Zur Bewertung der Coronalage im März 2020
STEFAN HOMBURG, 10. August 2026, 7 Kommentare, PDF1. Auslandsdaten
Da sich das Coronavirus zunächst in China ausbreitete, verschaffte sich das Robert Koch-Institut (RKI) zeitnahe Informationen über die dortige Situation. Bereits im Februar 2020, also lange bevor drastische Maßnahmen überhaupt erwogen wurden, erkannten und notierten die Beamten, dass es in keiner einzigen chinesischen Provinz ein „exponentielles Wachstum“ der Fallzahlen gab:

RKI-Papier, 28. Februar 2020, Quelle: rki-transparenzbericht.de, Zusatzmaterial 2020, Ordner 2020-02-28_Lage_AG, Datei 2019-nCoV_risikogebiet_2020-12-28_final.pptx
In der fünften Spalte der obigen Tabelle vermerkte das RKI außerdem, dass harte Maßnahmen nur in der Provinz Hubei und einigen Teilprovinzen verhängt wurden. Im Gegensatz zu Deutschland war die chinesische Gesundheitspolitik anfangs föderal ausgestaltet. Die RKI-Fachleute erkannten darüber hinaus, dass die Ausbreitung des Coronavirus in China dem für Atemwegsinfektionen typischen Muster folgte (Quelle der Grafik wie oben):

Bis hier zusammengefasst erreichte die Coronawelle in China Mitte Februar 2020 ihren Höhepunkt und lief dann in gewohnter Weise aus, obwohl nur wenige Provinzen bzw. Teilprovinzen drastische Maßnahmen ergriffen. Das RKI erkannte im Februar 2020, dass sich das neue Coronavirus keineswegs „exponentiell” ausbreitete, sondern ähnlich wie die vier traditionell umlaufenden Coronaviren oder die Influenza. Weil China das natürlich auch wusste, hat es im Gegensatz zum bekannten Narrativ keineswegs einen landesweiten Lockdown verhängt, sondern sich auf lokale Maßnahmen beschränkt.
2. Erkenntnisse des RKI im März 2020
Deutschland hat ein vorbildliches Überwachungssystem für Schwere Akute Respiratorische Infektionen (SARI), die von Sentinel-Kliniken direkt an das RKI gemeldet werden. Laut RKI sind diese Daten, die sämtliche Erreger umfassen, „bundesweit repräsentativ“.
Wären die Daten nicht repräsentativ, würde die Überwachung auch keinen Sinn ergeben. Im Vergleich zum Grippeweb (Meldungen Privater) und den ARE (Meldungen von Arztpraxen) sind SARI-Zahlen zuverlässiger, weil sie nicht von subjektiven Empfindungen oder der Anzahl von Praxisbesuchen abhängen. Die Einlieferung in ein Krankenhaus mit schwerer Atemwegserkrankung ist eine harte Tatsache. Ähnlich wie PCR-Zahlen werden zwar auch SARI- Zahlen nicht in Echtzeit übermittelt, sondern mit einem gewissen Zeitverzug, doch bewerteten die RKI-Mitarbeiter ihr Überwachungssystem im Februar 2020 durchweg positiv. Sie notierten, die Daten kämen zeitnah, das System sei gut etabliert, und es erlaube (im Gegensatz zu den neuartigen PCR-Zahlen) Vergleiche mit Vorjahren.

Protokoll des RKI-Krisenstabs, 12. Februar 2020
Hervorzuheben ist, dass SARI zur syndromischen Überwachung gehören, nicht zur virologischen: Die SARI-Zahlen umfassen unabhängig vom auslösenden Erreger sämtliche Atemwegserkrankungen. Infektionen durch SARS-CoV-2 gehören ebenso dazu wie Grippeinfektionen oder bakterielle Pneumonien. SARI werden im Gegensatz zu anderen Erkrankungen besonders überwacht, weil sie saisonalen Schwankungen unterliegen und das RKI sie daher im Hinblick auf mögliche Überlastungsgefahren im Auge behält.

