Fleisch als Maß aller Dinge?
PAUL SCHREYER UND SUSANNE WOLF, 18. Mai 2026, 14 Kommentare, PDFT. Colin Campbell, Jahrgang 1934, ist heute 92 Jahre alt. Er wuchs auf einem Milchviehbauernhof in den USA auf, melkte selbst die Kühe und war der erste in seiner Familie, der eine Hochschule besuchte. Dort studierte er Veterinärmedizin und erforschte Methoden zum schnelleren Wachstum von Kühen und Schafen. So wollte er mithelfen, die Produktion von tierischem Eiweiß zu verbessern, für ihn ein Grundpfeiler gesunder Ernährung und ein Schritt zur Bekämpfung des Hungers auf der Welt. „Ich wollte Gesundheit fördern, indem ich für den Verzehr von mehr Fleisch, Milch und Eiern eintrat“, so Campbell in seinem 2005 erschienenen Buch „The China Study“, in dem er auch seinen eigenen Lebensweg nachzeichnet.
Das Buch ist eine populärwissenschaftliche Darstellung der gleichnamigen Studie, die 1990 veröffentlicht wurde, und als weltweit umfassendste epidemiologische Untersuchung zum Zusammenhang von Ernährung und Krankheit gilt. Ihr vorausgegangen waren Studien Campbells seit den 1970er Jahren, die – zunächst ihn selbst überraschend und für die Fachwelt überaus provokant – nachwiesen, dass tierisches Eiweiß das Tumorwachstum steigert, pflanzliches Eiweiß hingegen nicht. (1) Pflanzliche Nahrungsmittel senkten die Tumorentwicklung vielmehr und trugen zu einer Heilung bei. „Durch Ernährung kann Krebs ‚ein-‘ und ‚ausgeschaltet‘ werden“, so der Forscher. (2)
Campbell ist kein wirrer Einzelgänger, sondern veröffentlicht in den angesehensten Journalen, seine Beiträge sind durch wissenschaftliche Gutachter überprüft („peer-review“). An der Cornell University war er bis zu seiner Pensionierung Professor für Ernährungsbiochemie. Seine bekannteste Arbeit ist die erwähnte „China Study“ – auch bekannt als China-Cornell-Oxford-Project –, eine groß angelegte Beobachtungsstudie unter Campbells Leitung, gemeinsam geplant und durchgeführt von der Cornell University, der Oxford University und der chinesischen Regierung. Die Studie untersuchte in den 1980er Jahren, welchen Einfluss eine tierische gegenüber einer pflanzlichen Ernährung auf die Gesundheit hat. Bei Erscheinen 1990 bezeichnete die New York Times die Studie als den „Grand Prix der Epidemiologie“. Zu den Hintergründen berichtet Campbell:
„In den 70er Jahren starb der Premierminister von China, Zhou Enlai, an Krebs. Selbst von dieser tödlichen Erkrankung betroffen, rief Premierminister Zhou eine landesweite Erhebung ins Leben, um Informationen über diese Krankheit, über die man nicht viel wusste, zu sammeln. Daraus entstand eine gewaltige Datenerhebung über Sterblichkeitsraten von zwölf verschiedenen Krebsarten (…). Das Endergebnis der Datenerhebung war ein großformatiger, farbkodierter Atlas, der zeigte, wo bestimmte Krebstypen häufig vorkamen und wo sie beinahe nie auftraten. Dieser Atlas machte deutlich, dass in China Krebs örtlich eingegrenzt war. (…) Könnte es womöglich sein, dass Krebs größtenteils auf Umwelt- und Lebensstilfaktoren und nicht auf genetische Faktoren zurückzuführen ist? (...)
