele andere Frauen zu der Zeit, als auch aktive Kämpferin war. Nusaybah bint Ka'ab tat das mit großem Mut in den Schlachten von Alhudaybiyah, Uhud und Khaybar, wie in einem wissenschaftlichen Artikel von Ibtesam Abdul Aziz Bajri und Nada Abdulmajeed Lashkar von der Universität Jeddah nachzulesen ist. Zudem war sie eine Expertin des Korans und unterrichtete viele Frauen in den islamischen Prinzipien.
In der Schlacht von Uhud agierte Nusaybah bint Ka'ab sogar als menschlicher Schutzschild für den Propheten, als viele männliche Zeitgenossen bereits die Flucht ergriffen hatten. „Wohin ich mich auch immer drehte, nach links oder rechts, ich sah, wie sie für mich kämpfte,“ wird der Prophet in einem der zahlreichen Hadithe (Aussprüche des Propheten) über diese Schlacht und Nusaybah bint Ka'ab zitiert. In einer der Schlachten verlor sie einen Arm und zwei ihrer Söhne.
Fatima Mernissi, war eine der ersten, die die islamische Geschichte nach Hinweisen auf einen frühen egalitären Islam durchforstete. In ihrem Buch „Der politische Harem - Mohammed und die Frauen“ legt sie mit Hilfe islamischer Quellen, wie den Hadithen oder arabischen Historikern, dar, wie Frauen zu Prophet Mohammeds Zeiten integraler Bestandteil des politischen und gesellschaftlichen Lebens waren. Wie in der Moschee damals Männer und Frauen Seite and Seite beteten und nach dem Freitagsgebet gemeinsam gesellschaftliche und politische Belange diskutierten.
Mernissi zitiert die Lieblingsfrau Mohammeds, Aischa, wie sie davon berichtet, wie ungezwungen der Prophet damit umging, wenn sie ihre Periode hatte. Sie half ihm trotzdem bei der Gebetswaschung und trug für ihn seinen Gebetsteppich in die Moschee. Mernissi berichtet, wie Aischa die frauenfeindlichen Hadithe eines gewissen Abu Hurayra kritisierte, die allesamt mehr Dichtung als Wahrheit enthielten. Die Hadithe, die von Abu Hurayra überliefert wurden, zählen heute zum Kanon der „sahih“ Hadithe also der richtigen und vertrauenswürdigsten Hadithe.
Für Mernissi und andere progressive Musliminnen und Muslime ist es erwiesen, dass „Muhammad in Medina den Islam vor allem als eine egalitäre Religion verstanden hat“. Ihr Medina ist eine Gesellschaft, „in der Muhammad Frauen wie Umm Waraqa zu geistlichen Führerinnen der Umma“ bestimmt hat, in der bisweilen „der Prophet selbst von seinen Frauen öffentlich zurecht gewiesen“ wurde und in der Frauen wie Aischa und Umm Salama „nicht nur religiöse, sondern auch politische und – mindestens in einem Fall – auch militärische Führungsaufgaben übernahmen,“ fasst Islamwissenschaftler Reza Aslan die Forschungsergebnisse der modernen muslimischen Frauenbewegung zusammen.
In Umm Salama sieht die Philosophie-Professorin Tamara Albertini sogar eine wahre Feministin. Albertini zitiert Mernissi und schreibt, Umm Salama wäre eine Sprecherin für die Frauen gewesen und habe den Propheten gefragt, warum der Koran die Frauen nicht erwähnt, warum Frauen nicht erben können und in den Krieg ziehen können und warum Frauen keine Mitsprache in den sexuellen Praktiken in der Ehe haben. Allesamt Fragen, die dann von Gott über koranische Verse beantwortet worden wären.