RKI, SARI-Hospitalisierungsinzidenz 2018-2026, Quelle
Wie die obenstehende Grafik zeigt, erkannte das RKI den Rückgang der SARI Mitte März 2020. Das Maximum schwerer Atemwegserkrankungen lag mit einem Wert von 26 in der Woche vom 2. bis zum 8. März 2020 deutlich unter den Maxima der Vorjahre. Danach gingen die SARI-Zahlen zurück. Wäre das neue Coronavirus ansteckender oder gefährlicher gewesen als die vier bekannten Coronaviren oder andere Auslöser, dann hätte sich dieser Umstand in außergewöhnlich hohen SARI-Zahlen niederschlagen müssen. Die damaligen Beobachtungen belegten genau das Gegenteil. Sie unterstützten die oben zitierte Evidenz aus China vom Februar 2020, wonach das fünfte Coronavirus nicht besonders gefährlich war.
Infolge des bereits erwähnten Zeitverzugs zwischen Ansteckung, Einlieferung in eine Klinik und Übermittlung ans RKI sanken die Ansteckungen noch früher als in der Abbildung ersichtlich, also weit vor den ersten Grundrechtsbeschränkungen. Bei Inkrafttreten des Lockdowns am 23. März 2020 war die Zahl der SARI bereits stark gesunken. Die Grafik zeigt darüber hinaus, dass der Lockdown keinen erkennbaren Einfluss auf den Rückgang der Atemwegserkrankungen hatte. Vielmehr lief die Erkältungswelle im Frühjahr 2020 nach demselben Muster aus wie in allen anderen Jahren.
Die höchsten SARI-Zahlen finden sich laut Grafik während der Grippewelle Anfang 2018 und am Ende der Impfkampagne 2022. Demgegenüber war das Jahr 2020 klinisch unauffällig, was wie dargelegt nicht an den Maßnahmen liegen kann, weil diese erst nach Auslaufen der Erkältungswelle erlassen wurden.

Gelegentlich wird eingewandt, freiwillige Verhaltensänderungen hätten den Rückgang der Erkältungen bewirkt. Dies widerlegt aber der für diese Phase verfügbare Mobilitätsindex. (Quelle) Die Grafik zeigt, wie stark das Mittel der erfassten Aktivitäten (Handel, Erholung, Drogerien, Apotheken, Nahverkehr, Parks, Arbeitsplätze) im März 2020 von den Vergleichswerten der Vormonate abwich. (Die Grafik umfasst den Zeitraum vom 1. bis 31. März 2020.) Offensichtlich brach die Mobilität erst am 16. März ein, was nicht verwundert, weil die Schulen an diesem Tag und in der Folge geschlossen blieben. Da die SARI zu einem früheren Zeitpunkt sanken, die Ansteckungen erst recht, kann der Rückgang der Mobilität nicht ursächlich gewesen sein. Plausibler ist, dass die Erkältungen aus demselben Grund zurückgingen wie in allen anderen Jahren: Mehr Wärme und Sonne, Frühling.
Zumindest in seiner Außenkommunikation ignorierte das RKI die SARI-Zahlen als sein zentrales Überwachungselement und orientierte sich stattdessen an PCR-Massentests, für die das Institut aufgrund der Einführung im März 2020 keine Vergleichszahlen aus Vorjahren hatte. Befragt, warum er auf PCR-Tests fokussierte und klinische Daten ignorierte, behauptete der damalige RKI-Vizepräsident und heutige Präsident Lars Schaade in der Sitzung der Enquetekommission vom 7. Mai 2026, zumindest anfangs habe ein „relativ klarer Zusammenhang“ zwischen PCR-Zahlen und wirklichen Erkrankungen bestanden (bei 1 Stunde 34 Minuten in der amtlichen Aufzeichnung). Diese Behauptung ist nicht nur unwahr, sondern sie widerspricht den vom RKI veröffentlichten Zahlen diametral.

