„Die haben das alle ignoriert“
VOLKER REKITTKE, 28. September 2026, 7 Kommentare, PDFMultipolar: Herr Schöfbeck, zunächst: Warum sprechen Sie erst jetzt darüber, was Sie zu Ihrem Brandbrief bewog und was anschließend mit Ihnen geschah, viereinhalb Jahre nach Ihrer Kündigung?
Schöfbeck: Mein Vertrag bei der BKK ProVita wäre regulär noch bis zum 31. Dezember 2024 gelaufen. Auf Anraten meines Anwalts habe ich mich während dieser Zeit nicht öffentlich geäußert. Dass ich mich danach nicht gleich zu Wort gemeldet habe, liegt daran, dass ich am liebsten vorher den Rechtsstreit beendet gehabt hätte. Da sich dies jedoch solange hinzieht, habe ich mich entschieden, jetzt zu sprechen.
Multipolar: Können Sie etwas zu Ihrem beruflichen Werdegang und Ihrer Vorgeschichte bei der BKK ProVita erzählen?
Schöfbeck: Ich habe eine klassische Krankenkassenkarriere hinter mir: Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten bei einer Ersatzkasse, Anfang 2000 dann zur BKK „Die Persönliche“ gewechselt, die sich später zur BKK ProVita umbenannte. Anfang 2001 wurde ich dort Vorstand. Ich habe die Kasse übernommen mit etwa 25.000 Versicherten. Als ich 2022 gekündigt wurde, waren es rund 126.000 Versicherte. Die Kasse war ja am Anfang hoch verschuldet, ein Sanierungsfall. Ich habe daraus eine Krankenkasse gemacht, die gut dastand und für ihre Versicherten da war – auch mit neuen ganzheitlichen Schwerpunkten. Da ging es zum Beispiel um die gesundheitliche Bedeutung von pflanzlicher Ernährung, aber auch um Psychoneuroimmunologie, also die Wechselwirkungen zwischen Psyche, Nerven-, Immun- und Hormonsystem. Das lief viele Jahre sehr gut. Dann kam Corona, und auf einmal war Vieles anders.
Multipolar: Was veränderte sich?
Schöfbeck: Die Corona-Zeit, oder besser: die Corona-Politik, hat unsere Kasse getroffen wie die meisten anderen Unternehmen auch. Das war oft ein Spagat. Uns wurden viele gesetzliche Zwänge auferlegt. Wir haben gleichwohl immer auch an die Eigenverantwortung der Mitarbeiter appelliert – die sollten sich ein möglichst umfassendes Bild über alles machen können, was da geschieht. Wir haben ein Immunsystem, das 100.000 Jahre Menschheitsgeschichte hinter sich hat. Unser Immunsystem hat uns immer geholfen. Ich war erstaunt, dass wir jetzt zum ersten Mal ein Virus haben sollen, bei dem nur noch eine Impfung die Menschen retten könnte. Da war ich zugegebenermaßen etwas skeptisch – auch wegen der extrem kurzen Entwicklungszeit der neuartigen Impfstoffe, das hat es davor nie gegeben.
Multipolar: Warum kamen Sie auf die Idee, eine Datenauswertung zum Thema Impfnebenwirkungen mit Tom Lausen zu machen?
Schöfbeck: Als 2021 das Impfen gegen Corona losging, legten mir meine Mitarbeiter Berichte von schweren Nebenwirkungen bei Versicherten vor. Auch eine Mitarbeiterin unserer Kasse, die war damals in Elternzeit, hatte schwere Nebenwirkungen. Und eine Cousine von mir, die jetzt berentet ist, hat sich nie mehr davon erholt – bei ihr hat es wenige Stunden nach der Booster-Impfung begonnen. Da war für mich klar: Da müssen wir genauer hinschauen. Und wir haben ja gute Daten bei unseren rund 70 Betriebskrankenkassen mit immerhin fast 11 Millionen Versicherten. Hier wurden die Daten sämtlicher BKK-Versicherten zu einem anonymisierten Datenpool zusammengeführt. In dem kann jede Betriebskrankenkasse Auswertungen zu verschiedensten Themen machen.