Wir stellten ein Forschungsteam von Weltklasse zusammen. (…) Es sollte das erste größere Forschungsprojekt zwischen China und den Vereinigten Staaten werden. (…) Wir beschlossen, die Studie so ausgedehnt und umfangreich wie nur möglich zu gestalten. Mit Hilfe des Krebs-Atlas hatten wir Zugang zu den Sterblichkeitsraten von mehr als vier Dutzend unterschiedlichen Krankheiten, darunter verschiedenen Krebstypen, Herzerkrankungen und Infektionskrankheiten. Wir erfassten 367 Variablen und verglichen jede einzelne mit allen anderen Variablen. Wir reisten in 65 Landkreise in ganz China und führten Befragungen und Bluttests bei 6.500 Erwachsenen durch. Wir nahmen Harnproben ab und erfassten vor Ort sämtliche Nahrungsmittel, die die Familien während eines Dreitageszeitraumes gegessen hatten. Zudem analysierten wir Nahrungsmittelstichproben von Märkten im ganzen Land.“ (3)
Der Fakt, dass die Menschen in China ihr Protein fast ausschließlich aus Pflanzen bezogen, schuf eine Vergleichsgruppe zu den USA, wo das Protein zum übergroßen Teil aus tierischen Nahrungsbestandteilen kommt. „Der Unterschied zwischen der Ernährungspraxis im ländlichen China und der westlichen Ernährungspraxis und den sich daraus ergebenden Krankheitsmustern ist enorm“, so Campbell. „Durch diesen charakteristischen Unterschied wurde diese Studie so bedeutend.“
Sich krank essen
Sein Team fand heraus, dass einer der größten Frühindikatoren für westliche „Wohlstandskrankheiten“ (Krebs, Diabetes, Herzerkrankungen) das Blutcholesterin ist. „Mit dem Anstieg der Blutcholesterinwerte in bestimmten Landkreisen im ländlichen Raum Chinas stieg auch die Neuerkrankungsrate der ‚westlichen‘ Erkrankungen.“ Mit der Senkung der Cholesterinwerte „nahmen auch Leberkrebs, Rektumkrebs, Dickdarmkrebs, Lungenkrebs, Brustkrebs, Leukämie, Hirntumore, Magenkrebs, Speiseröhren- und Kehlkopfkrebs ab“. (4) Dass Cholesterin für das Herz eine Belastung darstellt, ist lange bekannt, doch die vielgestaltige Verbindung zu Krebs war eine bedrückende Neuigkeit. Campbell weiter:
„Wie wird das Blutcholesterin durch Essen beeinflusst? Kurz umrissen ist es so, dass der Verzehr von Nahrungsmitteln tierischen Ursprungs mit steigenden Blutcholesterinwerten korreliert. Beinahe ausnahmslos war die Aufnahme von Nährstoffen aus pflanzlichen Nahrungsmitteln mit abnehmendem Blutcholesterinspiegel assoziiert.“ (5)
Es erstaunte Campbells Team, dass westliche Erkrankungen in China überhaupt auftraten, weil dort sowohl das Blutcholesterin als auch der tierische Proteinkonsum im Vergleich zu den USA so außerordentlich niedrig waren. Letzterer betrug lediglich ein Zehntel pro Person im Vergleich zu den USA. Die Forscher erwarteten, dass es bei derart niedrigen Werten keinerlei Verbindungen zu westlichen Erkrankungen geben würde. „Aber wir lagen falsch. Sogar diese kleinen Mengen von Tierprodukten im ländlichen China erhöhten das Risiko für westliche Erkrankungen. Das zeigte sich an der hochsignifikanten Verbindung zwischen Blutcholesterin und westlichen Erkrankungen (insgesamt) und der Verbindung zwischen Blutcholesterin und tierischem Protein.“ (6)
„Einer der Faktoren, die wir untersuchten, war die Häufigkeit von Krebserkrankungen innerhalb jeder Familie. Der Konsum tierischen Proteins war in der China Study auf überzeugende Weise mit der Krebshäufigkeit in Familien in Verbindung gebracht worden. Diese Verbindung ist eine eindrucksvolle und signifikante Beobachtung, bedenkt man den außergewöhnlich niedrigen Konsum von tierischem Protein bei einem Großteil der Bevölkerung.“ (7)
Viele Menschen sind instinktiv der Auffassung, es mache sie größer und stärker, tierisches Protein aufzunehmen, etwa indem sie Fleisch essen. Dahinter steckt der Gedanke, dass Protein für körperliche Kraft erforderlich ist. Und da Nahrungsmittel tierischer Herkunft mehr Protein enthalten, seien diese auch besser. Die Studie zeigte jedoch, dass das Körperwachstum nicht an tierischem Protein hängt. „Ein höherer Konsum von pflanzlichem Protein stand in engem Zusammenhang mit einer höheren Körpergröße und einem höheren Körpergewicht. Das Körperwachstum steht generell mit Protein im Zusammenhang. Sowohl tierisches als auch pflanzliches Protein ist effizient!“ (8) Nur, dass die pflanzliche Ernährung eben nicht krank macht.
