„Dieser Weg führt nur zu weiterem Zerfall“
ÉVA PÉLI, 19. März 2026, 2 Kommentare, PDFMultipolar: Herr Stier, Ungarn war zur Zeit des Mauerfalls ein enger Alliierter des Westens, hat den Fall des Eisernen Vorhangs durch seine Grenzöffnung 1989 sogar initiiert. Einigen Darstellungen zufolge wurde dies durch westliche Kredite motiviert. Im Westen wird heute oft mit Unverständnis gefragt, wie eine EU-skeptische Sicht in Ungarn mehrheitsfähig werden konnte – und damit jemand wie Viktor Orbán. Was würden Sie entgegnen?
Stier: Schon die Formulierung der Frage zeigt, wie wenig der Westen Ungarn und Mitteleuropa versteht. Zunächst einmal: Die westlichen Kredite waren 1989 zwar willkommen, aber die ungarische Regierung öffnete die Grenzen nicht deswegen. Viele im Westen dachten damals wie heute, man könne diese Länder einfach kaufen. Dem ist nicht so! Gut drei Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs sollte man die Länder an der Peripherie der Europäischen Union endlich als gleichberechtigte Partner akzeptieren. Es gibt für Westeuropa keinen Grund mehr, auf diese Region herabzusehen. Die Löhne sind zwar niedriger, doch in vielerlei Hinsicht sind diese Länder bereits lebenswerter als jene westlich der Leitha. Vergessen wir nicht: Aus genau diesem Grund könnten die wesentlich rationaler denkenden Mitteleuropäer inmitten der aktuellen Krise die Retter Europas sein. Zumindest könnten sie neue Impulse geben, um aus dieser vielschichtigen Krise herauszukommen.
1989 blickten die Ungarn sehnsüchtig nach Westen. Sie hofften, nach Jahrzehnten der Fehlentwicklung in die ursprüngliche historische Spur zurückzufinden und ihr Leben grundlegend zu verändern. Das geschah auch. Doch mit der über uns hereinbrechenden Freiheit und dem Warenüberfluss kam auch die Kehrseite des Kapitalismus: eine dramatische Zunahme der sozialen Unterschiede. Ernüchternd wirkte zudem, wie der Westen diese Länder, die die europäische Integration als Erlösung sahen, im „Vorzimmer“ warten ließ. In die NATO hingegen wurden die Visegrád-Staaten schnell hineingezogen, weil es dem westlichen Interesse entsprach. Kurz nach dem EU-Beitritt begann sich zudem Europa selbst zu verändern. Heute kämpft es mit einer schweren, tiefgreifenden Krise. Diese Ernüchterung – ich würde es nicht EU-Skeptizismus nennen – war einerseits ein natürlicher Prozess. Andererseits wurde sie durch die europäische Krise verstärkt. Man könnte sagen: Nicht die Ungarn haben sich grundlegend verändert, sondern Europa selbst. Die EU schlittert derzeit auf den Abgrund zu. Wer darauf hinweist, wird vom Mainstream schnell als EU-Skeptiker abgestempelt. Wer sich gegen die Brüsseler Führung stellt, die Fehler auf Fehler häuft, wird zum Paria.
Dabei ist Orbán nicht gegen die EU. Er denkt in Kategorien eines starken Europas, während die Europäische Union unter der aktuellen Führung schwächer wird. Der Stil der ungarischen Politik und der Ton der Kritik mögen manchmal provozieren. Dennoch hat Orbán in vielen Punkten recht. Er hatte etwa 2016 recht, als er den falschen Umgang mit der Migration kritisierte. Übrigens ist auch die ungarische Gesellschaft nicht EU-skeptisch. Die entscheidende Mehrheit ist für die Mitgliedschaft. Viele stellen sich die Zukunft der EU nur – genau wie Orbán – anders vor. Man sollte darüber nachdenken, dass Stigmatisierung statt ernsthafter Debatten nirgendwohin führt. Brüssels Haltung gegenüber Orbáns Ungarn stellt der EU selbst kein gutes Zeugnis aus. Man sollte über Orbáns kritische Worte zumindest nachdenken, anstatt sie vom Tisch zu wischen. Dieser Weg führt nur zu weiterem Zerfall.