Man erkennt aus der Grafik, dass die SARI-Zahlen vor Verhängung des Lockdowns sanken, während die PCR-Zahlen stiegen. Beide Zeitreihen waren negativ korreliert. Die Zunahme der irreführenden PCR-Zahlen beruhte im Wesentlichen auf der politischen Vorgabe, immer mehr PCR-Tests durchzuführen.
Ergänzend sei bemerkt: Zum Zeitpunkt des Inkrafttretens des Lockdowns betrug die 7-Tage- Inzidenz 27. Als die Inzidenz am 24.03.2022 mit 1.935 ihr Maximum erreichte, verhängte die Politik keine strengen Maßnahmen. Insofern haben PCR-Zahlen weder die Krankheitslast angezeigt, noch waren sie politikleitend. Die Politik wechselte vielmehr zwischen Verdopplungszeiten, R-Werten und 7-Tage-Inzidenzen, um zu bemänteln, dass sie in Wahrheit Maßnahmen ohne jegliche medizinische Inzidenz verhängte. Parallel blendeten Politik und RKI den zentralen Krankheitsindikator aus. Der Öffentlichkeit ist der Fachbegriff SARI bis heute nicht bekannt, und sie hat nie erfahren, dass es während der gesamten sogenannten Pandemie keine außergewöhnliche Erkrankungssituation gab.
Neben der syndromischen Surveillance, zu der die SARI gehören, betreibt das RKI seit der Jahrtausendwende auch eine virologische Surveillance, die die verschiedenen Typen der Erreger von Atemwegserkrankungen unterscheidet.

Anteil verschiedener Viren am Gesamtaufkommen (2019-2023), Quelle: RKI-Daten, rki-transparenzbericht.de, dort im Zusatzmaterial vom 29. März 2023 archiviert als „syndrom-ARE-SARI-COVID_bis_KW12_2023_für-Krisenstab.pptx
Hiernach wechseln unterschiedliche Typen von Atemwegsviren, insbesondere Corona, Influenza, Rhino und RS, fortlaufend einander ab. Der Öffentlichkeit ist das nicht bewusst, weil die Symptome meist unspezifisch und ähnlich sind und konkrete Erreger nur durch Labortests zuverlässig ermittelt werden können. Die Abbildung verdeutlicht, dass 2020 Humane Rhinoviren (HRV) dominierten, 2021 Rhino- sowie die Coronaviren NL63 und SARS-CoV-2, während 2022 die Influenza übernahm.
Demgemäß hätte man 2020 aufgrund von PCR-Tests schreiben können, es gäbe eine hohe „Rhino-Inzidenz“, viele „Rhinofälle auf Intensivstation“ und viele „Rhinotote“. Das wurde jedoch nicht getan, und es wäre auch nicht sinnvoll gewesen, weil es aus sozialmedizinischer Sicht nur auf die Gesamtbelastung der Kliniken bzw. auf Gesamtsterbezahlen ankommt und nicht auf einzelne Erregerarten. Insofern war der Wechsel vom bewährten SARI-Indikator zu neuartigen PCR-Zahlen ein Kardinalfehler der Coronapolitik.
3. Kliniksituation in Deutschland
Wenn saisonale Erkältungen auslaufen und die Politik elektive Operationen verbietet, resultiert eine starke Unterbelegung der Kliniken. Im Folgenden wird aus den Protokollen zitiert, die das RKI selbst veröffentlichte, nachdem ein Whistleblower sie durchgestochen hatte.

