„Die junge Generation macht mir Hoffnung“
SUSANNE WOLF, 21. August 2026, 2 Kommentare, PDFMultipolar: Frau Maier, seit wann machen Sie diese Arbeit?
Maier: Seit 2008. Ich habe mich schon von Anfang an auf Theaterstücke für Teenager und Jugendliche zu gesellschaftlichen Problemthemen spezialisiert, dafür schlägt einfach mein Herz. Meine Stücke schreibe, inszeniere und spiele ich selbst, zu den Themen, die mir selbst unter den Nägeln brennen. Zusammen mit meinem kleinen Team gehe ich dann deutschlandweit in Schulen, Kirchen, Jugend- und Kulturzentren und spiele dort für die Jugendlichen. Insgesamt haben wir auf diese Weise schon knapp 1.700 Aufführungen gespielt.
Multipolar: Welche Themen verarbeiten Sie in den Stücken?
Maier: Es geht zum einen um typische Problemthemen, mit denen Teenager in ihrem Alltag konfrontiert sind, wie Mobbing, Gewalt an Schulen oder Smartphonesucht, aber auch um größere, gesellschaftskritische Themen, zum Beispiel digitale Überwachungsgesellschaft, globale Ungerechtigkeiten und Nord-Süd-Gefälle, oder ganz aktuell um Krieg und Frieden. Im Anschluss an die Aufführung leite ich dann jeweils noch eine thematische Publikumsdiskussion mit den Jugendlichen.
Multipolar: Woher nehmen Sie Ihre Ideen?
Maier: Zum einen habe ich einfach eine übersprudelnde Fantasie, ich denke und träume immer wild und farbenfroh. Aber meine beste Eigenschaft ist meine unbändige Neugier, auf Menschen und ihre Geschichten. Vor meiner Theaterausbildung habe ich fünf Jahre als Journalistin gearbeitet. Aus dieser Zeit habe ich mir eins mitgenommen: Wenn mich ein Thema interessiert, buddle ich mich richtig hinein, recherchiere tief und gründlich, frage kritisch nach, und suche immer nach den „Geschichten hinter der Geschichte“ – die vielen kleinen unerzählten menschlichen Tragödien oder auch Komödien, die sich hinter der anonymen Schlagzeile verbergen.
Multipolar: Ihre ganz eigene „Geschichte hinter der Geschichte“ fand ja während der Corona-Zeit statt.
Maier: Ja. Wie alle Künstler und Kulturschaffenden hatten auch mich die Corona-Maßnahmen hart getroffen. Theateraufführungen waren verboten, die Schulen waren geschlossen. Ich musste mein komplettes Ensemble – zu der Zeit 8 Menschen – entlassen und mein Theater dichtmachen. Mein Betrieb war letztendlich fast vier Jahre lang geschlossen und ich wusste nicht, ob ich ihn je wieder eröffnen könnte.
In dieser Zeit war ich fast am Verzweifeln und konnte diese Kälte, die Enge und die Isolation in Deutschland einfach nicht mehr ertragen. Arbeitslos war ich durch die Theaterschließung ja sowieso. Deshalb nahm ich irgendwann einfach meinen ganzen Mut zusammen, setzte mich ins nächstbeste Flugzeug, und reiste letztendlich 2 Jahre lang quer um die Welt – allein, nur mit zwei Koffern und ganz wenig Geld. Mit klapprigen Bussen durch die Anden und die tansanische Steppe, mit einem halsbrecherischen Propellerflugzeug durch den Himalaya, aber auch in einem hypermodernen Schnellzug quer durch China. Ich habe mit Indios im Amazonas gelebt und mit Massai im afrikanischen Busch, habe in der Sahara übernachtet, mich mit Straßenmusik durchgeschlagen, den Kilimandscharo und den Mount Everest bestiegen, und bin vor allem tief in fremde Kulturen und außereuropäische Lebens- und Denkweisen eingetaucht. Und an jedem Ort habe ich Freunde gefunden.
Dieser erzwungene Ausstieg aus meinem Hamsterrad war letztendlich das Beste, was mir passieren konnte. Es hat mir einen ganz neuen, freien Horizont eröffnet und meinen Charakter geformt, hat mich mutiger, freier und weltoffener gemacht. 2024 bin ich dann zurückgekehrt und habe mein Theater wiedereröffnet.