Multipolar: Kommen wir zur unmittelbaren Gegenwart: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat erklärt, die Ukraine-Milliarden „so oder so“ auszuzahlen – notfalls am ungarischen Veto vorbei. Budapest hingegen fordert ultimativ die Wiederaufnahme der Öllieferungen über die Druschba-Leitung. Wie stichhaltig ist aus Ihrer Sicht Kiews Argument eines rein technisch bedingten Transitstopps? Und wie plausibel ist demgegenüber die Annahme, hier wurde mit Brüsseler Rückendeckung ein Druckmittel gegen Ungarn aufgebaut?
Stier: Kiew macht gar keinen Hehl daraus, dass es einen Sturz Viktor Orbáns bei den Wahlen im April herbeiwünscht. Selenski verplappert sich immer wieder. Dabei wird deutlich, dass Kiew die Pipeline gar nicht wieder in Betrieb nehmen will. Dann spricht er von einer Reparaturdauer von anderthalb bis zwei Monaten. Das bedeutet: Er will den Transit auf jeden Fall bis nach den Wahlen zurückhalten. Gleichzeitig verweigert er Experten aus der Slowakei, Ungarn oder der EU den Zugang zum Ort des angeblichen Defekts. Es handelt sich eindeutig um politische Erpressung. Die Druschba-Pipeline ist betriebsbereit, die Leitung selbst wurde gar nicht getroffen. Hinter den technischen Gründen verbergen sich politische Motive. Die ukrainische Führung tut mit stillschweigender Unterstützung Brüssels alles für eine Absetzung Orbáns. Zudem will sie den Import russischer Energieträger nach Europa endgültig stoppen. In dieser Frage genießt Kiew auch die stillschweigende Unterstützung aus Washington.
Kiew nutzt den russischen Drohnenangriff auf die Pipeline bei Brody aus, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Als Reaktion darauf haben Ungarn und die Slowakei ihre Dieselexporte in die Ukraine eingestellt. Budapest blockiert zudem die Auszahlung eines 90-Milliarden-Militärkredits für Kiew und droht mit einem Veto gegen das 20. Sanktionspaket gegen Russland. Anstatt das Problem zu lösen, grübelt die EU darüber nach, wie sie das ungarische Veto umgehen kann. Brüssel assistiert Kiew bei diesem zynischen Spiel und verletzt dabei seine eigenen Regeln. Man stellt sich auf die Seite eines Nicht-EU-Landes gegen zwei eigene Mitgliedstaaten. Der Sturz Orbáns ist Brüssel wichtiger als die eigenen Prinzipien. So weit ist ein Europa gekommen, das zur Geisel des Ukraine-Konflikts geworden ist. Selenski erpresst – das gefällt Brüssel momentan. Doch Brüssel wird Augen machen, wenn er dasselbe später gegenüber der EU tut. Auch deshalb darf man die Ukraine nicht unvorbereitet in einem Schnellverfahren in die EU aufnehmen.
Multipolar: Sie verwenden für die aktuelle Entwicklung der EU häufig das Schlagwort der „Sowjetisierung“. Bezieht sich dieser Vergleich primär auf die Zentralisierung der Entscheidungsgewalt und die Aufweichung des Vetorechts? Oder sehen Sie darüber hinausgehende Parallelen zwischen einer heutigen ideologischen Uniformität und der staatlich verordneten Gleichschaltung im Ungarn der 1980er-Jahre?