Und dann bin ich auf Tom Lausen gestoßen, der ein Experte ist in diesem Bereich. Dann haben wir einen Vertrag gemacht und mit der Auswertung begonnen. Ich musste ja als Kassenvorstand unnötige Behandlungskosten verhindern und stand immer auch in einer Treuhänderpflicht für die Beiträge der Versicherten. Und schließlich sollte ich auch die Gesundheit meiner Mitarbeiter und die der Versicherten im Blick haben. Deshalb mussten wir da genauer hinschauen, als es immer mehr solcher alarmierenden Berichte nach Impfungen gab.
Multipolar: Was genau haben Sie dann herausgefunden?
Schöfbeck: Ich habe, wie gesagt, eine ziemlich große Stichprobe gehabt: knapp 11 Millionen Versicherte bei den Betriebskrankenkassen in Deutschland. Das ist absolut seriös. Das habe ich dann hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung, also rund 83 Millionen Menschen, und über die Codierungen bei den niedergelassenen Ärzten festgestellt, dass 2021 rund 2,5 bis 3 Millionen Menschen in Deutschland, also 4 bis 5 Prozent der Geimpften, in ärztlicher Behandlung waren wegen Nebenwirkungen der Corona-Impfung. Ich sage nicht, dass das alles Impfschäden sind – aber Impfschadensverdachtsfälle. Und die muss man untersuchen. Ich war überrascht über manche Kritik auch von Ärzteverbänden, die dann alles als Bagatellfälle abgetan haben, Stichwort: gerötete Einstichstelle und ein bisschen Fieber. Aber niemand hat sich die Zahlen angeschaut. Und ich habe immer gesagt: Bei einer so großen Zahl – 2,5 bis 3 Millionen – einfach zu behaupten: das waren eh alles Bagatellen, das widerspricht meinem Wissenschaftsverständnis.
Ich hatte übrigens im Vorfeld der Veröffentlichung mit dem seinerzeitigen Vorstandsvorsitzenden des BKK-Dachverbandes gesprochen und der hat dann seine Mitarbeiter im Controlling diese Analyse überprüfen lassen. Er ist zu keinem anderen Ergebnis gekommen. Sonst hätte er mich gebremst. Er hätte die Zahlen sogar veröffentlicht, aber er hätte sie nur anonym an die Presse geben wollen. Ich finde das keinen guten Stil. Da muss man dahinterstehen – und die Zahlen auf Nachfrage auch erläutern können. Auch unser BKK-Landesverband in Bayern hat die Zahlen untersucht. Die haben auch gesehen, dass unsere Analyse valide ist.
Der Code U12.9 – also „Unerwünschte Nebenwirkungen bei der Anwendung von COVID-19-Impfstoffen“ – wurde in Deutschland zum 1. April 2021 eingeführt – davor hat’s den nicht gegeben. Es gab allerdings auch vor Corona schon andere ICD-Codes für Impfnebenwirkungen. Wir haben bei unserer Analyse die Veränderungen von solchen Fällen vor und ab 2021 angeschaut und das Ergebnis um Codierungen bereinigt, die nicht im Zusammenhang mit der neuartigen Corona-Impfung standen. Wir haben uns die ärztlich diagnostizierten Nebenwirkungen natürlich immer im Verhältnis zur Anzahl der insgesamt verabreichten Impfungen angeschaut. Und wir haben gesehen: In Relation zu allen Impfungen, die es vorher gegeben hat, war das ein Vielfaches an Nebenwirkungen. Wir hatten vor den Corona-Impfungen nie im vergleichbaren Umfang Nebenwirkungen bzw. Verdachtsfälle. Wir haben übrigens Duplikate ausgeschlossen und jeden Versicherten nur einmal gezählt, wenn der zum Beispiel in mehreren Quartalen von seinem Arzt entsprechend codiert wurde.
Multipolar: Das für die Erfassung der Nebenwirkungen zuständige Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat für das gesamte Jahr 2021 weniger als 250.000 Verdachtsmeldungen nach Corona-Impfung registriert. Auch wenn man diese Meldungen von Ärzten und Betroffenen nicht eins zu eins mit den Abrechnungsdaten der Kassenärzte vergleichen kann: Die von Ihnen berechneten 2,5 bis drei Millionen wären ja ein Faktor von 10 und mehr.