Multipolar: Zur Zeit zeigen Sie das Stück „Frieden – wie geht das?“. Worum geht es?
Maier: Das Thema Frieden liegt mir seit einigen Jahren besonders am Herzen. Deshalb habe ich vor zwei Jahren das Theaterstück „Frieden – Wie geht das?“ geschrieben und seitdem rund 100 Mal aufgeführt, quer durch Deutschland, aber auch im Ausland, zum Beispiel in Italien, Österreich und Georgien. Ich gehe darin der Frage auf den Grund, wie wir in Frieden zusammenleben können, sowohl global, als auch auf dem Schulhof und in unseren nächsten Beziehungen. Ich nenne es eine „Live-TikTok-Show“, denn es ist eine schnelle, bunte Collage aus Theaterszenen, Songs, Videoclips und Vorträgen. Es ist als Ein-Frau-Show aufgezogen, das heißt, ich spiele solo und interagiere live mit einer großen Videoleinwand. Es geht um zwei große Themenfelder: Einerseits Frieden in der Schulklasse und andererseits Frieden und Krieg global am Beispiel des Ukraine-Kriegs. Die Frage „Welche Lösungen könnte man in der Schulkasse finden?“ wird dann gespiegelt auf die Weltlage.
Multipolar: Wie kann man sich das vorstellen?
Maier: In eingestreuten Theaterszenen erzähle ich die Geschichte von Lulu und Hülya, zweier sehr unterschiedlicher Teenagermädchen, die in ihrer Klasse einen regelrechten Kleinkrieg gegeneinander führen. Das ist nicht bierernst, sondern auch witzig und satirisch überspitzt aufgemacht, zum Beispiel wenn Hülya Lulus iPhone aus dem Fenster wirft und Lulu aus Rache dafür Hülyas Hund kahl rasiert. Im Verlauf des Stücks beginnen die beiden jedoch mit Hilfe des Publikums, Schritte aufeinander zuzugehen und einen zögernden Frieden zu schließen. Die zuschauenden Jugendlichen werden hier aktiv beteiligt, und ich setze ihre Vorschläge direkt improvisiert auf der Bühne um. Da kommen oft sehr reflektierte Ideen, zum Beispiel sich einen neutralen Schiedsrichter für ein Mediationsgespräch zu suchen, oder auch Vorschläge für regelrechte „Deals“, zum Beispiel dass Hülya Lulu ein gebrauchtes iPhone als Ersatz für das kaputte besorgen soll – Lulu dafür aber das heimlich aufgenommene Kussvideo von Hülya und ihrem Schwarm löschen soll, das den Konflikt überhaupt erst losgetreten hat. Diplomatie und Verhandlungen als Lösung, die Bereitschaft, auch die Gründe und Gefühle der gegnerischen Partei anzuerkennen – all das übertrage ich dann auf aktuelle globale Kriege.
Multipolar: Zusätzlich geht es in Ihrem Theaterstück auch um Propaganda.
Maier: Ja. In kurzen, kreativen Vorträgen mit Videoeinspielungen behandle ich die zehn Regeln der Kriegspropaganda nach Arthur Ponsonby. Es ist mir wichtig, dass die Jugendlichen über die medialen Mittel und Methoden aufgeklärt werden, mit denen für eine Kriegsbeteiligung geworben wird.
Multipolar: Was sind das für „Regeln“?
Maier: Der britische Schriftsteller Arthur Ponsonby hat nach dem 1. Weltkrieg die Methoden analysiert, mit denen es Medien und Regierung gelungen war, die Bevölkerung von der Notwendigkeit eines Krieges zu überzeugen. Die 10 „Regeln“, die er 1928 herausdestillierte, werden tatsächlich bis heute so angewandt, beispielsweise „Wir wollen den Krieg nicht – wir verteidigen uns nur“, „Der Feind begeht mit Absicht Grausamkeiten – wir nur aus Versehen“ oder auch „Wer unsere Berichterstattung anzweifelt, ist ein Verräter“.