Stier: Ich hätte 1990 nicht gedacht, dass mich Prozesse im Westen jemals an das sowjetische System erinnern würden. Die Zensur in den sozialen Medien und der klassischen Presse funktioniert mithilfe moderner Technologien immer perfekter. Das weckt leider Erinnerungen an vergangene Zeiten. Die Welt findet sich langsam in einem digitalen Gefängnis wieder – das lässt eine traurige Zukunft erahnen. Was die EU betrifft: Die schleichende Gesetzgebung, das Verkümmern des Vetorechts und die immer massivere Zentralisierung lassen die Führungsgremien der Union immer mehr dem Zentralkomitee der Partei ähneln. Hinzu kommen die gewaltsame Verdrängung alternativer Gedanken, die Intoleranz gegenüber Meinungen, die vom Mainstream abweichen, oder auch das Verbot von allem, was russisch ist. Genau so, wie in der Sowjetzeit alles Westliche verboten war. Auch die mit revolutionärem Eifer vorangetriebene grüne Transformation ordne ich hier ein. Wegen dieser mit revolutionärem Feuer erzwungenen Ausschließlichkeit spreche ich oft von „Liberalbolschewismus“ – dies ist jedoch nur ein Element der tiefen Krise, in der sich das Modell der liberalen Demokratie angelsächsischer Prägung befindet.
Multipolar: US-Präsident Donald Trump und sein Außenminister Marco Rubio signalisieren Budapest demonstrative Rückendeckung. Dient das „Modell Orbán“ in Washington vielleicht sogar als Blaupause für eine konservative Umgestaltung?
Stier: Das Orbán-Modell ist der Gegenpol zum globalistischen, progressiven westlichen Mainstream. Politisch ist es durch die Betonung der Souveränität, durch Konnektivität, politischen Realismus und die effektive Durchsetzung nationaler Interessen definiert. Ideologisch setzt es auf konservative und traditionelle Werte: Nation, Familie und christliche Prinzipien. Diese Position öffnet Türen von Washington über Peking und Istanbul bis nach Moskau. Gleichzeitig macht sie das Verhältnis zu Regierungen unter dem Einfluss des westlichen Mainstreams extrem gespannt.
In gewisser Weise hat Orbáns Konservatismus und Realismus die Vorstellungen Trumps nicht nur gestärkt, sondern diesem politischen Kurs auch ein Beispiel gegeben. Dasselbe gilt für die europäischen Konservativen, die Parteienfamilie der „Patrioten“. Man muss auch sehen: Trump betrachtet Orbán und die europäischen Patrioten als seinen europäischen Brückenkopf im ideologischen und geopolitischen Kampf gegen die Globalisten. Er nutzt diese Kräfte, um den Mainstream zu schwächen. Es überrascht daher nicht, dass die ungarische Wahl und Orbáns politische Zukunft eine Bedeutung haben, die weit über Ungarn hinausreicht. Ebenso wenig überrascht es, dass Trump und sein Team offen für Orbáns Wiederwahl eintreten, während der europäische Mainstream – unter anderem mit Hilfe Selenskis – alles für einen Regierungswechsel in Ungarn tut.
Multipolar: Doch diese Allianz steht derzeit vor einer Zerreißprobe: Während Trump auf maximale Konfrontation gegenüber dem Iran setzt, bemüht sich Budapest um Stabilität und offene Kanäle nach Teheran – nicht zuletzt wegen der Energiesicherheit. Gefährdet Trumps Eskalationskurs nicht den ungarischen Realismus, da er genau die wirtschaftliche Instabilität befeuert, die Orbán eigentlich bekämpfen will? Wie reagiert die ungarische Öffentlichkeit derzeit auf diesen Widerspruch?
Stier: Die Situation ist in der Tat ein Belastungstest für die ungarische Strategie der „Konnektivität“. Orbán hat Trump stets als den „Mann des Friedens“ gefeiert. Dass Trump nun militärisch gegen den Iran vorgeht, untergräbt dieses Narrativ und bringt Budapest in eine strategische Sackgasse. Ein neuer Krieg im Nahen Osten treibt die Energiepreise weltweit in die Höhe – das ist das Letzte, was die ungarische Regierung vor der Schicksalswahl am 12. April gebrauchen kann. In Budapest ist man daher tief besorgt. Orbán distanziert sich zwar nicht offen, aber er verschiebt den Fokus: Er betont nun umso lauter, dass Europa sich nicht in neue globale Konflikte hineinziehen lassen darf. In der ungarischen Öffentlichkeit wächst die Sorge, dass die einseitige Bindung an einen unberechenbaren Partner in Washington ihren Preis hat. Orbán versucht das Thema zu umfahren, indem er stattdessen vor neuen Migrationswellen warnt und umso vehementer das Ende der Russland-Sanktionen fordert, um die heimische Wirtschaft zu schützen. Es ist eine Flucht nach vorn.