Dass Menschen in nichtindustrialisierten Ländern, die kaum Nahrungsmittel tierischer Herkunft zu sich nehmen, oft kleiner und zarter sind als Menschen im Westen, hängt laut Campbell damit zusammen, „dass die pflanzenbasierte Ernährung in armen Ländern im Allgemeinen eine unzureichende Vielfalt und mangelhafte Quantität und Qualität“ aufweise. „Dazu kommen noch schlechte Rahmenbedingungen, was das öffentliche Gesundheitswesen betrifft, und demzufolge eine große Verbreitung von Kinderkrankheiten. Unter diesen Umständen ist das Wachstum unterentwickelt und die Menschen erreichen nicht ihr genetisches Potenzial für die Körpergröße im Erwachsenenalter.“ Die volle Körperstatur könne mit einer pflanzenbasierten Ernährungsweise dennoch erreicht werden, wenn diese hindernden Umstände korrigiert sind. (9)
Infolge seiner Erkenntnisse hörte Campbell selbst damit auf, Fleisch zu essen und verzichtete größtenteils auch auf Milchprodukte. Er erläutert: „Die Ernährungsumstellung erfolgte ursprünglich aus gesundheitlichen Gründen, aufgrund meiner Forschungsergebnisse, ging aber mit einem steigenden Bewusstsein für die ethischen und ökologischen Begründungen für eine pflanzenbasierte Kost einher. Von einer Kindheit, in der ich täglich mindestens zwei Liter Milch getrunken habe, bis hin zu einer frühen Berufslaufbahn, als ich Vegetarier verspottete, machte ich nun eine außergewöhnliche Wende in meinem Leben – und meine Familie folgte mir darin.“

T. Colin Campbell im Alter von 89 Jahren | Bild: picture alliance / Everett Collection
Campbell steht nicht allein: Dass der Verzehr von Fleisch sich nachteilig auf die Gesundheit auswirken kann, wurde in zahlreichen Studien bestätigt. Dr. Caldwell Esselstyn, Leiter des Herzkreislaufprogramms am Cleveland Clinic Wellness Institute, führte eine Langzeitstudie mit Patienten durch, die an einer schweren Koronaren Herzkrankheit (KHK) litten; Basis der Studie war eine pflanzenbasierte Ernährung. Über einen Zeitraum von 10 Jahren nahmen mehr als 1.000 Patienten daran teil. Die Ergebnisse: Fünf der 24 Patienten in Dr. Esselstyns erster Studie erhielten von Kardiologen die Prognose, weniger als ein Jahr zu leben. Zwölf Jahre später, nach der Anwendung des Esselstyn-Programms, waren sie beschwerdefrei. Die Symptome ließen innerhalb von acht bis zwölf Wochen nach Programmbeginn nach und verschwanden oft vollständig. Innerhalb weniger Monate sank der Cholesterinspiegel der Patienten.
Fleisch als Massenprodukt
Auch wenn der Pro-Kopf-Fleischkonsum in Deutschland in den vergangenen Jahren leicht gestiegen ist, zeichnet sich auf lange Sicht dennoch ein Abwärtstrend ab. Im Jahr 2025 wurden rund 55 Kilogramm Fleisch pro Kopf verzehrt, 2011 waren es noch 63,8 Kilogramm. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt nicht mehr als 300 Gramm Fleisch und Wurst pro Woche – das sind 18 kg pro Jahr. Zum Vergleich: In den USA, Argentinien, Australien oder Spanien ist der jährliche Fleischkonsum mit 100 bis 120 Kilogramm pro Kopf besonders hoch; in Indien werden Schätzungen zufolge durchschnittlich acht Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr gegessen.
Fleisch als Nahrungsmittel der Massen ist ein relativ neues Konzept. Lange Zeit war Fleisch eine rare Delikatesse, die nur ein bis zweimal pro Woche auf den Tisch kam. In Deutschland markierte die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg – das sogenannte „Wirtschaftswunder“ – einen Wendepunkt: der Sonntagsbraten wurde zum täglichen Fleischgericht. Seit den 1960er Jahren hat sich die weltweite Fleischproduktion mehr als vervierfacht. Dieser Anstieg ist eng mit dem globalen Bevölkerungswachstum und dem steigenden Wohlstand in Schwellenländern verknüpft – dort gilt Fleisch als sichtbares Zeichen, die Armut überwunden zu haben.