Multipolar: Und wie wenden Sie das in Ihrem Theaterstück an?
Maier: Ich zeige viele Beispiele von Propaganda, sowohl historische als auch aktuelle – nicht nur die der Gegenseite, sondern auch die der eigenen Seite, weil die viel schwieriger zu durchschauen ist. Wie erkennt man emotionalisierende, manipulative Videos oder Schlagzeilen? Wo arbeiten auch vermeintlich seriöse Medien mit den gleichen Mitteln? Wo gibt es kriegstreiberische Medienberichte? Ich hinterfrage die gängigen Narrative sowie allzu bequeme Feindbilder und fordere die Schüler zu kritischem und unabhängigem Denken auf. Das kann durchaus unbequem sein, denn es erfordert vor allem, auch sich selbst und die eigenen liebgewonnenen Denkmuster kritisch zu hinterfragen. Ich sage den Schülern immer: Glaubt erstmal nichts blind, und glaubt auch mir nicht blind. Recherchiert es nach. Es ist wichtig, Nachrichten bis zur Originalquelle zurückzuverfolgen, und die Berichterstattung verschieden ausgerichteter Medien zu vergleichen.
Multipolar: Wie ist die Resonanz der Jugendlichen?
Maier: Meine Erfahrung nach rund 100 Aufführungen: In aller Regel finden es die Jugendlichen super-interessant. Sie schätzen es sehr, dass ich sie wie Erwachsene anspreche, ihnen auch unbequeme Inhalte und Sichtweisen zumute und sie auffordere und ihnen zutraue, sich ihre eigene Meinung zu bilden. Was mich sehr überrascht hat: Viele Jugendliche lechzen richtiggehend nach anderen Meinungen und Perspektiven als jenen, die in den gängigen Medien geboten werden. Ich bekomme allerdings auch viel Gegenwind – nicht von den Jugendlichen, sondern oft von den Erwachsenen.
Multipolar: Warum glauben Sie, ist das so?
Maier: Man muss es deutlich sagen: Es ist ein unbequemes Theaterstück, denn der Weg zum Frieden ist immer unbequem. Um aus einer Konfliktspirale auszusteigen, muss man bereit sein, auch sich selbst kritisch zu hinterfragen: Bin ich, sind wir wirklich ausschließlich die „Guten“? Wo sitzen wir vielleicht selbst auf einem hohen moralischen Ross, das uns von einer friedlichen Lösung abhält? Und: Wo muss ich bereit sein, auf meinen „Gegner“ zuzugehen und auch seine Sichtweise zu respektieren, selbst wenn ich sie ganz und gar nicht teile? Das ist etwas, was viele Menschen verlernt haben. Noch vor 20, 30 Jahren war dieser Ansatz eine Selbstverständlichkeit in der Friedenspädagogik – heute wollen oder können viele Menschen ihre eigenen Denkmuster nicht mehr hinterfragen. Die Jugendlichen sind dabei noch flexibler im Kopf als die Erwachsenen. Ich habe also Hoffnung.
Multipolar: Sie haben auch schon ein anderes heißes Eisen angepackt. Vor zwei Jahren schrieben Sie das Theaterstück „Welcome to Hysteria“.
Maier: Ja. Dieses Theaterstück ist mein Beitrag zur Corona-Aufarbeitung, und auch so etwas wie eine Selbsttherapie. Ich habe darin verarbeitet, wie ich diese Zeit selbst erlebt habe.
Multipolar: Was ist Ihrer Meinung nach während jener Zeit passiert?
Maier: Die Corona-Zeit war ein einziger großer Test – ein Demokratietest. Schafft es unsere Gesellschaft, auch in einer gefühlten oder tatsächlichen Bedrohungs- und Notlage demokratische Standards und Grundrechte aufrechtzuerhalten? Oder wird beides über Bord gekippt, weil die Bedrohung anders nicht beherrschbar erscheint? Man muss sagen, dass alle großen westlichen demokratischen Systeme an diesem Test glorios gescheitert sind. Auch in Deutschland haben Prozesse stattgefunden, die letztendlich die Demokratie ausgehöhlt, das Land gespalten und die Menschen voneinander entfremdet haben. Ich finde, das müssen wir dringend aufarbeiten.