Dr. Omaima Abou-Bakr hat bei ihren eigenen Forschungen festgestellt, dass es neben Rābi‘a al-‘Adawiyya sehr viele weitere selbstwusste muslimische Mystikerinnen und religiöse Gelehrte während der Zeit Mamluken in Ägypten gab, die ebenfalls hoch verehrt waren und kreuz und quer durch die islamische Welt reisten, um ihr religiöses Wissen zu verbreiten und männlichen Kollegen die Stirn boten. Damals war es für diese Frauen selbstverständlich, Männer und Frauen in Halaqas (religiösen Studienzirkeln) zu unterrichten und auch religiöse Rechtsgutachten (Fatwas) auszustellen. „Die Fatwas von Frauen hatten genauso hohen Stellenwert wie die von Männern. Da wurde kein Unterschied gemacht. Generell war das Ausstellen von Fatwas während mamlukischer Zeit sehr informell und wurde für alle alltäglichen Belange, wie zum Beispiel Streit um ein Stück Land oder Ähnliches, von jedem in Anspruch genommen“, erklärt Abou-Bakr im Gespräch mit Multipolar.
Geändert habe sich das mit der Machtübernahme des osmanischen Reiches und der Etablierung der hohen Pforte. Damit wurden Religion und Rechtssystem institutionalisiert und Frauen systematisch von Führungspositionen in religiösen Institutionen ausgeschlossen, so Abou-Bakr. Doch die informellen Zirkel blieben bestehen und religiös hoch gebildete Frauen wurden ungebrochen geachtet und verehrt. Selbst im osmanischen Rechtssystem waren Frauen nicht benachteiligt. Omaima Abou-Bakr schildert:
„In den Archiven hier in Kairo liegen die Gerichtsprotokolle aus späterer osmanischer Zeit. Diese Gerichtsprotokolle sind eine reiche Quelle, um das Leben von Frauen damals nachzuzeichnen. Meine Freunde, die Historiker sind, haben diese Gerichtsprotokolle durchforstet, was keine leichte Aufgabe ist. Meine Kollegen haben unendlich viele Geschichten von Frauen gefunden, die zu Gericht gegangen sind und die Scheidung verlangten, oder sich beschweren, dass ihr Mann sie schlägt oder ihnen die Brautgabe nicht bezahlt oder was auch immer. Meine gute Freundin, die dort geforscht hat, hat zu mir gesagt: ‚Es gab so wahnsinnig viele Frauen, die zu Gericht gegangen sind!‘ Sie haben diskutiert und gestritten, zum Teil mit sehr lauter Stimme, um ihr Recht zu bekommen. Frauen hatten also den Mut zu Gericht zu gehen und ihr Recht einzufordern anstatt zu Hause zu sitzen und zu weinen. Und sie gingen alleine, ohne einen männlichen Begleiter oder Vormund, sie waren eigenständige Rechtspersonen.“
Diese Rechtspraktik war nicht auf das osmanische Ägypten beschränkt, sondern war im gesamten islamischen Reich üblich. Tesneem Alkiek beschreibt in ihrem Artikel „Martial Harm through the Ages“ den Fall einer jungen Frau im Jahr 1117, die in Al-Andalus in der Nähe des heutigen Lissabon lebte, während die iberische Halbinsel unter muslimischer Herrschaft stand. Die junge Frau Raqi wurde von ihrem Ehemann gequält und geschlagen. Er versuchte sie so zu einer Scheidung zu drängen, bei der sie auf alle ihre Ansprüche verzichten würde. Im Arabischen „Khul“ genannt. Doch Raqi kannte ihre Rechte. Sie zog vor Gericht und gewann. „Denn wenn ein Ehemann seine Ehefrau schädigt, hat sie das Recht sich scheiden zu lassen und ihre Brautgabe zu behalten,“ urteilte Richter Ibn Rushal-Jadd, der Großvater des berühmten Philosophen Ibn Rushd. In Europa und den USA war es für Frauen bis lange in die Neuzeit hinein undenkbar ihren eigenen Ehemann zu verklagen, geschweige denn, als eigene Rechtspersönlichkeit vor Gericht anerkannt zu werden.
Was nun?