In aufstrebenden Ländern wie Brasilien oder Vietnam ist der Fleischkonsum in den vergangenen Jahren rasant angestiegen. Besonders deutlich wird dieser Trend in China, wo heute etwa ein Drittel des weltweit produzierten Schweinefleisches konsumiert wird. Dementsprechend ist auch die Produktion gestiegen: Ungefähr die Hälfte der 115 Millionen Tonnen Schweinefleisch, die weltweit hergestellt werden, kommt aus China. Welche Auswüchse der Fleischhunger dort hat, zeigen Hochhäuser, in denen Schweine gemästet werden – um Platz und Ressourcen zu sparen. 2022 berichtete der Guardian von einem 26-stöckigen Hochhaus in der Hubei-Provinz, in dem 1,2 Millionen Tiere pro Jahr geschlachtet werden können; inzwischen gibt es mehrere solcher Anlagen im Land.
Auch in Deutschland ist der Hunger nach Schweinefleisch groß, über die Hälfte des Fleischkonsums entfällt laut Statistik auf diese Fleischsorte. Der Tierschutzorganisation PETA zufolge wurden in Deutschland im Jahr 2023 rund 44 Millionen Schweine wegen ihres Fleisches getötet. Über 99 Prozent von ihnen lebten in der konventionellen Tierhaltung zusammen mit durchschnittlich 1.000 bis 2.000 Artgenossen auf engem Raum, beschreibt PETA. 2023 wertete die deutsche Verbraucherschutzorganisation foodwatch für den Report „Tierleid im Einkaufskorb“ mehrere tiermedizinische Studien aus. Das Ergebnis: In allen Haltungsstufen – konventionell und Bio – leiden Tiere unter schweren, produktionsbedingten Krankheiten. Ein Beispiel: Knapp 40 Prozent aller Schweine in konventioneller Haltung haben krankhafte Befunde wie Lungenentzündungen, offene Wunden oder Abszesse – in der Bio-Haltung sind es mit 35 Prozent kaum weniger.

Schweine in einem niedersächsischen Betrieb mit Vollspaltenböden | Bild: picture alliance/dpa / Lars Klemmer
„Eine Tiergesundheitsstrategie, wie wir sie fordern, hat die Bundesregierung bisher nicht umgesetzt“, sagt dazu eine foodwatch-Sprecherin. „Im Koalitionsvertrag haben die regierungstragenden Parteien festgelegt, den Tierschutz zu stärken“, heißt es dazu aus dem Landwirtschaftsministerium. Laut einem Sprecher sind für diese Legislatur zahlreiche Gesetzesvorhaben in diesem Bereich geplant: „Wir haben einen Entwurf zur Novellierung des Tierschutzgesetzes erarbeitet, mit dem eine verpflichtende Videoüberwachung in Schlachthöfen eingeführt werden soll.“ Mit dem im Koalitionsvertrag genannten Ziel, die Tiergesundheitsstrategie unter Vernetzung der vorhandenen Datenbanken weiter zu entwickeln, solle zudem die Gesundheit von Tieren insbesondere in der Landwirtschaft geschützt und verbessert werden.
„Die relevanten Unterschiede bestehen nicht zwischen den Produktionsweisen, sondern zwischen den einzelnen Betrieben“, sagt Albert Sundrum, ehemaliger Leiter des Fachgebietes Tierernährung und Tiergesundheit an der Universität Kassel. „Es kommt auf den Einzelbetrieb und das Betriebsmanagement an und nicht, welcher Produktionsweise er sich verpflichtet hat.“
Antibiotika als Standard
Für Österreich sieht Hubert Stark, Bio-Landwirt und Geschäftsführer der Bioschwein Austria VertriebsgesmbH, die Lage differenzierter: „Man kann die Situation in Deutschland und Österreich nicht vergleichen, vor allem bei der Bio-Landwirtschaft: Diese ist hierzulande kleinstrukturiert und wird streng kontrolliert.“ Bei der Tierhaltung müsse zudem unterschieden werden zwischen Rindern, Schweinen oder Hühnern. „Bei Rindern gibt es keinen nennenswerten Unterschied zwischen herkömmlicher und Bio-Haltung“, so Stark. „Bei Bio-Hühnern und -Schweinen ist die Qualität weitaus besser als bei konventionellem Fleisch, was auch an den großen Preisunterschieden sichtbar wird.“ Stark, der selbst Bio-Schweine hält, nennt ein Beispiel: „In der herkömmlichen Landwirtschaft haben Schweine 1 m² Fläche zur Verfügung und stehen auf Vollspaltenböden, bei Bio sind es 2,7 m² mit Stroh als Untergrund.“
Unterschiede gebe es auch beim Einsatz von Antibiotika: In der konventionellen Landwirtschaft werden diese vorbeugend eingesetzt, auch um das Wachstum der Tiere anzukurbeln. „In der Bio-Landwirtschaft werden Antibiotika nur vereinzelt bei kranken Tieren eingesetzt“, so Stark. Österreich ist mit 27,3 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche EU-weit Vorreiter beim Bio-Anbau.