Multipolar: Und wie reagiert sein Herausforderer Péter Magyar auf diese neue geopolitische Lage? Er verspricht eine Rückkehr in den europäischen Mainstream – würde das unter einer TISZA-Regierung auch eine Abkehr von der bisherigen ungarischen Nahost-Politik bedeuten?
Stier: Péter Magyar nutzt diese Situation in der Tat sehr geschickt aus. Für ihn ist der Iran-Konflikt die perfekte Vorlage, um Orbáns Narrativ vom „Friedensgaranten Trump“ zu zertrümmern. Magyar bezeichnet Orbán in seinen Reden nun oft als „Marionette“, die das Schicksal Ungarns leichtfertig in die Hände einer unberechenbaren US-Administration gelegt habe. Er positioniert sich als derjenige, der Ungarn zurück in die Sicherheit der europäischen Gemeinschaft führen will, anstatt das Land zum Brückenkopf für Trumps riskante Alleingänge zu machen. Inhaltlich bedeutet das jedoch keine radikale Kehrtwende in allen Punkten. Magyar weiß, dass die ungarische Bevölkerung Kriege und die daraus resultierenden Migrationswellen fürchtet. Er gibt sich daher ebenso besorgt wie die Regierung, schiebt die Schuld aber Orbáns „einseitiger Abhängigkeit“ zu. Eine TISZA-Regierung würde wohl versuchen, die Beziehungen zum Iran wieder stärker im Gleichklang mit Brüssel zu koordinieren, anstatt wie Orbán einen ungarischen Sonderweg zu gehen. Der Konflikt zeigt jedoch ein tieferes Problem: Während Orbán auf die „Karte Trump“ gesetzt hat, wettet Magyar auf die „Karte Brüssel“. In einer Welt, die gerade an beiden Enden brennt, versuchen beide, den Ungarn zu erklären, welcher Schutzschirm der stabilere ist.
Multipolar: Während Sie seit langem eine „realistische“ Ostpolitik fordern, setzt der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz auf eine noch engere transatlantische Bindung. Ist eine stabile europäische Ordnung ohne die dauerhafte Einbeziehung Russlands langfristig denkbar? Sie sprachen kürzlich von einem „geopolitischen Selbstmord“ Deutschlands.
Stier: Wir müssen die europäische Sicherheitsstruktur neu denken. Ohne Russland kann sie keine Stabilität bringen. Moskau hat dazu bereits im Dezember 2021 Vorschläge gemacht, die der Westen damals nicht einmal als Verhandlungsgrundlage akzeptierte. Jetzt, nach vier Jahren Krieg, müssen wir genau dorthin zurückkehren. Die europäischen „Willigen“ irrten sich in der Annahme, man könne Russland besiegen. Man kann es schwächen, doch Europa schwächt sich dabei mindestens ebenso sehr selbst. Ganz zu schweigen davon, dass Russland in vielerlei Hinsicht sogar stärker wird – was man von Europa derzeit nicht sagen kann. Einziger Ertrag des Krieges ist bisher die Erkenntnis, dass Europa seine Verteidigungsfähigkeit und strategische Autonomie stärken müsse.
Was Deutschland betrifft: Als Führungsmacht Europas sieht es derzeit so aus, als würde es den gesamten Kontinent mit sich in den Abgrund reißen. Als Ungar sehe ich die Verflechtung beider Volkswirtschaften. Als Europäer sehe ich das Abgleiten in die globale Peripherie. Ich kann nur hoffen, dass Deutschland aus seiner tiefen Krise herausfindet. Dazu muss es zum Realpolitik-Prinzip zurückkehren und deutsche sowie europäische Interessen schützen. Was Deutschland derzeit betreibt, ist geopolitisch betrachtet tatsächlich Selbstmord. Die europäische Führungsrolle steht langsam infrage. Sollte dieser Sturzflug anhalten, könnte der gesamte Kontinent unter der Antwort der Gesellschaft darauf erzittern. Die historische Erfahrung zeigt nämlich: Deutschland kann nicht „nur ein bisschen“ Fehler machen.