Multipolar: In Ihrem Theaterstück geht es aber nicht um Viren.
Maier: Nein, ich habe die Corona-Zeit literarisch verfremdet. Bei mir geht es um eine extreme Kältewelle, bei der Experten Millionen Kältetote vorhersagen. In der Folge gibt es einen Lockdown, mediale Sündenbockzuschreibungen und vor allem viel, viel Angst. Mein Theaterstück spielt in einer Schulklasse, die während des Lockdowns in ihrem Klassenzimmer zusammengesperrt wird. Ähnlich wie im Klassiker „Die Welle“ entwickeln sich durch die Angst vor der Außensituation extreme gruppendynamische Prozesse: Gruppen und Hierarchien bilden sich, Abweichler werden ausgegrenzt und unter Druck gesetzt, immer härtere Loyalitätsbeweise werden eingefordert, bis die Situation eskaliert. Mir war wichtig zu zeigen, was die gefühlte Bedrohungslage und der autoritäre Umgang damit in den Menschen hervorruft. Man kann es als Parabel auf die Entstehung eines autoritären Systems lesen, aber eben auch als Parallele zu unserem Umgang mit Corona.
Multipolar: „Welcome to Hysteria“ gibt es auch als Buch. Warum?
Maier: Normalerweise spiele ich meine Theaterstücke selbst. Man kann mich an Schulen einladen, ich bringe das Theaterequipment mit und spiele dann in der Aula oder Turnhalle für die Jugendlichen. Da „Welcome to Hysteria“ aber ein großes Theaterstück mit über 20 Rollen ist, wäre es viel zu aufwändig, es selbst dauerhaft mobil zu spielen. Mobile Theaterstücke muss man kleiner halten, maximal vier bis fünf Personen, sonst ist der organisatorische Aufwand zu groß. Deshalb habe ich es als Buch herausgebracht, damit Lehrer es mit ihren Schülern als Klassenlektüre lesen oder sogar mit der Klasse oder Theater-AG einstudieren können. Lediglich zur Feier der Buchpremiere vor zwei Jahren habe ich es viermal als Lesung mit 14 professionellen Schauspielern auf die Bühne gebracht, darunter einmal vor Achtklässlern einer Hauptschule.
Multipolar: Wie waren die Reaktionen der Schüler?
Maier: Diese Aufführung war sehr berührend für mich. Obwohl die Lesung zweieinhalb Stunden dauerte, waren die Jugendlichen total gebannt dabei, vom Anfang bis zum Ende. Nach dem Theaterstück, im pädagogischen Nachgespräch, waren sie sehr aufgebracht: Wie gemein! Wie ungerecht! So darf man nicht mit Menschen umgehen! Das waren Schüler und Schülerinnen, die während der Corona-Zeit noch in der Grundschule waren, also diese Zeit nur halb-bewusst miterlebt haben. Viele haben während des Stücks zunächst nicht verstanden, dass das Gezeigte in der Corona-Zeit genauso abgelaufen ist. Aber es gab auch zwei oder drei ältere Jugendliche im Publikum, die ganz genau wussten, wovon ich sprach. Sie erzählten dann von sich aus, dass ihre Familien das genauso erlebt hätten, die Ausgrenzung und den Hass. Das war für die anwesenden Schüler augenöffnend. Das macht mir Hoffnung in Bezug auf eine Corona-Aufarbeitung. Ich bezweifle dass unsere Generation dazu imstande sein wird, aber auch hier: Die nächste Generation, diese Jugendlichen mit ihrem unverstellten Blick, die macht mir Hoffnung.
Über die Interviewpartnerin: Sonni Maier, Jahrgang 1981, studierte Theaterwissenschaft und Pädagogik. Mit ihrem eigenen Tourneetheater entwickelt, produziert und spielt sie seit 2001 Theaterproduktionen für Kinder und Jugendliche zu gesellschaftlichen Problemthemen. Bislang leitete sie mehr als 1.700 Aufführungen und 150 Workshop-Projekte in 23 Ländern. Sie leitet den gemeinnützigen Verein „Künstler für Gerechtigkeit e.V.“. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Fair Trade Award.
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