Prophet Mohammed strebte eine egalitäre Gesellschaft an und träumte, laut Fatima Mernissi, von einer freien Gesellschaft basierend auf islamischen Prinzipien, in der Frauen auch ohne Schleier unbehelligt leben konnten. Den hatten Mohammed und der Koran laut Mernissi damals nur zum Schutz vor den Belästigungen der Männer für die neu konvertierten Frauen verordnet. Denn damit waren sie als Musliminnen erkennbar und nicht als Sklavinnen oder andere „Jahiliya-Frauen“, die als Freiwild galten. Der Schleier war damals keineswegs ein religiöses Gebot, so wie er heute von den meisten verstanden wird. Doch diese Idee Mohammeds einer freiheitlichen, demokratischen, islamischen Gesellschaft schaffte es nur in geringem Maße über seinen Tod hinaus bestehen zu bleiben.
Während der Islam Frauen viele Rechte einräumte, ihnen umfassende Bildungsmöglichkeiten und Zugang zu einem großen Wissensschatz ermöglichte und den Menschen generell als oberstes Prinzip das Erlangen von Wissen verordnete, blieben über die Jahrhunderte die frauenfeindlichen patriarchalen Strukturen aufrecht, wurden teilweise verstärkt, mit zahlreichen kriegerischen Gewaltakten angereichert und gipfelten im „radikalen Islam“ der Neuzeit. Aber sind die Auswüchse einer patriarchalen Gewaltreligion wirklich das Wesen des Islam?
Die muslimische Frauenbewegung der Neuzeit widerspricht. „Im Gegensatz zu vielen Feministinnen, glaube ich, dass der Koran nicht nur egalitär ist, sondern auch anti-patriarchal“, schreibt die Islamwissenschaftlerin Asma Barlas, die mit ihrem Buch „Believing Women in Islam“ vielen Musliminnen die Last ihrer eigenen Religion von den Schultern genommen hat. Barlas plädiert für eine neue Interpretation des Koran, frei von den frauenfeindlichen Traditionen der Koranauslegung der letzten Jahrhunderte. Die Misogynie im Islam komme vor allem von außerkoranischen Quellen, den Tafsir (Koraninterpretationen der mittelalterlichen Gelehrten) und den Hadithen, schreibt Barlas in ihrem Buch. Laut ihr würden einige Muslime sogar behaupten, dass externe Quellen für die Interpretation des Koran sehr stark zu hinterfragen seien und dass man das ganz unterlassen sollte. Ein Tabubruch für ultraorthodoxe Muslime. Denn die Hadithe und die Tafsir sowie die Sunna (Lebenspraktiken, Worte und Taten des Propheten) gelten neben dem Koran als die Hauptquellen des Islam.
„Nach dem Tod des Propheten, dienten vor allem die Hadithe als Richtschnur für die politische Herrschaft von Ländern, die kulturell, strukturell etc. extrem divers waren. Man hat also keinen starren Islam übergestülpt, sondern so gut wie möglich versucht, existierende Werte, Normen, Ideen, Praktiken zu integrieren. So wurde in Frauendingen der Koran nach bereits existierenden sozialen Normen und Werten interpretiert. So hat auch die Sharia (islamische Rechtssprechung, Anmerkung) teilweise dem Koran widersprochen, um den gemeinschaftlichen Konsens nicht zu gefährden. Muslimische Herrschaft zeichnete sich also nicht durch Zwang und Gewalt aus, sondern durch das Vertrauen auf den Konsens. Ein Pluralismus, der für Frauen repressiv war. Viele der Ideen und Gebräuche, die mit der arabischen und mediterranen Kultur assoziiert wurden, aber auch mit dem Judentum und dem Christentum, verkörperten eine tiefsitzende Misogynie, die Teil des islamischen Diskurses über Frauen wurde. Im Besonderen mit der Bibel verbundene Traditionen, die ihre symbolischen Bilder über die fehlerhafte weibliche Natur beinhalteten, wurden nahtlos in das islamische Rahmenwerk integriert.“
So beschreibt Barlas eine weitere historische Entwicklung, die zu dem frauenfeindlichen Islam führte, mit dem wir es heute zu tun haben. Wie kam es jedoch dazu, dass die islamische Welt neben ihrem fortschrittlichen Denken in Bezug auf Frauenrechte auch das reiche wissenschaftliche Erbe und damit seine politische Vormachtstellung verlor?