Am 24. März 2020 notierte das RKI zunächst, dass SARS-CoV-2 nicht breit zirkuliere. Am folgenden Tag entschied es, diese wichtige Tatsache nicht nach außen zu kommunizieren und gab als Grund an, der Lockdown sei bei Kenntnis der Fakten kaum zu rechtfertigen. Von großer Bedeutung ist auch der folgende Satz zur Unterauslastung der Kliniken: Das RKI stellte fest, die Bettenbelegung sei vom Normalwert 90 Prozent auf 50 Prozent gesunken. Dies zeigt, dass die krasse Unterbelegung im März 2020 durchaus bekannt war.
Auch die Daten des von RKI und DIVI gemeinsam betriebenen Intensivregisters dokumentierten die laut Gesundheitsministerium historisch beispiellose Unterbelegung der Intensivstationen frühzeitig. Wichtig ist bei der Interpretation der folgenden Grafik, dass die im März 2020 aufgebaute DIVI-Statistik nicht bloße „Betten“ zeigt, die stets reichlich vorhanden sind, sondern nur „betreibbare Betten“, für die ausreichend Personal zur Verfügung steht.

Die Kapazität an betreibbaren Betten hängt in erster Linie vom Personal ab. Die Daten der letzten Jahre dokumentieren, dass eine Belegung der Intensivstationen von rund 86 Prozent normal ist. Für das Jahr 2020 ist jedoch eine Unterbelegung festzustellen, die durch Freihalteprämien künstlich erzeugt wurde. Die stärkste Auslastung im Zeitraum fällt erneut in den Dezember 2022.

Das RKI stellt keine tagesscharfen Zahlen für die Gesamtauslastung der Kliniken zur Verfügung, also Normal- plus Intensivstationen. Die Gesamtauslastung lässt sich aber den Zeitreihen des Inek entnehmen, das als halbstaatliches Institut die Fallpauschalen abrechnet und folglich zuverlässige monetäre Daten liefert. Wie die vorstehende Abbildung dokumentiert, brachen 2020 nicht nur die Intensivfälle, sondern die gesamten stationären Krankenhausfälle deutlich ein, und zwar um über 14 Prozent.
An dieser Stelle sei betont, dass in diesem Artikel Narrative und jede Art Hörensagen außer Betracht bleiben. Das gilt sowohl für angebliche örtliche Überlastungen als auch für die zahlreichen „Jerusalema Challenge“ Tanzvideos gelangweilter Klinikmitarbeiter, dokumentiert etwa von den Muldentalkliniken. Zu lokalen Überlastungen bzw. Verlegungen kommt es aus weiter unten genannten Gründen oft, und man findet hierzu in allen Jahren Zeitungsberichte. Diese objektiven Daten sind unstreitig. Gelegentlich wird aber eingewandt, regional habe es durchaus Notstände gegeben. Dieser Einwand wird in zwei Schritten analysiert.
3.1 Sächsische Klinikbelegung

Vorstehend wird zunächst die Klinikbelegung im oft als Ausnahme- bzw. Katastrophenfall genannten Sachsen betrachtet. In Sachsen zeigt sich aber dasselbe Muster wie sonst: Die Fall- zahlen der Krankenhäuser brachen 2020 massiv ein. Bundesweit wurden bis Juli sogar 400.000 medizinische Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt.
3.2 Patientenverlegungen
Im zweiten Schritt wird quantitativ die Bedeutung des sogenannten Kleeblattmechanismus überprüft. Dieser wurde nach Angaben des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe entwickelt, um in Katastrophenfällen regionale Überlastungen der Intensivstationen zu vermeiden. Die Verlegung eines Patienten in eine andere Klinik ist insbesondere dann notwendig, wenn es in der betreffenden Intensivstation (ITS) keine freien Plätze gibt. Dieser Fall tritt oft auf, und zwar aus folgendem Grund: Verfügt eine ITS über zehn betreibbare Betten, von denen neun belegt sind, dann muss bereits nach einem Autounfall mit zwei Schwerverletzten einer der Patienten verlegt werden. Ein weiterer Grund für Verlegungen sind bessere Behandlungsmöglichkeiten. Die folgende Grafik zeigt die bundesweite Entwicklung der Verlegungen seit 2019.