Kühe in einem bayerischen Milchviehbetrieb | Bild: picture alliance / SZ Photo / Matthias Ferdinand Döring
Die standardisierte Verabreichung von Antibiotika in der konventionellen Tierhaltung wird von vielen Seiten kritisch gesehen. „Aufgrund des großen öffentlichen Drucks wurden in den letzten 10 Jahren vom zuständigen Gesundheitsministerium tatsächlich verschiedene Maßnahmen eingeführt, um den Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung zu reduzieren“, sagt Sebastian Theissing-Matei, Agrarexperte bei Greenpeace Österreich. „Damit sollte auch das Risiko für die Entwicklung von neuen, gegen Medikamente resistenten Bakterien reduziert werden, weil diese schlussendlich auch uns Menschen gefährlich werden können.“ In Tests würden auf rohem Fleisch regelmäßig antibiotikaresistente Keime gefunden. „Diese sind potenziell auch für Menschen gefährlich, etwa wenn sie bei einem Menschen mit geschwächtem Immunsystem in eine Wunde gelangen - beispielsweise wenn man sich beim Schneiden von Fleisch mit dem Messer verletzt“, so der Greenpeace-Experte.
An den strukturellen Ursachen des hohen Antibiotika-Einsatzes, vor allem bei Schweinen, sei allerdings nicht gerüttelt worden. „Diese liegen in den viel zu schlechten Haltungsbedingungen, welche die Tiere extrem anfällig für verschiedene Erkrankungen machen“, so Theissing-Matei. Laut PETA bringt eine 2023 veröffentlichte Studie den Einsatz von Antibiotika bei Nutztieren mit 1,6 Millionen menschlichen Todesfällen durch behandlungsresistente Infektionen im Jahr 2019 in Verbindung. „Einzelne Tiere sollen selbstverständlich weiterhin jede tierärztliche Behandlung erhalten, die sie brauchen“, heißt es bei PETA. „Jedoch werden in der industriellen Tierhaltung Antibiotika und andere Medikamente oftmals an ganze Tiergruppen oder Tierbestände verabreicht – auch wenn nur wenige Tiere erkrankt sind.“ In den engen und schmutzigen Ställen breiten sich Krankheiten enorm schnell aus. Zudem werden die meisten Antibiotika von den Tieren zu 90 bis 95 Prozent wieder ausgeschieden – die Wirkstoffe landen über Gülle und Dünger wieder auf dem Feld.
An der Grenze der Legalität
Dass gerade in der konventionellen Tierhaltung vieles im Argen liegt, bestätigt eine Sprecherin des österreichischen Vereins für Tierfabriken (VGT): „Die meisten Tiere werden an der unteren Grenze der Legalität gehalten, sprich schlechter dürfen sie legal nicht gehalten werden.“ Das liege unter anderem am wirtschaftlichen Selbstverständnis der Landwirtschaft: „Schließlich geht es auch hier meist um die Profitmaximierung.“
2023 machte der VGT auf „absurd schnell wachsende“ Masthühner aufmerksam, die unter massiven gesundheitlichen Problemen leiden: In nur 4 bis 6 Wochen erreichen die Tiere das Schlachtgewicht. „Solche Zuchten sind eigentlich per Tierschutzgesetz verboten, durchgesetzt wird das jedoch nicht“, kritisiert die VGT-Sprecherin. Auch heute noch sei der Großteil der Masthühner schnell wachsende Mast-Hybride, die aus Sicht des VGT als Qualzuchten zu beurteilen seien. „Nach unserer Aufdeckung haben aber einige Tierwohlsiegel auf Hühner-Hybride umgestellt, die ein moderateres Wachstum aufweisen“, so die Sprecherin.

Putenstall | Bild: picture alliance/dpa / Sven Hoppe
Eine weitere VGT-Studie ergab bei 92 Prozent der auf Vollspaltenboden gehaltenen Schweine Gelenkserkrankungen. Der VGT fordert mehr Kontrollen bei Tierhaltern von staatlicher Seite. „Mit der Einigung auf neue Übergangsfristen in der Schweinehaltung hat die Bundesregierung einen wichtigen Schritt gesetzt“, heißt es dazu aus dem Landwirtschaftsministerium in Wien. Bestehende Ställe müssen bis Ende 2039 umgebaut sein. „Die Frist ist daher so lange, weil Genehmigungen von Stallbauten viel Zeit in Anspruch nehmen“, so ein Sprecher.