Schöfbeck: Genau.
Multipolar: In Ihrem Brief vom 21. Februar 2022, dessen Inhalt wenige Tage später auch Multipolar und die Tageszeitung „Die Welt“ veröffentlichten, teilten Sie dem PEI mit: „Hochgerechnet auf die Anzahl der geimpften Menschen in Deutschland bedeutet dies, dass circa 4 bis 5 Prozent der geimpften Menschen wegen Impfnebenwirkungen in ärztlicher Behandlung waren.“ Diese Zahlen wurden später durch eine repräsentative Umfrage gestützt. Laut dieser von Multipolar 2024 initiierten und von der Neuen Osnabrücker Zeitung daraufhin beauftragten Forsa-Umfrage berichteten 4 Prozent aller Befragten und 4,4 Prozent aller Geimpften von einer ärztlich bestätigten Impfnebenwirkung. Eine präzise Übereinstimmung. Hat Ihres Wissens sonst noch eine Krankenkasse so eine Auswertung gemacht?
Schöfbeck: Es hat später noch eine Auswertung der Techniker Krankenkasse (TK) gegeben, ebenfalls mit rund 11 Millionen Versicherten, die das in etwa bestätigt hat. Dann gab es die 2022 veröffentlichten Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Die sind auch auf die gleichen Werte gekommen – dass so viele im Jahr 2021, dem wichtigsten Jahr der Impfkampagne, in Behandlung waren. Bei der KBV waren es knapp 2,5 Millionen für 2021. Wenn wir da noch die Privatpatienten dazu nehmen, ist das eine Punktlandung, was Tom Lausen und ich ausgerechnet haben. Und wir sprechen nur von denen, wo die Ärzte eine Impfnebenwirkung erkannt und das dann entsprechend codiert haben. Wir wissen ja, dass es eine beträchtliche Dunkelziffer gibt, die die Ärzte gar nicht als Impfgeschädigte erkennen.
Multipolar: Warum?
Schöfbeck: Mancher erkennt es halt nicht, das ist ja bei neuen Medikamenten oder Impfungen mit womöglich noch unbekannten Impfreaktionen gar nicht so außergewöhnlich. Wenn man keinen Verdacht hat, kann man’s auch nicht erkennen. Und dann hieß es ja immer, das sei alles ‚wirksam und sicher‘. Ein Problem könnte auch sein, dass die gleichen Ärzte, die Impfnebenwirkungen melden sollen, vorher geimpft haben. Die müssten sich ja dann ein Stück weit selber anklagen oder zumindest die Impfungen infrage stellen. Das ist schon schwierig.
Einen Aspekt habe ich seinerzeit in meinem Brief thematisiert: Wenn Ärzte einen Impfschadensverdachtsfall an das Paul-Ehrlich-Institut melden, dann hat das etwa eine halbe bis dreiviertel Stunde gedauert, wie mir Ärzte berichtet haben. Die kriegen das aber nicht vergütet – ein Problem bei dem engen Takt in vielen Praxen. Ich hatte deshalb seinerzeit vorgeschlagen, dass die Ärzte dafür ein Honorar kriegen. Ich habe die 2,5 bis 3 Millionen Fälle mal auf Meldungszeiten umgerechnet – ich glaube, da sind 1.000 Arztjahre rausgekommen, die ohne Vergütung erfolgen.
Ich war der Meinung: Interesse an solchen Meldungen über ein neues Medikament oder einen Impfstoff müsste ja eigentlich der Hersteller haben – und das sollte von dort auch bezahlt werden. Ich habe in meiner Zeit als Krankenkassenvorstand viele Vertragsverhandlungen mit Ärzten erlebt. Wenn’s ums Geld geht, ist das manchmal schon ziemlich heftig und fordernd. Deshalb dachte ich, dass die Ärzteverbände das vielleicht aufgreifen. Aber ich habe bis heute nicht mitgekriegt, dass das überhaupt mal jemand thematisiert hat. Obwohl es doch ein originäres Interesse geben müsste, dass die Ärzte das vergütet kriegen und nicht immer quasi ehrenamtlich Meldungen abgeben.