Einige geben den Kreuzzügen und schließlich dem Kolonialismus nach dem 1. Weltkrieg die Schuld an der Misere. Doch das ist nach dem Urteil mancher Historiker nicht haltbar. Peter Feldbauer und Michael Mitterauer schreiben in ihrem Aufsatz „Die Kreuzzüge-Hintergründe und Auswirkungen“, dass, wenn man sich die Epoche der Kreuzzüge und deren Auswirkungen in den islamischen Regionen ansehe, „trotz der Fragmentierung des riesigen Reiches der Abbasiden keine Rede von einer schweren Krise oder gar Auflösung der staatlichen Ordnung“ sein könne. „Der prekäre Zustand der arabisch-islamischen Reiche zur Zeit der endgültigen Vertreibung der Franken aus Palästina hat nichts mit dem Krieg des Papstes und seiner Kreuzritter zu tun, wohl aber mit dem Zerfall des Seldschukenreiches, dem endgültigen Sturz des Kalifats in Bagdad infolge der Mongoleninvasion und wahrscheinlich auch der erfolgreichen Handelsexpansion des italienischen Kaufmannskapitals im gesamten Mittelmeerraum.“
Al-Khalili führt noch einen weiteren Aspekt ins Treffen. „Ein gewichtiger Faktor war der Widerwille der muslimischen Welt und insbesondere des Osmanischen Reiches, die Druckerpresse schnell genug einzuführen,“ schreibt al-Khalili. Das Problem war die arabische Schrift, die sehr schwierig war in „Gestaltung und Guss“ exakt wiederzugeben. Und es herrschte eine Abneigung dagegen, weil der Buchdruck der Kalligraphie Konkurrenz machte, die laut al-Khalili Teil der kulturellen Identität war.
Dennoch, das alte Wissen wird langsam wiederentdeckt und fließt in aktuelle Forschungsprojekte ein, wie auch eine ARTE-Dokumentation aktuell aufzeigt.
Der Islam, wie er in der heutigen Zeit wahrgenommen und gelebt wird, ist das Ergebnis von komplexen historischen und gesellschaftlichen Entwicklungen sowie Missinterpretationen der religiösen Literatur. Der historische Abriss zeigt, dass das Wesen des Islam keineswegs auf „Fundamentalismus“ und die eindimensionale Übersetzung des Begriffs „Islam“ mit „Unterwerfung“ reduziert werden kann, wie es auch der französische Schriftsteller Michel Houllebecq in seinem gleichnamigen Roman tat.
Liberale Musliminnen und Muslime haben bereits eine Bewegung in Gang gesetzt, die die herkömmlichen Interpretationen und Praktiken hinterfragen und einer fundamentalen historischen Kritik unterziehen. Einige, wie der syrische Intelektuelle Mohammad Shahur, gehen noch weiter und brechen das grundsätzliche Selbstverständnis des Islams und der Muslime auf:
„Die enge Definition von al-islam, die sich nur auf die Gebete, die wohltätigen Spenden (Zakat), Fasten und die Pilgerreise beziehen, entfernen sich so von den fundamentalen Lehren des Buches. Zu sagen, dass Allah nur eine religiöse Gemeinschaft (und ihre spezifischen Riten) billigt, also den Islam in seinem engen konventionellen und historischen Sinn, widerspricht Allahs Vorstellung von al-islam als einer Religion, die in der menschlichen Natur angelegt ist (al-fitra al-insaniyya) und die Allah seiner gesamten Schöpfung verliehen hat.“
Über die Autorin: Liza Ulitzka, Jahrgang 1981, hat in Wien Kultur- und Sozialanthropologie mit Schwerpunkt auf den arabischen Raum studiert. 13 Jahre lang arbeitete sie als Reporterin und Chefin vom Dienst in der Nachrichtenredaktion des österreichischen privaten TV-Senders PULS4 (ProSiebenSat.1 Österreich). Rund drei Jahre lang war sie als freie Journalistin in Ägypten/Kairo tätig, wo sie für deutsche und österreichische Medien von den Umbrüchen nach dem arabischen Frühling berichtet hat. Seit 2020 ist Liza Ulitzka freie Journalistin und lebt in Wien. Sie ist Herausgeberin der Zeitschrift „Die Krähe“.
Titelbild: Jean-François Portaels, „Femme oriental“, 1877
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