Im Bio-Bereich seien die wichtigen Reformschritte bereits teilweise oder vollständig umgesetzt, in anderen Bereichen sei jedoch auch hier noch Luft nach oben, ergänzt die VGT-Sprecherin: „Das betrifft Anbindehaltung von Milchkühen, Haltungen ohne Auslauf, Kälberexport und Langstreckentransporte, Tierleid und Tierqual bei der Schlachtung.“ Bio an sich sei nicht die Lösung jeglicher Tierschutz-Fragen.
Nutztier und Haustier
Dass im Umgang mit Tieren mit zweierlei Maß gemessen wird, machen die Begriffe Nutztier und Haustier deutlich. Ersteres wird nicht als fühlendes Lebewesen betrachtet, wie unter anderem Bezeichnungen wie „Tierproduktion“ oder „Schweinefabrik“ zeigen. Im österreichischen Tierschutzgesetz heißt es: „Es ist verboten, einem Tier ungerechtfertigt Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen oder es in schwere Angst zu versetzen.“ (Paragraf 5) Und weiter: „Es ist verboten, Hunde oder Katzen zur Gewinnung von Nahrung oder anderen Produkten zu töten.“ (Paragraf 6) Hier wird die Zweischneidigkeit des Themas deutlich: Tierschützer weisen darauf hin, dass Schweine intelligenter als Hunde sind, sie seien verspielte, soziale und empfindsame Wesen. Dennoch muss ein Großteil der Schweine in der konventionellen Landwirtschaft ihr Leben in engen Ställen und über ihren eigenen Exkrementen fristen – siehe Vollspaltenböden.
Auch in anderen Bereichen zeigt sich die kognitive Dissonanz, etwa rund ums Osterfest: Osterhase, Lämmchen und flauschige gelbe Küken zeichnen ein idyllisches Bild. Im wirklichen Leben haben männliche Küken kein Recht auf Leben, da sie für die Industrie nutzlos sind – sie können weder Eier legen noch liefern sie genügend Fleisch. Bis vor wenigen Jahren war es üblich, männliche Küken zu schreddern oder zu vergasen.
Auch wenn seit 2022 in Deutschland kein Küken mehr wegen seines Geschlechts getötet werden darf, gibt es weiterhin Missstände. PETA kritisiert, dass männliche Küken nun noch im Ei getötet werden, jedoch bereits nach sieben Tagen im Ei Schmerz empfinden sollen. „Sie leiden bei der Tötung also weiterhin und werden als nicht profitable Ware angesehen und einfach vernichtet.“

Küken in einem schleswig-holsteinischen Putenbetrieb | Bild: picture alliance / Caro / Ruff
In Österreich ist das Töten von Küken verboten, sofern diese nicht der Futtergewinnung dienen. „Das bedeutet, dass die Küken zwar nicht mehr getötet und in Tierkörperverwertungsanlagen entsorgt werden dürfen, sie aber weiterhin getötet werden dürfen, sofern sie als Futtertiere verwendet werden“, erklärt Elisabeth Penz vom Verein Vier Pfoten. Das treffe auf den Großteil der männlichen Küken in Österreich zu: laut dem Futterkükenreport aus dem Jahr 2024 wurden mehr als 11 Millionen männliche Küken aussortiert, davon wurden 9,85 Millionen mittels Gas getötet und als Futterküken verwendet und nur 1,57 Millionen wurden als sogenannte „Bruderhähne“ aufgezogen. „Im Bio-Sektor müssen alle männlichen Küken verpflichtend aufgezogen werden“, ergänzt Penz.
Folgen für die Umwelt
Nicht zuletzt hat der wachsende Fleischkonsum enorme Auswirkungen auf die Umwelt weltweit. Laut der Naturschutzorganisation WWF werden weltweit 70 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche für Tierhaltung beansprucht – Tendenz steigend. Für Tierfutter werden Wälder gerodet: Soja, das zunehmend als Futtermittel zum Einsatz kommt, wird aus Ländern wie Brasilien, Argentinien und Paraguay importiert. „Dort gehen durch die rücksichtslose Ausweitung landwirtschaftlicher Flächen jährlich riesige Gebiete an wertvollen Regenwäldern oder waldreichen Savannen für immer verloren“, heißt es beim WWF.