Die Gesamtverlegungen, immerhin rund 600.000 erfasste Abrechnungsfälle jährlich, nahmen 2019 ihr Maximum an, die ITS-Verlegungen 2025. Im Jahre 2020 waren beide Verlegungsarten unauffällig. Analysiert man die Daten für Bayern und Sachsen separat, zwei Länder, die sich besonders öffentlichkeitswirksam beim Kleeblatt hervortaten, zeigt sich dasselbe Bild. Die vergleichsweise geringe Anzahl von Verlegungen im Jahre 2020 kann aus zwei Gründen nicht verwundern: Erstens litten die Kliniken insgesamt und vor allem die ITS unter einer enormen Unterbelegung, wie weiter oben gezeigt. Zweitens berichtete die Ärztezeitung im Dezember 2021, dass im Rahmen der Kleeblattaktion nur 93 Patienten verlegt wurden.
Anders ausgedrückt entfielen von rund 200.000 ITS-Verlegungen jährlich ganze 0,05 Prozent auf die Kleeblattaktion. Abgesehen von der Frage, warum man schwerkranke Patienten von München nach Hamburg fliegt, statt sie in der Nähe zu versorgen, hat das Kleeblatt jedenfalls keine sozialmedizinische Bedeutung gehabt, sondern war eine Showaktion.
4. Wissenschaft versus Politik
Als zuständige Behörde hatte das RKI über Jahre einen „Nationalen Pandemieplan“ entwickelt, mit angemessenen Reaktionen auf internationale Virenausbrüche. Am 4. März 2020 ergänzte das Institut den Plan im Hinblick auf die Verbreitung des Coronavirus:
- Nationaler Pandemieplan Teil I (PDF)
- Nationaler Pandemieplan Teil II (PDF)
- Ergänzung zum Nationalen Pandemieplan (4.3.2020) (PDF)
Die zitierten Dokumente beruhen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und beschreiben traditionelle Verfahrensweisen bei Diagnostik, Patientenversorgung usw. In seiner Ergänzung vom 4. März 2020 verwies das RKI überdies ausdrücklich auf die SARI-Statistik (S. 16). Hervorzuheben ist, dass die Fachleute extreme Maßnahmen wie Lockdowns, Kita- und Schulschließungen oder Ausgangssperren nicht einmal für Ihre Worst-Case-Szenarien erwähnten.
In der ersten Märzhälfte 2020 hielt das RKI aufgrund der klaren klinischen Evidenz an seiner zurückhaltenden Risikobewertung fest und urteilte noch am 19. März im Einklang mit dem „Nationalen Pandemieplan“, den Daten und der Literatur, freiwillige Verhaltensänderungen seien wirksamer als Zwangsmaßnahmen. Im Dokument „Empfehlung: Nationale Kampagne zur Förderung der sozialen Distanzierung in Deutschland“ beschrieb das Institut die Vorteile der Freiwilligkeit gegenüber Grundrechtseinschränkungen detailliert. (Quelle: rki-transparenzbericht.de, dort im Zusatzmaterial vom 20. März 2020 archiviert als „Nationale Kampagne-soziale Distanzierung_2020-03-19.pdf“)
Indes beschloss eine politische Elefantenrunde, an der Bundeskanzlerin Angela Merkel, Vizekanzler Olaf Scholz, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Bundesinnenminister Horst Seehofer teilnahmen, entgegen aller Evidenz am 15. März 2020 die Vorbereitung eines landesweiten Lockdowns. Auf welchen Motiven ihre Entscheidung beruhte, ist nicht Gegenstand dieses Artikels und überdies unklar, weil die Zusammenkunft trotz ihrer enormen Bedeutung nicht protokolliert wurde. Ebenfalls am 15. März verkündete Bundesinnenminister Horst Seehofer die teilweise Schließung der Außengrenzen.
Das RKI musste sich den politischen Vorgaben beugen und die Risikobewertung „hochskalieren“. Auch in der Folge wurde das RKI wiederholt angewiesen, die Risikobewertung hochzuhalten, wie seine internen Protokolle belegen:

Laut Protokoll vom 10. September 2021 erwog das RKI sogar juristische Schritte gegen die Bundesregierung, sah aber offenbar ein, dass es als weisungsgebundene Behörde machtlos war. Nach außen hin vertrat das RKI die politischen Entscheidungen, intern vertrat es das Gegenteil.
5. Zusammenfassung
In diesem Artikel wurde gezeigt, dass im März 2020 zunächst Daten aus China der Annahme einer Gefahrenlage entgegenstanden. Die dortigen Zahlen belegten, dass sich die Coronawelle keineswegs „exponentiell“ ausbreitete, sondern in Form der lehrbuchmäßigen Epikurve auslief, wie alle Erkältungswellen. Überdies riegelte China 2020 im Gegensatz zu Deutschland nur einige Städte ab, statt das ganze Land herunterzufahren.
Zentral für die damalige Bewertung der Situation in Deutschland war der Rückgang schwerer Atemwegserkrankungen (einschließlich Covid-19), die das RKI fortlaufend besonders überwachte. Diese SARI erreichten in der Woche vom 2. bis zum 8. März 2020 ihr Maximum und sanken danach. Die zugrundeliegenden Ansteckungen sanken infolge der Inkubationszeit noch früher, etwa ab Aschermittwoch am 26. Februar 2020. Außerdem fiel die Klinikbelegung auf einen historischen Tiefstand. Den Behörden und der Politik waren all diese Fakten bekannt, weshalb die Fachleute des RKI noch am 19. März 2020, als die irreführenden Bilder aus Bergamo zu kursieren begannen, ausdrücklich vor Zwangsmaßnahmen warnten.
Alle damaligen Daten und Dokumente belegen zweifelsfrei, dass Grenzschließungen, Lockdowns, Kita- und Schulschließungen, Maskenzwang, Demonstrations- und Kontaktverbote politische Fehlentscheidungen waren, die in eklatantem Widerspruch zu der im März 2020 vorliegenden klinischen Lage standen und ebenso in Widerspruch zu den Empfehlungen des RKI. Schweden, South Dakota, Japan, Südkorea, Tansania, Burundi und viele weitere Staaten verhängten keine Lockdowns und fuhren gut damit.
Schweden, das sich als einziges europäisches Land dem internationalen Druck widersetzte, seinen Fachleuten folgte und auf Lockdowns oder Maskenzwang verzichtete, hatte sogar im Zeitraum 2020-23 die niedrigste altersbereinigte Übersterblichkeit aller europäischen Länder.
Angesichts dieser Tatsachen besteht kein Zweifel, dass die deutsche Coronapolitik gegen jede Evidenz beschlossen wurde und unermessliche Schäden verursacht hat. Offen bleibt, ob die Fehlentscheidungen auf Vorsatz, einfacher oder grober Fahrlässigkeit beruhten. Im Gegensatz zu unwiderlegbaren Tatsachen sind die Motive der Handelnden bis heute streitig. Warum China einige wenige Städte abriegelte, Italien den ersten landesweiten Lockdown der Menschheitsgeschichte verhängte und Deutschland diesem Kurs folgte, ist Gegenstand laufender Diskussionen, verdient aber noch mehr Beachtung.
Über den Autor: Dr. Stefan Homburg, Jahrgang 1961, ist Universitätsprofessor für Öffentliche Finanzen der Leibniz Universität Hannover. Bundestagspräsidentin Julia Klöckner berief ihn 2025 in die Corona-Enquetekommission des Deutschen Bundestags, der er seither als sachverständiges Mitglied angehört.
Titelbild: RKI-Vizepräsident Lars Schaade am 16. März 2020 | Bild: picture alliance / dpa / Paul Zinken
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