Multipolar: Sie schrieben den Brandbrief damals, im Februar 2022, sowohl an das PEI, als auch an den GKV-Spitzenverband, den BKK-Dachverband, die Bundesärztekammer, die Kassenärztliche Bundesvereinigung sowie die STIKO. Hat irgendjemand der Angeschriebenen reagiert?
Schöfbeck: Zunächst hat niemand reagiert. Die haben das alle ignoriert. Nur das PEI meldete sich – aber erst, nachdem die „Welt“ berichtet hatte.
Multipolar: Es gab erheblichen Widerstand gegen Ihren Brief. Multipolar hatte damals, im März 2022, analysiert, wie, Zitat, „die Tagesschau, eine Krankenkasse und die Bundesregierung gemeinsam ein Alarmsignal abwehren“. Hat später irgendjemand der Angeschriebenen den Kontakt zu Ihnen gesucht?
Schöfbeck: Nein. Aber ich habe andere Reaktionen gekriegt. Ich hatte ja mit Tim Röhn von der „Welt“ gesprochen, der hat meinen Brief veröffentlicht und meine Kontaktdaten nicht geschwärzt. Das hat dann dazu geführt, dass ich in kürzester Zeit um die 1.500 Mails gekriegt habe, dazu viele Anrufe. Ich hatte in dieser Zeit viel zu tun, das ganze Wochenende durch und lang in den Abend hinein. Ich bin kaum noch nachgekommen. Da waren erschreckende Reaktionen dabei. Ich kann mich erinnern, dass ein Arzt geschrieben hat, der seine Praxis erst vor elf Monaten von seinem Vater übernommen hatte: Er habe in diesen elf Monaten mehr Impfnebenwirkungen gesehen, als sein Vater vor ihm in über 20 Jahren. Zwei Mütter haben mir Bilder beigefügt zu ihren Mails, von ihren verstorbenen Kindern, die in der Früh tot im Bett waren. Bei einem Kind war Blut im Gesicht, bei dem anderen Schaum vorm Mund – beides unmittelbar nach der Impfung. Mir haben so viele Leute, gerade auch Ärzte, Physiotherapeuten, Hebammen, so dramatisch beschrieben, was sie beobachten. Ich habe vieles nur querlesen können. Aber das war erschütternd.
Aus Tübingen rief die leitende Notärztin Lisa Federle an. Sie hat mir berichtet, dass sie zum Thema Impfnebenwirkungen mit dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer im Gespräch sei. Der habe das nicht für möglich gehalten, dass so eine kleine Krankenkasse so eine Auswertung machen kann. Ich habe ihr dann erklärt, dass ich Daten auch von anderen Kassen habe, sonst wäre die Stichprobe zu klein gewesen. Ein paar Stunden später rief dann Boris Palmer an, dem habe ich auch nochmal alles erklärt. Der hat verstanden, dass diese Zahl valide ist, weil wir Daten von 11 Millionen Versicherten hatten. Palmer ist ja ein Zahlenmensch, Mathematiker glaube ich vom Studium her.
Multipolar: Das war ja dann gerade mal zwei Monate nach einem anderen Brandbrief, dem an Karl Lauterbach vom Dezember 2021, in dem Palmer und Federle geschrieben haben, dass sie „im engsten Familienkreis Fälle schwerer bis sehr schwerer Nebenwirkungen nach Impfungen erlebt“ haben, „die nach Auffassung der behandelnden Ärzte mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die kurz zuvor erfolgte Impfung mit mRNA-Impfstoffen zurückzuführen sind“.
Schöfbeck: Ja genau. Und von mir hat Palmer dann den fachlichen Hintergrund dazu bekommen, den er vorher noch nicht hatte. Bis dahin waren es Beobachtungen, und jetzt habe ich ihm objektive Zahlen geliefert, die das untermauern, was er vorher schon kritisch gesehen und ja auch schon an Karl Lauterbach geschrieben hatte.
Multipolar: Haben außer der „Welt“ und dem „Schwäbisches Tagblatt“ überhaupt etablierte Medien bei Ihnen nachgefragt und danach berichtet?