In der heimischen Landwirtschaft trägt die Intensivtierhaltung zunehmend zu Umweltschäden bei und verursacht der öffentlichen Hand dadurch externe Kosten, wie Multipolar berichtete. „Die höchsten externen Folgekosten und damit größten Fehlbepreisungen gehen mit der Produktion konventionell produzierter Fleisch- und Wurstwaren einher“, sagt Dr. Tobias Gaugler, verantwortlich für die 2018 erschienene Studie „How much is the dish – was kosten uns Lebensmittel wirklich?“. Bei tierischen Produkten sei die Höhe der externen Kosten vor allem durch die energieintensive Aufzucht der Nutztiere bedingt: Futtermittelanbau, Beheizung und Belüftung der Ställe sowie der Stoffwechsel der Tiere führten zu Austragungen von reaktivem Stickstoff und von Treibhausgasen sowie zu einem Energiebedarf, der beutend höher sei als bei pflanzlichen Produkten.
Greenpeace Deutschland macht wiederum darauf aufmerksam, dass Deutschlands Massentierhaltung zu viel Gülle produziere. Der flüssige Dünger liefert notwendige Nährstoffe für das Wachstum der Pflanzen und kann die Erträge der Bauern steigern – an sich ein fruchtbarer Kreislauf, der jedoch oft nicht mehr funktioniert. „Es fängt schon damit an, dass in den immer größer werdenden Ställen die Tiere eher auf Spaltenböden als auf Stroh gehalten werden“, heißt es bei Greenpeace. „Für die Bauern bedeutet es weniger Arbeit, wenn Kot und Harn über Spalten in darunterliegenden Auffangbecken landen.“ Stallmist aus eingestreuten Ställen sei jedoch für die Böden deutlich hochwertiger als Gülle, da er die Bodenstruktur verbessere und Humus anreichere.
„Insbesondere in Nordwestdeutschland kommt viel Futter nicht nur von den eigenen Flächen der Betriebe, sondern wird importiert“, schreibt Greenpeace weiter. Im Extremfall seien so gewerbliche Betriebe entstanden, die gar keine eigenen Flächen haben. „Die Tiere in den Intensivregionen produzieren viel mehr Gülle als die Pflanzen benötigen und somit sinnvoll auf die landwirtschaftlichen Flächen ausgebracht werden sollte. Statt gesunder Kreisläufe mit wertvollen Nährstoffen sind so Regionen entstanden, die riesige Nährstoffüberschüsse haben.“

Rinder im Melkkarussell in einem bayerischen Milchviehbetrieb | Bild: picture alliance / M.i.S. / Bernd Feil
Da Pflanzen nur begrenzt Stickstoff aufnehmen können, gelangt der Rest in die Luft oder als Nitrat ins Grundwasser. Zu hohe Konzentrationen von Nitrat im Trinkwasser haben jedoch Auswirkungen auf die Gesundheit: Aus Nitrat gebildete Nitrosamine stehen im Verdacht, Krebs zu erzeugen; bei Säuglingen kann die unverhältnismäßige Aufnahme zu Sauerstoffmangel und Blausucht führen. Sowohl in der deutschen als auch der österreichischen Trinkwasserverordnung ist für Nitrat ein Grenzwert von 50 mg pro Liter festgelegt.
Im Oktober 2025 urteilte das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig, dass das Bundeslandwirtschaftsministerium ein Aktionsprogramm zum Schutz der Gewässer vor Nitrat aufsetzen muss. Bereits seit dem Jahr 2017 hinke Deutschland den Anforderungen des Düngegesetzes hinterher und lasse solch ein Aktionsprogramm missen. Geklagt hatte die Deutsche Umwelthilfe (DUH).
Landwirtschaft neu denken
In der kleinteiligen, flächengebundenen Landwirtschaft ist die Anzahl der gehaltenen Tiere mit der Fläche eines Betriebs verknüpft. Das bedeutet: Die Ausscheidungen der Tiere versorgen die Ackerflächen mit Nährstoffen, wodurch eine bedarfsdeckende Düngung der eigenen Flächen gewährleistet wird. Das ist Kreislaufwirtschaft im besten Sinne: Das Futter wird selbst angebaut und die entstehende Gülle im Betrieb gedüngt – wodurch neue Pflanzen entstehen.