Das Problem ist nicht die Stärkung transatlantischer Bindungen – wobei dieses Verhältnis weniger unterwürfig sein könnte. Das Problem ist die Einseitigkeit und das Kappen der Beziehungen zu Russland. Die zunehmend militante Rhetorik von Merz macht die führende Macht Europas noch mehr zur Geisel des Ukraine-Konflikts. Das verheißt nichts Gutes. Es bestärkt mich in dem Gedanken, dass eine Erneuerung Europas nur über einen großen Zusammenbruch erfolgen kann. Der Mangel an strategischem Denken und die Fülle taktischer Fehler machen dieses ungewollte Szenario immer wahrscheinlicher.
Multipolar: Im April, Sie erwähnten es schon, stehen in Ungarn Wahlen an und Orbáns Herausforderer Péter Magyar hat laut Umfragen reale Erfolgschancen. Während er ein Ende der Blockaden gegenüber Brüssel verspricht, berichtete der SPIEGEL bereits vor geraumer Zeit über eine Unterstützung Magyars durch Manfred Weber, den einflussreichen EVP-Vorsitzenden und Vertrauten Ursula von der Leyens. Viktor Orbán tituliert seinen Gegner daher als „Mann Brüssels“. Existieren für diese Behauptung belastbare Belege? Ist die TISZA-Partei Ausdruck eines organischen ungarischen Wandels oder eher ein von außen forciertes Projekt?
Stier: Das Erscheinen und die Popularität der TISZA-Partei sind die Folge einer Ermüdung des Fidesz und der Fehler der letzten Jahre. In diesem Sinne ist die Bewegung von unten gewachsen und wird vom Wunsch nach Veränderung getragen. Besonders junge Menschen und die Mittelschicht in den Großstädten wollen ein neues Gesicht sehen. Es ist Ungarns Misere, dass der Wunsch nach Veränderung ausgerechnet von einer so unsteten und menschlich schwierigen Figur wie Péter Magyar kanalisiert wird – was selbst in den Reihen seiner Unterstützer für Unbehagen sorgt. Péter Magyar ist also kein reines Konstrukt. Er wird von persönlicher Rache und dem Drang nach Macht angetrieben. Das gesellschaftliche Bedürfnis nach Erneuerung hat ihn hochgespült. Dann erkannten externe Kräfte, die an einer „Beseitigung“ Orbáns interessiert sind, ihre Chance. Allen voran Manfred Weber bauen ihn nun bewusst auf und unterstützen ihn. In diesem Sinne ist er bereits ein europäisches Projekt und ein „Mann Brüssels“. Mit seiner geschmeidigeren Politik wird er dem europäischen Mainstream kaum in die Quere kommen.
Multipolar: Wie nehmen Sie zur Zeit die Stimmung in der ungarischen Bevölkerung wahr, unmittelbar vor der Wahl am 12. April?
Stier: Wir befinden uns mitten in einem Kampf, wie wir ihn lange nicht mehr erlebt haben. In dieser zugespitzten Auseinandersetzung ist es schwer, Meinungsumfragen zu glauben. Jede Seite kann gewinnen. Momentan hat der Fidesz vielleicht einen winzigen Vorsprung. Entscheidend wird sein, was stärker wiegt: Die Lust auf Neues und der Wunsch nach Erneuerung oder – in dieser von Unsicherheiten geprägten internationalen Lage – das Bedürfnis nach Stabilität und die Angst vor dem Unbekannten. Wir sprechen hier auch von einem Konflikt zwischen den Generationen.
Multipolar: Vielen deutschen Leserinnen und Leser ist Ihr Portal ‚Moszkvatér‘ (Moskauer Platz) noch unbekannt – oder weckt aufgrund des Namens sofort Vorbehalte. Sie sind ein Urgestein des ungarischen Journalismus, haben über Jahrzehnte das außenpolitische Ressort der traditionsreichen ‚Magyar Nemzet‘ geleitet und gelten als der letzte ungarische Korrespondent, der noch über umfangreiche Kontakte in Moskau verfügt. Ist ‚Moszkvatér‘ heute ein Ein-Mann-Betrieb, oder steht dahinter eine Redaktion, die mit den großen Medienhäusern konkurrieren kann?