Schöfbeck: „Focus online“ hat schon auch kritisch berichtet, hat sich aber nicht verkneifen können, den „Schwurbler“-Vorwurf von Dirk Heinrich, dem Chef des Virchowbundes, zu zitieren.
Multipolar: Heinrich, damals auch ärztlicher Leiter des Corona-Impfzentrums in den Hamburger Messehallen, sprach mit Blick auf Ihre Auswertung von „undifferenzierter Schwurbelei“.
Schöfbeck: Es gab noch viele andere Berichte, da wurde viel geframt und ‚eingeordnet‘. Das Erstaunliche ist: Niemand von denen hat sich mit den Zahlen selbst auseinandergesetzt. Dazu hätten sie mich ja gerne kritisch befragen können. Ich dachte immer, das sei gute journalistische Praxis. Aber da gab’s null Reaktionen. Das ist doch eigentlich Aufgabe der Medien: so was zu hinterfragen. Und nicht zu schauen: Mit wem könnte der Schöfbeck denn in Verbindung stehen, oder was hat er früher mal gesagt, womit wir das Ganze diskreditieren können.
Multipolar: Hatte der „Spiegel“ sich bei Ihnen gemeldet?
Schöfbeck: Nein.
Multipolar: Der „Spiegel“ fasste damals die Kritik an Ihrer Auswertung zusammen. Demnach hätten Sie nicht unterschieden zwischen harmlosen Symptomen nach einer Impfung wie Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Schmerzen an der Einstichstelle, und schweren, anhaltenden Gesundheitsproblemen. In der BKK-Provita-Erhebung wären auch solche milden und erwartbaren Impfreaktionen erfasst, etwa wenn ein Patient wegen Unwohlsein nach einer Impfung eine kurze Krankschreibung benötigte. Solche Symptome seien aber nicht meldepflichtig beim PEI. Was sagen Sie zu diesem Einwand?
Schöfbeck: Kopfschmerzen, Müdigkeit oder Schmerzen an der Einstichstelle – das ist natürlich so, dass solche Fälle dabei sind. Deshalb war ja mein Anliegen: Die Zahlen gehören analysiert! Ich habe nicht gesagt, dass das alles Impfschäden sind. Ich habe immer von Impfschadensverdachtsfällen gesprochen. Und wenn Ärzte Nebenwirkungen einer Impfung codieren, dann steht der Verdacht immer im Raum. Natürlich kann ich in meiner Auswertung nicht sehen, wie schwer jede Diagnose war. Aber man könnte genau an dieser Stelle in tiefere Analysen einsteigen – das war mein Anliegen. Dann hätte man sehen können: Wer hat extreme Krankheitsbilder entwickelt? Welche Begleiterkrankungen hat es gegeben? Das wäre alles so leicht möglich gewesen – die Kassen haben diese Daten ja alle. Aber meines Wissens hat das PEI genau diese Auswertung immer noch nicht gemacht. Und jetzt sind schon wieder viereinhalb Jahre seit meiner Datenabfrage vergangen.
Ich hätte mir gewünscht, dass Medien wie der „Spiegel“ genau dazu ihre Fragen stellen: Es kann schon sein, dass bei den 2,5 bis 3 Millionen Fällen auch leichte Rötungen der Einstichstelle dabei waren. Aber die schiere Millionenzahl sollte doch stutzig machen. Selbst wenn dann, sagen wir, 30 Prozent der Fälle leichte Impfreaktionen waren, würden ja immer noch irre Zahlen im Raum stehen, die geklärt werden müssen. Darum ist es mir gegangen. Es hat auch keine andere Krankenkasse unseren Daten widersprochen. Hätten andere Kassen bei ihren Auswertungen andere Ergebnisse gehabt, dann hätten sie uns ja auch inhaltlich widersprochen. Nochmal: Das hat bis heute niemand getan, die Zahlen sind sauber.
Multipolar: Trotzdem wurde wenige Tage später, am 1. März 2022, eine Verwaltungsratssitzung einberufen, auf der Ihnen fristlos gekündigt wurde. Wie lief das ab?