Die Bio-Landwirtschaft ist hier Vorreiter, im Ökolandbau ist die Flächenbindung gesetzlich verankert. Permakultur-Landwirte gehen noch einen Schritt weiter: „Im Wortsinn bedeutet Landwirtschaft, eine begrenzte Fläche zu bewirtschaften. Die Agrarindustrie bewirtschaftet das Land nicht, sie verbraucht es“, erklärt der Permakultur-Landwirt Josef Holzer. Als Beispiel nennt er ein Stück Land, das Futter für 20 Kühe hergibt. „Damit sollte ich nicht 40 Kühe versorgen müssen. Besser ist es in diesem Fall, nur zwanzig Kühe zu haben, aber dazu noch Bienen, vielleicht einen Fischteich, Obst und eine Pilzzucht.“ All das setzt Josef Holzer auf seinem Krameterhof in Salzburg um, ein Vorzeigebetrieb der Permakultur. Auch Schafe, Hühner sowie einige Pferde leben dort; Aquakultur, Agroforstwirtschaft sowie Gewürz- und Arzneipflanzenkultur ergänzen die enorme Vielfalt auf dem Krameterhof.
Mehrere Studien deuten darauf hin, dass eine nachhaltige Landwirtschaft die Weltbevölkerung ernähren könnte, wenn der weltweite Fleischkonsum sowie Lebensmittelverschwendung reduziert würden. Der Naturschutzbund Deutschland e.V. (NABU) macht in einer 2023 veröffentlichten Studie konkrete Vorschläge dazu, die Kernforderung ist: den Fleischkonsum um die Hälfte reduzieren. Wenn die Landwirtschaft umweltschonender werden soll, ohne die Ernährungssicherheit aufs Spiel zu setzen, komme man an einer Veränderung der Ernährungsgewohnheiten nicht vorbei, argumentiert der NABU. Eine Studie des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL zeigt, dass auch ein Verzicht auf Kraftfutter, in Kombination mit einer Reduktion des Konsums tierischer Produkte und der Reduktion von Lebensmittelabfällen für ein nachhaltiges Ernährungssystem unerlässlich wäre.
Über allem aber steht die eingangs erläuterte Frage: Warum überhaupt Nahrungsmittel zu sich nehmen, die einen selbst krank machen? Warum Tiere quälen, industriell töten und dazu noch die Umwelt massiv schädigen, nur um etwas essen zu können, was den eigenen Körper aus dem Gleichgewicht bringt, tendenziell das Herz schädigt und eine Krebserkrankung wahrscheinlicher macht? So absurd diese Frage klingt, so dringlich harrt sie weiterhin einer Antwort.
Über die Autoren: Susanne Wolf, Jahrgang 1968, arbeitet seit 2011 als freie Journalistin. 2013 erhielt sie den zweiten Platz des Österreichischen Zeitschriftenpreises. 2022 war sie Mitinitiatorin der Petition „Für eine Erneuerung des Journalismus in Österreich“. Zuletzt erschien ihr Buch „Die Freiheit in mir“. Paul Schreyer, Jahrgang 1977, ist Mitherausgeber von Multipolar.
Anmerkungen:
(1) T. Colin & Thomas M. Campbell, „China Study. Pflanzenbasierte Ernährung und ihre wissenschaftliche Begründung“, Verlag Systemische Medizin, 4. überarbeitete und erweiterte Auflage, 2018, S. 59 ff. In der englischsprachigenen Originalversion ist das Buch kostenlos zugänglich. In den Fußnoten des Buches werden die zahlreichen, aufeinander aufbauenden wissenschaftlichen Publikationen, die diese Zusammenhänge belegen, transparent angegeben; ihre vollständige Wiedergabe würde hier den Rahmen sprengen. Beispielhaft: David A. Schulsinger, Martin M. Root, T. Colin Campbell: „Effect of dietary protein quality on development of aflatoxin B1-induced hepatic preneoplastic lesions“, J Natl Cancer Inst. 1989 Aug 16;81(16):1241-5.; Linda D. Youngman, T. Colin Campbell: „Inhibition of aflatoxin B1-induced gamma-glutamyltranspeptidase positive (GGT+) hepatic preneoplastic foci and tumors by low protein diets: evidence that altered GGT+ foci indicate neoplastic potential“, Carcinogenesis, Volume 13, Issue 9, September 1992, Pages 1607–1613
(2) Campbell, „China Study“, S. 66
(3) Ebd., S. 76-79
(4) Ebd., S. 85
(5) Ebd., S. 86
(6) Ebd., S. 87
(7) Ebd., S. 95
(8) Ebd., S. 112
(9) Ebd., S. 112
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