Stier: Es ist kein Ein-Mann-Betrieb, aber wir sind ein kleines, hochspezialisiertes Team von Fachleuten und Enthusiasten. Wir haben uns bewusst gegen die Strukturen großer Medienhäuser entschieden, um die Traditionen des klassischen, tiefgründigen Journalismus fortzuführen. Wir sind kein Massenmedium für den schnellen Konsum. Wir kämpfen gegen den Klickzwang an. Dass wir den Namen eines Platzes in Budapest gewählt haben, der für viele Ungarn ein Symbol der Verbindung nach Osten ist, ist Programm. Wir folgen der realistisch-konservativen Schule – das ist in Zeiten der totalen Polarisierung ein Nischenprodukt, aber ein notwendiges, um den postsowjetischen Raum jenseits von Schlagworten zu verstehen.
Multipolar: Trotz Ihrer Nischenrolle bei ‚Moszkvatér‘ sieht man Sie ständig im ungarischen Fernsehen. Sie werden in Nachrichtenmagazine und Diskussionsrunden geladen, wenn es um Russland, die Ukraine oder Zentralasien geht. Kritiker werfen ihnen vor, die russische Sichtweise zu „normalisieren“ oder das Regierungsnarrativ Orbáns geopolitisch zu unterfüttern. Wie gehen Sie damit um?
Stier: Wer sich in keine der Informationsblasen flüchten will, hat es heute extrem schwer. Der Vorwurf, ich sei ein „Sprachrohr Moskaus“, ist absurd, wenn man meine gesamte Laufbahn betrachtet. Ich erkläre Machtmechanismen, ich werbe nicht für sie. Die Behinderung meiner Arbeit ist heute oft subtiler als klassische Zensur: Es ist die Verweigerung des Dialogs in den liberal geprägten Diskursräumen. Man wird nicht mehr widerlegt, man wird stigmatisiert.
Multipolar: Spüren Sie diese Ausgrenzung auch persönlich, etwa durch den Entzug von Informationen oder die Verweigerung von Akkreditierungen?
Stier: Ja, die Welt ist enger geworden. Wer am Waldai-Klub teilnimmt, wird im Westen oft sofort aussortiert, noch bevor man den ersten Satz gesagt hat. (Anmerkung der Redaktion: Der Waldai-Klub – offiziell: Valdai International Discussion Club – gilt als das wichtigste außenpolitische Diskussionsforum Russlands und wird oft als das „russische Davos“ bezeichnet.) An diese Stigmatisierung habe ich mich – wenn auch schwer – gewöhnt. Aber gerade weil ich einer der wenigen bin, die noch beide Welten von innen kennen, sehe ich es als meine Pflicht an, diese Kanäle offen zu halten. Wenn wir aufhören, die jeweils andere Seite in ihrer Logik zu verstehen – egal wie sehr wir sie ablehnen –, führen wir Europa direkt in den Abgrund. Eigentlich möchte ich nur, dass man mich als Journalisten arbeiten lässt und meine Analysen sachlich prüft, anstatt sie vorab mit Etiketten zu versehen.
Über den Interviewpartner: Gábor Stier, Jahrgang 1961, ist ein ungarischer Publizist. Er ist Fachjournalist für Außenpolitik bei der ungarischen Wochenzeitschrift ‚Demokrata‘ sowie Gründungschefredakteur von ‚Moszkvatér‘, einem Internet-Portal mit Schwerpunkt auf den slawischen Völkern, insbesondere den Länder der ehemaligen Sowjetunion. Davor war er 28 Jahre lang bis zu ihrer Auflösung bei der konservativen Tageszeitung ‚Magyar Nemzet‘ tätig, von 2000 bis 2017 als Leiter des außenpolitischen Ressorts. Er war der letzte Moskau-Korrespondent der Zeitung. Seit 2009 ist er ständiges Mitglied des Waldai-Klubs.
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