Schöfbeck: Ich war ja selbst nicht dabei und wurde nur ganz am Ende per Video dazugeschaltet. Kritisiert wurde auf der Sitzung wohl unter anderem, dass ich in meinem Brandbrief dem PEI eine relativ kurze Frist gesetzt habe, 36 Stunden. Ich bin nach wie vor der Meinung: Das ist nicht kurz, wenn es um eine mögliche Gefahr für Leib und Leben von Menschen geht. Dann haben sie natürlich meine Mails durchforstet, um noch andere Gründe zu finden. Aber es ist klar, dass es letztlich nur einen Grund gab: Dass ich diesen Brief geschrieben und dazu auch Interviews gegeben habe. Alles andere ist konstruiert.
Ich muss nochmal kurz zurückgehen: Das Paul-Ehrlich-Institut hatte sich ja dann doch ziemlich schnell bei mir gemeldet, aber erst, als die Nachricht der „Welt“ viral gegangen ist: Sie hätten Interesse an den Daten. Ich sagte: Wunderbar, die würde ich gern mit Ihnen besprechen, es wäre aber wichtig, dass auch der PEI-Präsident Klaus Cichutek dabei ist. Das war für sie okay, wir haben einen Termin ausgemacht – für den 1. März um 16 Uhr. Und wie es der Zufall so will, wurde an jenem 1. März vormittags eine außerordentliche Verwaltungsratssitzung bei unserer Kasse anberaumt. Mittags so gegen eins, halb zwei wurde mir dann eröffnet, dass ich fristlos gekündigt bin. Ich habe dann die Daten nicht mehr besprechen können mit dem Paul-Ehrlich-Institut. Tom Lausen war bei dem Video-Termin mit Klaus Cichutek noch kurz dabei, man hat ihm aber den Ton weggenommen, er konnte nicht sprechen. Mein damaliger Stellvertreter hat das dann schnell beendet, wie ich hörte.
Es gab insgesamt drei Kündigungen gegen mich – eine außerordentliche, eine ordentliche und sechs Wochen später noch mal eine ordentliche. Wegen etlicher Formfehler hat das Landgericht München I im Juni 2025 die ersten beiden Kündigungen schon mal aufgehoben. Dagegen ist die Kasse in Berufung gegangen. Das liegt seit über einem Jahr beim Oberlandesgericht München. Ich warte darauf, dass eine Verhandlung terminiert wird. Ich bin jetzt 63 und habe einen Antrag gestellt, dass mir meine betriebliche Altersvorsorge ausgezahlt wird, die ich in über 20 Jahren erworben habe, laut meinem Vertrag kann ich das kapitalisieren. Aber die Kasse will mir nicht einmal den unstreitigen Betrag auszahlen – mit Hinweis auf den laufenden Rechtsstreit. Ich gehe mal davon aus, dass sie mir gewaltige Säumniszuschläge zahlen müssen. Also wenn sie so mit Versichertengeldern umgehen wollen, dann ist das deren Sache.
Multipolar: Was machen Sie heute?
Schöfbeck: Ich bin aus dem Beruf ausgeschieden. Ich lebe jetzt mit meiner Frau die meiste Zeit des Jahres im Ausland, in Portugal. Ich fühle mich da sehr wohl. Im Sommer sind wir dann meist für ein paar Wochen in Südtirol.
Multipolar: Wenn Sie in den Februar 2022 zurückreisen könnten – würden Sie sich angesichts Ihrer Erfahrungen in den Jahren danach anders entscheiden oder würden Sie Ihren Brief wieder schreiben?
Schöfbeck: Natürlich würde ich das wieder so machen. Ich habe das seinerzeit ganz sachlich abgewogen. Ich habe das im Rahmen meines Auftrags als Vorstand der BKK ProVita gemacht, aus meiner Verantwortung für die Kasse, für unsere Versicherten und für meine Mitarbeiter. Deshalb würde ich diesen Brief wieder schreiben, das ist gar keine Frage. Jede unternehmerische Entscheidung ist ja auch immer eine ethische Entscheidung. Und wenn man die Verantwortung trägt, dann muss man sich der auch stellen – und nicht immer überlegen: Was könnte dann alles geschehen?
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